Ära der Versmolder Fahrschule Reimus geht zu Ende

Rita Sprick

Ein letztes Mal werden fünf Fahrschüler von Fahrlehrer Herbert Reimus in diesem Fahrschulauto ihre praktische Prüfung absolvieren. - © Rita Sprick
Ein letztes Mal werden fünf Fahrschüler von Fahrlehrer Herbert Reimus in diesem Fahrschulauto ihre praktische Prüfung absolvieren. (© Rita Sprick)

Versmold. „Wer weiß, vielleicht schreibe ich ja einmal ein Buch“, sagt Herbert Reimus mit einem Schmunzeln um die Mundwinkel. An Stoff für einen unterhaltsamen Wälzer mangelt es dem Fahrlehrer garantiert nicht. Dafür sorgen unzählige Begebenheiten in seiner 43-jährigen Berufstätigkeit. Mit Eintritt ins Rentenalter schließt er seine Fahrschule. Am 26. Februar begleitet der über 60-Jährige seine letzten fünf Schüler zur Führerscheinprüfung. Danach bleibt der Übungsraum geschlossen, und das Haus wird verkauft. Damit ist die Ära der Fahrschule Reimus beendet.

Mit 6.000 Schülern am Steuer

Zirka 6.000 Schülern brachte Reimus Fahrkünste und Verkehrsregeln bei. „Ich hatte fast in jedem Haus einen Schüler. Manchmal sogar zwei Generationen“, stellt der Vater von drei erwachsenen Kindern fest. 1977 erwarb er seine Fahrlehrerlizenz bei der Bundeswehr in Bremen. „Ich hatte mich für acht Jahre verpflichtet, die Führerscheine für alle Klassen erworben, und mit dem Ausbilderschein durfte ich Fahrlehrer ausbilden“, sagt Reimus. Damit war er bestens gerüstet für die Fahrschule von Gerd Pleitner. Bei seinem Wasserballkameraden und Kegelbruder unterrichtete er neben seinem Bundeswehrjob. „Gerd hatte damals einen riesigen Audi 100 als Fahrschulauto. Und meine erste Fahrschülerin meinte, sie hätte große Angst damit zu fahren. Ich sagte, kein Problem ich habe auch große Angst“, erinnert sich der Großvater von zwei Enkeln. Damals war er 22 Jahre und meistens nur vier Jahre älter als seine Schüler.

„Einer mit einer Eins im Abi braucht schon mal 50 Unterrichtsstunden“

Nach zwölfjähriger Tätigkeit bei Pleitner eröffnete Reimus eine eigene Fahrschule. „Es ist ein Job fast rund um die Uhr. Viele soziale Kontakte gehen dabei in die Brüche“, musste er feststellen. „Ich liebe meinen Beruf, er ist toll, man bleibt selbst jung. Man bekommt Menschenkenntnis und Privates erzählt. Ich bin mehr der Kumpel als der scharfe Lehrer. Ich rede heute anders als meine gleichaltrigen Bekannten. Die würden nie echt geil sagen“, gibt Reimus zu und zählt berufliche Vorlieben auf.

Das Miteinander mit jungen Menschen gefällt ihm. Schüler mit Abi und Sonderschulabschluss auf ein Level zu bringen, mag er. „Einer mit einer Eins im Abi braucht schon mal 50 Unterrichtsstunden und einer von der Sonderschule nur knapp die Hälfte“, stellte der Versmolder fest, der schon mit vier Jahren mit seiner Mutter das Haller Kreisblatt las. Überhaupt hätte sich das Schülerverhalten in vier Jahrzehnten sehr verändert.

"Schwarzfahren ist selten geworden"

„Schwarzfahren ist selten geworden. 25 Prozent machen mit 17 ihren Führerschein“, sagt er. Aber das technische Verständnis sei schlechter und die Belastbarkeit geringer. „Das Zuhören und Reagieren fällt schwer. Es wird Leistung verlangt, aber viele bringen keine Leistung. Mädchen sind gelehriger. Jungen haben in dem Alter oft was von Jungbullenhaftigkeit“, sagt Reimus. Zudem seien Terminabsprachen schwierig. „Die haben so viel vor, da bleibt kaum Zeit zum Üben. „Es schlafen auch schon mal Azubis vom Bau im warmen Übungsraum einfach ein“, erzählt Reimus.

Im vermeintlichen Buch käme garantiert auch die schwangere Frau vor. „Sie war im neunten Monat schwanger, und damit sie sich nicht aufregte, schickte sie der Prüfer nur im Umkreis von 200 Metern ums Haller Krankenhaus. Das Baby hat mit 18 Jahren bei mir seinen Führerschein gemacht“, freut sich Reimus, der sogar noch einer 63-Jährigen das Fahren beibrachte.

So ganz wird er sich nicht vom Lehrerdasein verabschieden. „Ich unterstütze noch Dietrich Pleitner. Ich komme sozusagen zu meinen Wurzeln zurück“, verrät er. Er meint, dass großen Fahrschulen mit mehreren Standorten die Zukunft gehört. Umso mehr freut er sich auf eine erholsame Zeit im nagelneuen Wohnmobil. Damit will er Mitte März zusammen mit Rudi, seinem sechsjährigen Hund, mehrere Wochen auf Erlebnistour die französische Atlantikküste langdüsen.

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