Von Druck bis Drohungen: Bei ihnen bekommen verzweifelte Arbeitnehmer Rat

100 Jahre AWO: Der Versmolder Ortsverein rief 2008 eine besondere Beratung für Leiharbeiter ins Leben. Bis heute hat das Thema nichts von seiner Aktualität verloren

Miriam Scharlibbe

Kämpfen seit zehn Jahren für die Leiharbeiter: Harald Ille, Udo Brune, Gaby Böhm und Magret Brameier. - © Miriam Scharlibbe
Kämpfen seit zehn Jahren für die Leiharbeiter: Harald Ille, Udo Brune, Gaby Böhm und Magret Brameier. (© Miriam Scharlibbe)

Versmold. Ziemlich genau in der Mitte zwischen Münster und Bielefeld, wo Ostwestfalen endet, ist die Welt noch in Ordnung. Der Gedanke kommt einem zumindest schnell, wenn man durch die malerische Landschaft des Kreises Gütersloh nach Versmold fährt. Die gut 20.000 Einwohner zählende Kleinstadt ist das Zuhause engagierter Menschen, die in Vereinen und Parteien mitwirken, und Heimat traditionsreicher Unternehmen.

Dass in diesem Ort Menschen mit der Trillerpfeife zur Arbeit angetrieben werden und vom Chef gesagt bekommen, wann sie zur Toilette gehen dürfen, konnte darum vor elf Jahren kaum einer glauben. Geglaubt haben das aber vier Menschen, die bis heute für die Rechte dieser Leiharbeiter kämpfen. Harald Ille, Udo Brune, Gaby Böhm und Magret Brameier haben damals zugehört, als die ersten Männer und Frauen berichteten, wie es hinter den Türen einer Leiharbeitsfirma zugeht.

Sie haben nachgebohrt und den Betrieb besichtigt, bis sie ein Hausverbot bekamen. Sie haben den Geschäftsführer der großen Versmolder Spedition, der seine Endverpackung in die Leiharbeitsfirma ausgegliedert hatte, mit den Vorwürfen konfrontiert. Und sie sind beim Bürgermeister vorstellig geworden.

Idee der Leiharbeitsberatung fiel auf fruchtbaren Boden

Thorsten Klute (SPD), heute Vorstand der AWO Ostwestfalen-Lippe, gab dann den Anstoß, eine Leiharbeiterberatung ins Leben zu rufen. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Während die Firma, in der die 80 bis 90 Beschäftigten laut Gaby Böhm teilweise wie Arbeitssklaven behandelt wurden, mehrfach umbenannt und umfirmiert wurde, war die Leiharbeiterberatung immer eine Konstante.

Um das zu ermöglichen, arbeitet die AWO in Versmold mit der SPD und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zusammen. Böhm, NGG-Geschäftsführerin in OWL, und ihre Mitstreiter merkten schnell, dass sie einen Nerv getroffen haben: An der Menge der verzweifelten Menschen, die ihren Rat suchten, und an den Hinweisen, dass vom Parkplatz vor dem AWO-Quartier und vom benachbarten Café aus ausspioniert wurde, wer bei der Beratung ein- und ausging.

Sexuelle Übergriffe: Wer sich beschwerte, musste Sanktionen zahlen

Eingeschüchtert hat das Udo Brune, Ortsvereinsvorsitzender der AWO, nicht. Im Gegenteil. „Wir haben oft erlebt, dass Menschen in Führungspositionen eine komische Einstellung entwickeln", sagt Brune.
„Die glauben dann, wer weniger Gehalt verdient, verdient auch weniger Respekt. Das ist nicht unsere Vorstellung davon, wie Menschen miteinander umgehen sollten."

Es gab Frauen, die von Belästigungen und sexuellen Übergriffen erzählten. Wenn sie sich zur Wehr setzten, sich beschwerten oder den Rat bei der Leiharbeiterberatung suchten, folgten Sanktionen. „Ich kann mich aber auch an Männer erinnern, die uns mit Tränen in den Augen berichten haben, welchem Druck sie bei der Arbeit ausgesetzt sind", berichtet Harald Ille.

Wenn Magret Brameier über diese Erlebnisse mit unbeteiligten Bürgern der Stadt sprach, erhielt sie am Anfang immer dieselbe Antwort: „Bei uns in Versmold gibt es doch so was nicht!" Aber Brameier blieb standhaft, trug das Thema in den Versmolder Stadtrat, machte die Geschehnisse öffentlich. Irgendwann kam die Presse und die überregional bekannten Politiker: Guntram Schneider, Klaus Brandner, Franz Müntefering.

Anfangs waren es meistens deutsche Leiharbeiter, heute sind es viele Rumänen und Bulgaren

In den Anfangsjahren kamen viele Ratsuchende, weil ihnen Unregelmäßigkeiten in der Entlohnung, bei Urlaubsansprüchen oder der Einhaltung von Arbeitszeiten Sorgen bereiteten. Die Leiharbeiterberatung konnte zwar nicht das ganze System ändern, aber mit Informationen und Selbstbewusstsein den Rücken stärken.

Anfangs saßen meistens deutsche Leiharbeitnehmer in den Sprechstunden. Heute kommen viele aus Rumänien oder Bulgarien und sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Mit dubiosen Versprechen für einen gut bezahlten Job in der Fleischverarbeitung werden sie gelockt.

Ille, Brune, Böhm und Brameier kämpfen auch für diese Menschen weiter. Ihr bisher größter Erfolg aber trifft die ganze Stadt. Brameier: „Der Dornröschenschlaf von Versmold ist definitiv vorbei. Hier kann keiner mehr sagen, er habe von nichts gewusst."

Info
Die Leiharbeiterberatung bietet einmal im Monat eine Sprechstunde an.
Der nächste Termin ist nach der Sommerpause am Samstag, 14. September,
von 10 bis 12 Uhr, Altstadtstraße 4 in Versmold oder telefonisch:
(0 54 23) 4 90 36.

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