Geschüttelter Säugling: Gericht fällt Urteil gegen Vater

Zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung hat das Amtsgericht Halle einen Versmolder verurteilt. Der 33-Jährige bestreitet die Tat

Herbert Gontek

Verurteilt: Das Amtsgericht Halle sah es als erwiesen an, dass der Vater sein Kind körperverletztend schüttelte. - © CCO Pixabay
Verurteilt: Das Amtsgericht Halle sah es als erwiesen an, dass der Vater sein Kind körperverletztend schüttelte. (© CCO Pixabay)

Versmold. Dem Zwillingsvater wird vorgeworfen, am 14. Oktober 2018 das damals vier Monate alte Kind bis zum Atemstillstand geschüttelt zu haben. Eine Nachbarin reanimierte das Baby; so konnte es gerettet werden. Der Vater behauptete, das Kind habe sich nach einer Milchmahlzeit verschluckt. Der Mann betreute an diesem Abend in Abwesenheit der Mutter die Zwillinge und einen fünfjährigen Jungen.

Der dritte Verhandlungstag begann holprig. Der neurologische Gutachter war versehentlich zum Gericht nach Hamm gereist und kam verspätet in Halle an. Er bestätigte seine damalige Einschätzung, wonach es sich um eine einmalige Blutung im Alter von Stunden bis Tage vor der Untersuchung handeln müsse. Genauer ließe sich der Zustand nicht eingrenzen.

Auch der Kinderarzt der Familie wurde gestern befragt. Die Richterin erkundigte sich, ob es zu Entwicklungsstörungen nach dem Zwischenfall gekommen sei. Der Arzt berichtete, beide Zwillinge entwickelten sich ähnlich gut. Auffälligkeiten seien zurzeit nicht festzustellen.

Innere Blutungen bestätigten den Verdacht

Die Rechtsmedizinerin aus Münster ging noch einmal auf Nachfrage des Verteidigers ein, ob es nach einer symptomfreien Zeit zwischen dem Schütteln eines Kindes zu einer körperlichen Reaktion kommen könne. Das könne im Einzelfall sein; die fachärztliche Meinung sei aber die, dass dem Schütteln auch der Ausfall folge.

Am zweiten Prozesstag war bereits eine Kinderärztin aus der Klinik in Osnabrück in den Zeugenstand gebeten worden. Sie erklärte, dass sie nach umfangreichen Untersuchungen mit fachlicher Unterstützung der Rechtsmedizin in Oldenburg zu dem Ergebnis gekommen sei, dass das vier Monate alte Kind ein Schütteltrauma erlitten habe. Auch diverse innere Blutungen im Gehirn und in den Augenhöhlen bestätigten den Verdacht. Die Ärztin beschrieb das Verhältnis der Eltern zum Kind im Krankenhaus als liebevoll.

„Wir haben ein stark gestresstes Kind mit den klinischen Symptomen eines Schütteltraumas bekommen. Den Zeitpunkt der Einwirkung kann man nicht präzise einordnen", fasste die Ärztin die damalige Lage zusammen. Weiter müsse man vom Verletzungsbild davon ausgehen, dass der Zustand durch ein einmaliges Ereignis entstanden sei, informierte sie.

Verteidiger fordert Freispruch

Eine Diplom-Pädagogin vom Jugendamt des Kreises Gütersloh informierte bei der Verhandlung Ende April über ihre Aktivitäten, nachdem die Familie auf Anraten der Klinik Selbstanzeige erstattet hatte. „Wir haben ein intensives Schutzprogramm aufgebaut – jeden Tag, auch am Wochenende. Mitte Januar ist nach erfolgreicher Zusammenarbeit bis März die Hilfe reduziert worden." Die Familie habe sich als intakte Gemeinschaft präsentiert, berichtete die Jugendamts-Mitarbeiterin.

Für die Staatsanwältin war der Fall klar. „Die Tat steht für mich fest." Der Vater sei mit drei kleinen Kindern allein gewesen, für ihn eine akut stressige Situation. Symptome des Schütteltraumas lägen hier vor, das Kind sei mehrfach geschüttelt worden. Er selbst habe die Lage geschönt. Die Staatsanwältin forderte ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von 5.000 Euro.

Der Verteidiger sah das anders. Es gebe symptomfreie Intervalle nach einem Schütteln. „Reicht uns die Sicherheit für eine Verurteilung hier aus, bei vier Prozent Restrisiko?", fragte der Jurist in seinem Plädoyer. „Wir haben eine liebende Mutter und einen liebenden Vater, wir können es nicht aufklären." Er forderte Freispruch. Der Angeklagte beteuerte stets seine Unschuld. „Ich weiß, dass ich es nicht getan habe."

Letztlich verurteilte ihn das Gericht zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr.

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