Mehr als 1.000 Reisen abgesagt: Unternehmen Sieckendiek bittet im TV um Hilfe

Innerhalb weniger Tage bricht nahezu die komplette Geschäftsgrundlage des Peckeloher Reiseunternehmens Sieckendiek zusammen. Geschäftsführerin Bettina Sieckendiek fasst sich ein Herz und schreibt einen Appell – die Resonanz darauf ist gewaltig.

Marc Uthmann

Bettina Sieckendiek und Ingo Kehl - © Marc Uthmann
Bettina Sieckendiek und Ingo Kehl (© Marc Uthmann)

Versmold-Peckeloh. Mittwochabend, beste Sendezeit, im ARD-Fernsehen läuft eine weitere Ausgabe von „Corona extra" – und hier wird das Schicksal des heimischen Traditionsbetriebes exemplarisch vor einem Millionenpublikum geschildert. „Drei Stunden war das Team für Dreharbeiten hier", berichtet Bettina Sieckendiek.

Zwar schaffen es nur wenige Minuten in die Sendung – doch die genügen, um zu zeigen, was Corona binnen weniger Tage aus einem Unternehmen gemacht hat, das gerade einen starken Start ins Jahr hingelegt hatte. Erst 2019 investierte Sieckendiek mehrere Millionen Euro in eine saubere, moderne Busflotte. Der Familienbetrieb unterhält ein Reisebüro, organisiert selbst Busreisen und ist im Linien- und Schülerverkehr aktiv. Für all diese Geschäftsfelder gilt derzeit: Fast nichts geht mehr. „Noch vier unserer Busse sind im Linienverkehr unterwegs", berichtet Geschäftsführer Ingo Kehl. Von 48 Bussen wohlgemerkt.

Den meisten Bussen fehlt nun das Kennzeichen

Was Bettina Sieckendiek im ARD-Beitrag sichtlich zu Herzen geht: Beim überwiegenden Teil der Flotte fehlen mittlerweile die Kennzeichen; sie sind abgemeldet. Acht große Fahrzeuge und drei Bullis bleiben dem Betrieb noch, viel unterwegs sind sie nicht. Immerhin hat die Werkstatt noch zu tun – dort werden Lkw repariert, zu den Kunden zählen unter anderem die Feuerwehren.

Einen Großteil der Kollegen hat das Unternehmen mittlerweile in Kurzarbeit geschickt und versucht, an jeder Stelle Kosten zu sparen: „Wir haben zum Beispiel auch 64 Handynummern stillgelegt", sagt Ingo Kehl. „Was wir sparen können, das tun wir", so der 56-Jährige.

Mehr als 1.000 Reisen musste Sieckendiek absagen – und steckt in der Zwickmühle: „Wir wollen unseren Kunden ihre Kosten ja zurückerstatten – aber warten unsererseits noch auf Geld von Reiseveranstaltern, Hotels oder anderen Leistungsanbietern. Da gibt es durchaus Betriebe, die große Beträge noch zurückhalten", berichtet Bettina Sieckendiek. „Wir bitten unsere Kunden, uns Zeit zu geben oder umzubuchen."

Denn die Herausforderungen dieser Tage sind ganz andere: Reisende im Corona-Chaos aus entfernten Ländern zurückzuholen, zum Beispiel. Das hat das Sieckendiek-Team in den vergangenen Tagen in Atem gehalten. Mit viel Mühe gelang es, eine Gruppe aus Indien nach Hause zu bringen. Derzeit sitzt noch ein Kunde in Manila, ein weiterer in Florida fest. Auch da gibt die verbliebene Mannschaft alles – „das wäre bei einer Internetbuchung für die Kunden sicher anders", betont Bettina Sieckendiek.

Angesichts der Ereignisse der vergangenen Tage wollte die 55-Jährige irgendwann nicht mehr nur reagieren. Sie setzte sich an den Schreibtisch und verfasste einen detaillierten Appell an die Bundestagsabgeordneten der Region. Daraus wurde eher ein Dossier, angereichert mit Zahlen und Fakten zu einer Branche, die angesichts der aktuellen Situation vor dem Nichts steht. „Die Zahl der privaten Busunternehmen sinkt seit Jahren, gleichzeitig leisten wir aber 50 Prozent der Kilometer im öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland", erklärt Bettina Sieckendiek. „Wenn diese Unternehmen wegbrechen, steht der Verkehr."

Der Appell, den die Unternehmerin auch an ihren Berufsverband geschickt hatte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Mehrere sonst konkurrierende Verbände brachten ihn in Umlauf, zahlreiche Betriebe aus ganz Deutschland griffen ihn auf. Zunächst hatten gut 30 Unternehmen unterzeichnet, doch die Krise betrifft die gesamte Branche, und so stand Bettina Sieckendieks Handy irgendwann nicht mehr still: „Ich habe viele traurige Geschichten aus der ganzen Republik gehört. Manche haben wirklich geweint", berichtet sie.

Irgendwann war das Fernsehen am Telefon, und die Geschichte einer darbenden Branche erhielt ihre große Bühne. Zu Wort kam im Beitrag der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum. Er brachte das Dilemma für Betriebe wie Sieckendiek auf den Punkt: „Wenn in diesem Jahr Busreisen ausfallen, wird es im Jahr darauf ja nicht doppelt so viele geben." So seien Kredite nicht unbedingt das richtige Mittel für diese Branche.

„Wir brauchen Soforthilfen"

Das stellt auch Bettina Sieckendiek klar: „Wir brauchen Soforthilfen." Geld also, dass später nicht mehr zurückgezahlt werden muss, sondern einem klassischen Mittelständler über die Durststrecke hilft. „Noch fallen wir mit unseren 90 Mitarbeitern ja durch das Raster des Hilfspaketes", sagt die Unternehmerin. Darüber, wie lange Sieckendiek ohne Hilfen überstehen könnte, denkt sie dennoch nicht nach. Obwohl sie schon im ARD-Beitrag gesagt hatte: „Wir haben nicht viele Rücklagen in den Unternehmen." Bettina Sieckendiek setzt auf die Wirkung ihres Appells: „Wir werden Hilfen bekommen."

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.