Drohender Hausärztemangel: So kann Versmold den Kollaps verhindern

Die medizinische Versorgung vor Ort kränkelt. Die Politik hört jetzt erste Ansätze zur mittelfristigen Verbesserung. Der Spielraum der Stadt ist allerdings begrenzt.

Tasja Klusmeyer

Symbolfoto Arzt - © CCO Pixabay
Symbolfoto Arzt (© CCO Pixabay)

Versmold. Die Wartezimmer sind oft voll, die Tage für die Ärzte meist lang. Das Problem hat sich seit der Praxisschließung Jerzembeck/Lindheim Ende 2019 verschärft. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe (KV) sind drei der neun praktizierenden Hausärzte in Versmold älter als 60 Jahre, der Großteil älter als 55. Sollte es nicht gelingen, Praxisnachfolger zu finden, könnte die medizinische Versorgung vor Ort zum Notfall werden.

Diese Erkenntnis ist nichts Neues, und sie betrifft keinesfalls allein Versmold. Fast 40 Prozent aller Hausärzte im KV-Gebiet Westfalen-Lippe sind älter als 60 Jahre. „In den nächsten Jahren gehen überproportional viele Ärzte in den Ruhestand“, so Ansgar von den Osten von der KV im Ausschuss für Integration, Generation, Inklusion und Soziales. Zur „bedenklichen Altersstruktur“ kommt das Problem, dass es zu wenig Nachwuchs gibt.

Info

Psychotherapeutin hat Interesse

  • Die Versorgung mit Fachärzten sieht im Mittelbereich Gütersloh „insgesamt ganz gut aus“, sagt Ansgar von der Osten. Wobei sich die Fachrichtungen durchaus unterschiedlich darstellen.

  • In der kinderärztlichen Versorgung beispielsweise gebe es für die gestiegene Zahl an Inanspruchnahmen inzwischen zu wenig Mediziner.

  • „Psychotherapeutische Versorgung ist immer in der Diskussion“, sagt von der Osten. Dabei gebe es mehr als genug Nachwuchs. Streitpunkt ist die Anzahl der Sitze. „Sie kosten Geld und sind deshalb relevant für die Krankenkassen.“

  • ´Aktuell sind im Mittelbereich Sitze ausgeschrieben. Nach Angaben von Bürgermeister Michael Meyer-Hermann würde sich eine junge Therapeutin gerne in Versmold niederlassen.

"Die Ärzte haben es laut genug gesagt"

„Die Ärzte haben es laut und früh genug gesagt, die Reaktion der Politik kommt zu spät“, sagt Ansgar von der Osten. Seit 2002 arbeitet er bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Dortmund als Geschäftsbereichsleiter Sicherstellungspolitik und -beratung. Seitdem sei der drohende Hausärztemangel, auf den viele Regionen zusteuerten, Thema.

Inzwischen sieht von der Osten ein Vorankommen bei der Schaffung zukunftsfähiger Strukturen. Er nennt die vor einem Jahr eingeführte Landarztquote, Förderprogramme, Nachwuchskampagnen sowie Förderungen von Quereinsteigern (Wechsel aus anderen Fachrichtungen) und Wiedereinsteigern als Beispiele. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Ärzte dorthin gehen, wo der Bedarf am größten ist.“

Situation "noch nicht dramatisch"

Versmold zählt zusammen mit Verl und Harsewinkel zum sogenannten Mittelbereich Gütersloh. Der Versorgungsgrad mit Hausärzten ist bezogen auf die Einwohnerzahl in Relation zur Ärztezahl unterdurchschnittlich. Die Situation sei aber „noch nicht dramatisch“, so Ansgar von der Osten.

Perspektivisch braucht es ein Rezept gegen den drohenden Hausärztemangel. Ein Stück weit werde dies nur mit regulierender Steuerung zugunsten der bedürftigen Gemeinden gelingen. So sind Planungsbereiche mit einer Hausarztdichte von 100 Prozent inzwischen für neue Sitze gesperrt. Wer sich als Allgemeinmediziner niederlassen möchte, muss dies an anderer Stelle tun. „Das stößt bei den Ärzten nicht immer auf Gegenliebe“, weiß der KV-Geschäftsbereichsleiter.

Kann Versmold vom Klebe-Effekt profitieren?

Umso wichtiger ist es aus seiner Sicht, dass die Kommunen von sich als Wohnort überzeugen. Versmold wird an dieser Stelle tätig. Bürgermeister Michael Meyer-Hermann stellte der Politik einen neuen Imageflyer vor. Attraktive Baulandpreise und ein Angebot an Kitas und Schulen sind für junge Ärzte zum Beispiel ausschlaggebend. Denkbar wären auch kommunale Beteiligungen und Förderprogramme, das aus Sicht von Meyer-Hermann allerdings nur „nachrangig“.

Hoffnung setzt die Stadt auf das neue Studienangebot in Bielefeld. Von der Nähe zur Medizinischen Fakultät profitiert meist die umliegende Region. Bis sich dieser Klebe-Effekt in Versmold niederschlägt, braucht es allerdings noch zwölf bis 13 Jahre. Ein langer Weg, bis es dem Patienten Hausarzt“ wieder bessergehen könnte.

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