Arbeitsplätze bei Versmolder Unternehmen in Gefahr

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist deutlich gestiegen. Fast ein Drittel davon aber sind Helfertätigkeiten. Digitalisierung und die Wirtschaftsstruktur bringen Probleme

Tasja Klusmeyer

Wohin geht die Reise?: Arbeit ist im wirtschaftsstarken Kreis ausreichend vorhanden – noch. Vor allem für Facharbeiter und Helfer könnte es schwierig werden. - © CCO Pixabay
Wohin geht die Reise?: Arbeit ist im wirtschaftsstarken Kreis ausreichend vorhanden – noch. Vor allem für Facharbeiter und Helfer könnte es schwierig werden. (© CCO Pixabay)

Versmold. 90 Seiten umfasst der Strukturbericht 2019, der Aufschluss über die Wirtschaftskraft des Kreises Gütersloh gibt. Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der pro Wirtschaft GT, stellte jetzt der Versmolder Politik wesentliche Entwicklungen vor. Und er warnte.

„Kommunen und Unternehmen müssen sich den Herausforderungen stellen", heißt es gleich im Grußwort des Berichts von Pförtner und Landrat Sven-Georg Adenauer. Aufgrund seiner Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur sei der Kreis einer der hauptbetroffenen Standorte durch die Digitalisierung. Insbesondere im Bereich Facharbeiter, die leicht durch Automatisierung zu ersetzen seien, werde man das zu spüren bekommen. „Aber auch die Helfer wird es treffen – wahrscheinlich mit Macht", so Pförtner.

Info

Fleischwarenbranche mit „massiven Problemen"

  • Ein Update zur Finanzsituation gab Kämmerer Andreas Pöhler dem Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss. Er blickt auf ein „erfreuliches Jahr 2018". Ein Plus von 2,7 Millionen Euro sei das beste Ergebnis seit Umstellung aufs Neue Kommunale Finanzmanagement (NKF).

  • Verdanken ist die gute Finanzlage insbesondere gestiegenen Gewerbesteuereinnahmen. Versmold bekam zwei Millionen Euro mehr als geplant.

  • Auch fürs laufende Jahr geht Andreas Pöhler davon aus, „dass wir über Plan liegen". Ein Unsicherheitsfaktor aber ist die Gewerbesteuer. Negative Auswirkungen könnten, das deutete der Kämmerer an, die aktuellen Probleme der Fleischwarenbranche haben.

  • Die afrikanische Schweinepest, die in China aufgetreten ist, hat im März den Preis für Fleisch in Europa in die Höhe schnellen lassen – bis zu 30 Prozent.

  • Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie spricht von „bedrohlichen" Marktbedingungen und „massiven Problemen" für Betriebe. „Eine ähnliche Situation hatte bereits vor zwei Jahren in der von mittelständischen Familienunternehmen geprägten Branche zu Insolvenzen und Übernahmen geführt."

Helfertätigkeiten machen in der Versmolder Wirtschaftsstruktur einen großen Anteil aus. Mit 30 Prozent liegt die Fleischstadt kreisweit an der Spitze, wohingegen man sich bei den Spezialisten auf unterem Niveau bewegt. 56 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind als Fachkraft tätig.

Quantitativ gewachsen, aber nicht qualitativ

Damit trifft auf Versmold das zu, was kreisweit ebenso zum Problem werden könnte. „Wir sind quantitativ enorm gewachsen, aber nicht qualitativ", fasst Albrecht Pförtner zusammen. Seit 2009 beträgt der Zuwachs an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Kreisgebiet fast 40.000 Personen (28,7 Prozent), in Versmold ist die Zahl von 8.000 auf nun 9.300 gestiegen. Der Gesundheitssektor, die Metall- und Elektroindustrie sowie die Ernährungsbranche sind Gewinner des Booms. Mit einer Beschäftigungsdichte von 652 bezogen auf je 1.000 Einwohner ist Verl im Kreis Spitzenreiter. Versmold liegt bei 433. „Andere Standorte in Deutschland wären glücklich über diese Zahl", so Pförtner.

Und doch beschwört er schwierige Zeiten für den wirtschaftsstarken Kreis herauf. Versmold könnte dies besonders stark treffen. Das Wachstum der vergangenen vier Jahre beruhe vor Ort in erster Linie auf Helferberufen – plus 76 Prozent. Eben dieser Bereich aber könnte unter der fortschreitenden Digitalisierung leiden. Dazu kommen die Schwierigkeiten der Monostruktur (siehe Info). „Wir haben ein Strukturproblem", sagt Pförtner.

"Katastrophale" Flächenverfügbarkeit

Veränderungen aber bräuchten zehn bis 15 Jahre. Deutlich schneller wird die Digitalisierung zuschlagen – das drängendste Thema der pro Wirtschaft, die das »digitale Jahr 2020« ausrufen wird. „Wir werden uns zum digitalen Treiber entwickeln", kündigt der Geschäftsführer an und fordert Weiterbildung und Bewusstseinsveränderungen. „Eigentlich sind wir schon zwei, drei Jahre zu spät dran", gesteht Pförtner.

In einem weiteren Punkt bezieht der Wirtschaftsförderer des Kreises klar Stellung: bei der Verfügbarkeit von Gewerbeflächen. „Wir haben richtige Wachstumshemmnisse, weil keine Flächen da sind – katastrophal." Umso wichtiger sei es, neue Gewerbegebiete zu entwickeln und Unternehmen Perspektiven zu geben. „Gerade um die Mittelständler mache ich mir sonst Sorgen."

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