Wehen im Wohnzimmer: Die nächste Hausgeburt in Versmold

Geburtsurkunden werden im Versmolder Standesamt nur noch selten ausgestellt. Innerhalb eines Monats ist dies nun zum zweiten Mal erfolgt. Tilda heißt die neue Erdenbürgerin

Tasja Klusmeyer

Glücklich zu fünft: Jenny und Christian Essiger sowie die großen Geschwister Mattis und Paula freuen sich über Tilda, die im heimischen Wohnzimmer das Licht der Welt erblickte. „Auf einem weißen Sofa", wie ihre Mutter gerne betont. Und: Renoviert werden musste danach nicht. - © Tasja Klusmeyer
Glücklich zu fünft: Jenny und Christian Essiger sowie die großen Geschwister Mattis und Paula freuen sich über Tilda, die im heimischen Wohnzimmer das Licht der Welt erblickte. „Auf einem weißen Sofa", wie ihre Mutter gerne betont. Und: Renoviert werden musste danach nicht. (© Tasja Klusmeyer)

Versmold-Oesterweg. Je näher der Geburtstermin rückte, desto nervöser wurde Jenny Essiger. „Ich hatte so eine innere Unruhe", sagt sie. Nicht etwa, weil sie Angst vor der Entbindung gehabt hätte. Jenny Essiger war nervös, weil sie befürchtete, es nicht rechtzeitig in den Kreißsaal zu schaffen. „Bitte bloß nicht im Auto", habe sie gedacht, sich das Szenario immer wieder vorgestellt und deshalb schlecht geträumt.

Schon bei Kind Nummer zwei war es knapp. Die Presswehen setzten bei der Fahrt zum Krankenhaus ein. „Hektisch" hat sie die Geburt in Erinnerung. Eine Unruhe, die die Oesterwegerin kein weiteres Mal durchleben wollte. Eine Freundin, die um ihre Sorge wusste, sprach sie auf die Möglichkeit einer Hausgeburt an. Da waren es nur noch vier Wochen bis zum Termin. „Ich hatte das bis dahin gar nicht im Kopf."

"Frauen sollten sich mehr zutrauen"

Fast zeitgleich las die Mutter den Bericht im Haller Kreisblatt, in dem die Hesselteicher Familie Diestelhorst von ihren Erfahrungen mit der Hausgeburt erzählt. Ein Baby zu Hause zur Welt bringen? Ja, warum eigentlich nicht, dachte sich Jenny Essiger, nahm Kontakt zur Hebamme Karin Lückewille in Bielefeld auf, die kurzfristig noch Kapazitäten frei hatte. „Das war für mich die Lösung", sagt Jenny Essiger.

Ehemann Christian unterstützt seine Frau. „Es ist ihr Körper und ihre Entscheidung. Ich hätte ihr das nie ausgeredet." Das Ehepaar bekommt aber auch mit, dass es durchaus Skepsis und Unverständnis gibt. Denjenigen, die eine Hausgeburt als verantwortungslos betrachten, entgegnet die Mutter, dass eine Entbindung im Auto am Straßenrand sicher mit mehr Risiko verbunden sei. Außerdem sei eine Geburt ein natürlicher Vorgang und kein medizinischer Notfall. „Frauen sollten sich mehr zutrauen."

"Sie haben gestrahlt wie an Weihnachten"

Im Haller Krankenhaus hatten sich die werdenden Eltern zuvor vorgestellt; im Fall von Komplikationen hätte die Hebamme den Notarzt alarmiert. Das braucht es nicht. Alles ist Zuhause vorbereitet, als es am 2. April in der Nacht losgeht. Die Kinder schlafen, Jenny Essiger bleibt zunächst im Bett liegen, Hebamme Karin Lückewille ruht im Wohnzimmer auf dem Sofa. Als die finale Phase der Geburt einsetzt, wechselt die werdende Mama ins Wohnzimmer. Die Schwägerin kommt, um die beiden großen Geschwister zu beschäftigen. Um 7.10 Uhr erblickt Tilda auf dem Sofa das Licht der Welt: 3.020 Gramm, 50 Zentimeter, gesund und munter.

Mit den Kindern habe sie vorher in Ruhe über die Geburt gesprochen, sagt Jenny Essiger. „Sie haben gestrahlt wie an Weihnachten", schildert sie den Moment, als die Geschwister das Wohnzimmer betreten. Der fünfjährige Mattis ist es, der die Nabelschnur durchtrennt. Die fünf Essigers kuscheln gemeinsam auf dem Sofa, Christian Essiger macht seiner Frau nach den Anstrengungen Frühstück, die Großen gehen in den Kindergarten. „Genauso haben ich es mir vorgestellt", sagt Jenny Essiger von der Geburt, die zum Familienereignis wurde.

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