Seit Corona steht die Welt still - jedoch nicht bei den Landwirten

Während das öffentliche Leben derzeit nahezu stillsteht und Ausnahmezustand herrscht, beginnt für die heimischen Bauern die stressigste Zeit des Jahres. Eine paradoxe Situation.

Marc Uthmann

Landwirt Ulrich Holz fühlt sich an Bord seines Treckers derzeit manchmal in einer anderen Welt. Foto: Marc Uthmann - © Marc Uthmann
Landwirt Ulrich Holz fühlt sich an Bord seines Treckers derzeit manchmal in einer anderen Welt. Foto: Marc Uthmann (© Marc Uthmann)

Versmold. Wenn Ulrich Holz derzeit in das Führerhaus seines Treckers steigt, dann ist es ein wenig, als würde die Welt für ihn auf die Größe seiner Fahrerkabine schrumpfen. „Man ist auf dem Feld unterwegs, ackert, macht und tut – und um mich herum gehen plötzlich ganz viele Leute spazieren, weil sie momentan in Kurzarbeit sind oder sonst nicht mehr rauskommen“, sagt der Landwirt, der beim Versmolder Ortsverband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Die Landwirte hingegen haben in diesem Jahr wochenlang sehnsuchtsvoll darauf gewartet, dass endlich der Regen aufhört, damit sie ihre Äcker wieder befahren und düngen können. „Um uns herum steht die Welt still und bei uns läuft es auf Hochtouren, weil wir verspätet auf die Felder gekommen sind“, sagt Ulrich Holz – doch die Corona-Krise lässt auch ihn nicht so richtig los: „Schließlich läuft bei mir im Trecker ja immer das Radio.“

„Es kommt vereinzelt zu logistischen Engpässen“

Der 51-Jährige betreibt auf einer Fläche von 100 Hektar Saatgutvermehrung – auf sein Geschäft hat sich die Krise noch nicht ausgewirkt, ähnliches berichtet er von den Viehhaltern. „Die Betriebe haben Düngemittel und Pflanzenschutz-Produkte geordert, da ist viel Ware schon 2019 in die Lager der Händler gefahren worden und wird jetzt ausgeliefert. „Die Transporte bleiben ja erlaubt – maximal kommt es aktuell zu logistischen Engpässen und deshalb zu ein oder zwei Tagen Verzögerung bei der Anlieferung.“ Für Viehhalter sei auch die Versorgung mit Arbeitskräften in der Corona-Krise – anders als in der Erntebranche (siehe Kasten) in den meisten Fällen gesichert.

„Wenn unsichere Zeiten herrschen, wirkt sich das bei uns am ehesten über Preise aus“, erklärt Holz. Sojaschrot etwa als Basis für eiweißreiches Futter komme aus Südamerika. „Da kriegen die Bauern ihre Ware nicht mehr zum Hafen und sie wird hier knapp, der Preis ist um ein Drittel gestiegen.“ Zusatzstoffe für die Tiernahrung würden aus China geliefert – auch hier komme es deshalb mitunter zu Engpässen. „Aktuell sinkt in der Krise hingegen der Schweinepreis. Das kommt den Verarbeitern zugute, aber natürlich nicht den Bauern. Doch die fürchten sich aktuell ohnehin vielmehr vor der afrikanischen Schweinepest als vor Corona. Denn die steht weiterhin vor der Tür“, warnt der Landwirt. Schwierige Zeiten herrschten aktuell für Molkereien und Schlachtbetriebe, die ins Ausland lieferten – weil der Absatz unter der Abschottung der Länder leide. „Der innerdeutsche Handel funktioniert aber.“

Auch die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten sieht Holz intakt: „Es wird jetzt zwar viel weniger gastronomisch konsumiert – aber dafür viel mehr zu Hause.“ Einzelne Verlierer solcher Entwicklungen gebe es allerdings – wie etwa die Bullenmastbetriebe. „Die liefern nämlich hauptsächlich an die Gastronomie.“

Und auch was Hygienevorschriften angeht, ist die Landwirtschaft schon lange an den Umgang mit Krisen gewöhnt. „Gerade in der Tierhaltung müssen wir ja ohnehin ständig auf den Umgang mit Viren reagieren – das war übrigens auch der Grund dafür, dass die Betriebe so viel Schutzkleidung und Masken spenden konnten, die ja sonst für Betriebsbegehungen vorgeschrieben sind“, erklärt der Versmolder.

Also gut, die Corona-Pandemie bedroht die Landwirtschaft also nicht unmittelbar in ihrer Existenz. Doch wird sie langfristig massiv von ihr verändert? Schon längst läuft die wissenschaftliche Debatte darüber, ob die moderne Massentierhaltung den Ausbruch von Pandemien nicht begünstige.

„Nicht die Pandemie wird die Menschen zum Umdenken bringen“

Also heißt es bald: Zurück zur Regionalität und genetischen Vielfalt? Ulrich Holz glaubt nicht daran: „Die Nachfrage wird sich in Zukunft ändern, ja. Aber nicht, weil uns die Pandemie zum Umdenken gebracht hat. Sondern weil es bei den Menschen ohnehin schon einen Trend zum bewussteren und qualitativ hochwertigeren Konsum von Lebensmitteln gibt.“

Dann muss es Landwirt wieder auf seine Felder. Ein Gutes habe es übrigens, wenn die Spaziergänger ihn nun beim Ackern beobachten könnten, sagt Ulrich Holz und schmunzelt: „Dann sehen die mal, dass wir den Trecker auch zum Arbeiten haben, und nicht nur, um damit zu Demonstrationen zu fahren.“

Spargelhof Borgmeyer bangt weiter

- Mit einer zwölfköpfigen Rumpfmannschaft musste der Spargelhof Borgmeyer an der Bockhorster Dorfgrenze in die Erntesaison starten. Wie das HK berichtete, braucht der Betrieb aber eigentlich 40 Erntehelfer – doch die Mitarbeiter aus Rumänien durften bislang nicht einreisen.

- Am Donnerstag verkündeten Bundesinnenministerium und das Bundeslandwirtschaftsministerium, dass unter strengen Auflagen im April und Mai jetzt doch je 40.000 Erntehelfer nach Deutschland kommen dürfen. Rumänien hat am Samstag signalisiert, diese Ausreise der Ernte-Arbeiter zu erlauben

- Die Saisonarbeiter aus dem Osten dürfen ausschließlich in Gruppen und mit dem Flugzeug ein- und ausreisen. Die Bundespolizei werde in Abstimmung mit den Bauernverbänden die Flughäfen festlegen. Bei der Einreise ist ein Gesundheitscheck vorgesehen.

- Bei den Arbeiten sollen die Erntehelfer Mindestabstände einhalten. Mit Ausnahme von Familien solle von den Betrieben eine Zimmerbelegung mit maximal halber Kapazität angeboten werden.

- „Wir brauchen unsere Leute und sind auch dran, aber wir kennen die Modalitäten der Einreise noch nicht im Detail“, sagte Seniorchef Fritz Borgmeyer dem HK. Mit Fluglinien und den Mitarbeitern sei man im Kontakt. „Wir warten jetzt darauf, dass wir die 17 Saisonkräfte, die wir holen wollen, melden können.“

- In den vergangenen Tagen gab es beim Grünspargel erhebliche Frostschäden, so dass nicht so viel wie erwartet zu ernten war.

- Borgmeyer hatte auch die Plattform für Erntehelfer kontaktiert. Doch die Freiwilligen waren entweder nicht mobil oder zeitlich so eingeschränkt, dass ihr Einsatz in der Ernte keinen Sinn gemacht hätte.

- „Viele eigneten sich für kaufmännische Tätigkeiten, aber nicht für die harte Feldarbeit: Alle waren motiviert, aber wir hätten sie nicht in jungen Spargelanlagen arbeiten lassen können“, so Fritz Borgmeyer. Denn die Einarbeitungszeit auf dem Feld dauere mindestens eine Woche.

- Der Verkauf im Hofladen und an den Ständen sei indes gut angelaufen – vor allem, weil Borgmeyer in der Region bislang allein am Markt gewesen sei. Das werde sich bis Ostern allerdings ändern. (spk/maut)

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