Plötzlich Lehrerin: Familien-Wahnsinn im neuen Corona-Alltag

HK-Redakteure im Homeoffice: In Corona-Zeiten erhält die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Eltern neue Bedeutung. Da wird die Küche zu Büro und Klassenraum.

Tasja Klusmeyer

Die Küche als Ort des Lernens und Arbeitens: Redakteurin Tasja Klusmeyer im Homeoffice und Tochter Ylvi beim Lernen - © Klusmeyer
Die Küche als Ort des Lernens und Arbeitens: Redakteurin Tasja Klusmeyer im Homeoffice und Tochter Ylvi beim Lernen (© Klusmeyer)

Versmold. Es war ausgerechnet ein Freitag, der 13., an dem das Leben aller aus den Fugen geriet. Beginnend mit der Entscheidung vom 13. März, Schulen und Kitas zu schließen, nahm das Schicksal seinen Lauf. Manchmal scheint es, als ob der Aus-Knopf am Fernseher nicht richtig funktioniert. Schlechter Film – aus damit. Albtraum – aufgewacht, einmal schütteln, in Ruhe weiterschlummern. Leider unmöglich.

Das Hamsterrad dreht sich unaufhörlich. Die Gefühlswelt schwankt zwischen Verzweiflung, Frust, Wut, Sorge, Ratlosigkeit – und Hoffnung. Hoffnung, dass der Spuk irgendwann ein Ende finden wird. Jeden Einzelnen stellt die Situation vor ungeahnte Herausforderungen, Eltern in besonderem Maße.

Ich pendele zwischen Homeoffice, Redaktionsalltag in „Einzelhaft“ und meinem Zweitberuf, Lehrerin auf Zeit. Die Arbeit, die im Haushalt anfällt, wenn Kinder die dritte Woche in Folge ausschließlich zu Hause sind, lasse ich an dieser Stelle einmal unerwähnt.

Multitasking der extremen Art

Dieses Multitasking der extremen Art bringt selbst Stresserprobte – ich behaupte, zu dieser Gruppe zu gehören – an ihre Grenzen. Homeschooling, die Herausforderung dieser Zeit. Der Großen einen Text diktieren, danach orthogonal zueinander liegende Geraden erklären, während die Kleine wissen möchte, was 9 mal 9 ergibt. Entschuldigen Sie, falls sich in den einen oder anderen Text dieser Tage eine 81 mogeln sollte. Sie wissen nun, warum.

Oma und Opa haben wir übrigens vor einem Monat das letzte Mal gesehen. Da durften sie noch die Kinder von der Schule abholen. Schulalltag und Mittagessen von Großmutter scheinen zurzeit Lichtjahre entfernt. Vergangene Woche wäre Klassenfahrt gewesen – ausgefallen. Osterurlaub – storniert. Geburtstag von Nichte und Neffe – fanden ohne uns statt. Verabredungen mit Freundinnen – leider nicht erlaubt. Die Liste der Enttäuschungen wäre ohne Probleme fortzusetzen.

Die Tierwelt kennt kein Kontaktverbot

Und doch gibt es immer wieder Momente, die einen überraschen, bewegen, zum Lachen bringen, zuversichtlich stimmen. Das beginnt schon am Morgen, wenn einen der Wecker nicht mehr zu Unzeiten ans Aufstehen erinnern muss. Beim Blick aus dem Fenster geht es weiter, wenn wir den vielen Singvögeln beim Bezug ihrer Nistkästen in unserem Garten zusehen. Die Natur erwacht zum Leben, wie immer um diese Jahreszeit. Den Tieren sind Kontaktverbote fremd. Ein Stück Normalität in einem Alltag, der so anders geworden ist.

Happy Birthday schallt momentan regelmäßig durchs Badezimmer. Nicht etwa, weil jemand Geburtstag hätte. Die Länge eines Liedes entspricht der Zeit, die man gründlich Händewaschen sollte. Hat die Lehrerin den Kindern erklärt. Sie halten sich daran. Ein anderer Ohrwurm wäre mir ehrlich gesagt lieber.

Schnitzeljagd durchs Haus und ein Sechser im Lotto

Als Eltern muss man dieser Tage einiges aushalten – und kreativ sein. Wie wär’s zum Beispiel mit einer Schnitzeljagd durchs Haus? Und warum nicht einfach mal den Raclette-Grill rausholen, wenn man schon nicht nett essen gehen kann? Bis Weihnachten wird dem doch sonst langweilig im Schrank.

Auch die Liste der schönen Momente wäre an dieser Stelle weiterzuführen. Ich muss nur gleich noch zu Hause an den Schreibtisch. Arbeitsblätter kontrollieren! Gut, dass morgen die Osterferien beginnen.

Nur eins noch: Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die zurzeit große Freude bereiten. Mein Mann hat doch vor einigen Tagen tatsächlich einen Sechser im Lotto gelandet: Er hat neues Toilettenpapier ergattert. Sollte übrigens irgendwann wieder Mehl im Lebensmittelmarkt verfügbar sein, backe ich Kuchen, was das Zeug hält. Für Familie, Freunde, Kollegen und Nachbarn. Versprochen!

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