Nahaufnahme: Wie Familie K. aus Versmold abgeschoben wurde

Dieses Mal bei unserer Nahaufnahme: Familie K. wurde aus Versmold nach Rumänien abgeschoben und lebt dort in prekären Verhältnissen. Einen Ausweg gibt es für sie nicht

Silke Derkum-Homburg

Aus Angst vor Repressalien wollte Familie K. ihr Foto nicht in der Zeitung sehen. Ähnlich trostlos wie auf diesem Bild aus einem Asylbewerberheim im Kosovo dürfte es auch bei bei Familie K. aussehen. Foto: Jens Kalaene/dpa - © dpa
Aus Angst vor Repressalien wollte Familie K. ihr Foto nicht in der Zeitung sehen. Ähnlich trostlos wie auf diesem Bild aus einem Asylbewerberheim im Kosovo dürfte es auch bei bei Familie K. aussehen. Foto: Jens Kalaene/dpa (© dpa)

Versmold. „Sie wussten, dass die Abschiebung kommen würde, seit August hatten sie damit gerechnet", sagt Pfarrerin Anja Keppler, die sich in Versmold im Auftrag der evangelischen Kirche um Geflüchtete kümmert. Das Schicksal der Familie K. bewegt sie. Sechs Kinder zwischen drei und 16 Jahren und die Eltern. 2015 vor dem Krieg geflohen aus Daraa in Syrien. „Sie kamen Anfang 2016; einen Tag, nachdem die Balkanroute geschlossenen wurde, und mussten in Rumänien bleiben", sagt Anja Keppler, die mit der Familie immer noch in Kontakt steht.

Asyl gab es nach kurzer Zeit

„Die Familie hat verstanden, dass sie mit diesen Papieren nach Deutschland gehen könne", berichtet Anja Keppler. Doch zunächst blieben sie fast ein Jahr in Rumänien. Das Heim hatte vergitterte Fenster, in den Räumen lagen nur Matratzen auf dem Boden, einige mit Blutflecken. Decken gab es nicht. Dann kam der Vorfall, der wohl das Fass zum Überlaufen brachte. Die Beinahe-Entführung des vierjährigen Sohnes. Er wurde vor dem Flüchtlingsheim in ein Auto gezerrt. Andere Heimbewohner konnten ihn gerade noch rechtzeitig wieder aus dem Wagen ziehen. Die Polizei interessierte sich nicht besonders für den Vorfall. So hat es die Familie Anja Keppler berichtet. Unter der Hand hätten die Behörden ihnen zuvor bereits nahegelegt, Rumänien zu verlassen. Als sie gingen, hielt sie niemand auf.

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Nahaufnahme: Wenn nachts das Ausländeramt klingelt

Endlich in Sicherheit

In Deutschland lief erstmal alles gut. Familie K. kam 2017 nach Versmold. Die Kinder gingen zur Schule und in den Kindergarten, integrierten sich schnell. Die Familie versuchte, ein neues Leben aufzubauen, Deutsch zu lernen und die traumatischen Erinnerungen hinter sich zu lassen.

2018 kam dann der Ausreisebescheid des BAMF, da Familie K. nach dem Dublin-Verfahren in Rumänien leben müsse. Im August gab es ein Ausreisegespräch beim Ausländeramt, aber Vater K. unterschrieb die Papiere zur freiwilligen Ausreise nicht. „Sie hatten einfach immer noch Hoffnung, dass irgendetwas passiert, dass sie doch noch hierbleiben können", sagt die Pfarrerin. Sie wollten um keinen Preis zurück nach Rumänien, weil sie wussten, was sie dort erwartet.

30 Minuten zum Packen

In der letzten Nacht der Herbstferien klingelte die Ausländerbehörde an der Tür. Sie hatten eine halbe Stunde Zeit, um ihre Sachen zu packen. So haben sie es Anja Keppler hinterher per E-Mail berichtet. Am nächsten Morgen blieben die Plätze der Kinder in den Versmolder Schulen, Kindergärten und Spielgruppen leer.

Pfarrerin Anja Keppler engagiert sich mit einem großen Unterstützerkreis für die Geflüchteten in Versmold. - © Silke Derkum-Homburg
Pfarrerin Anja Keppler engagiert sich mit einem großen Unterstützerkreis für die Geflüchteten in Versmold. (© Silke Derkum-Homburg)

Zu diesem Zeitpunkt war Familie K. wohl gerade auf dem Weg nach Bukarest. Die erste Nacht verbrachten sie im Stadtpark unter freiem Himmel. „Es gibt wohl drei staatliche Asylbewerberheime in Bukarest, ein Platz wurde ihnen aber dort nicht angeboten", sagt Anja Keppler. Erst in der zweiten Nacht durften sie dort schlafen, mussten das Gebäude am Tag aber wieder verlassen und sich auf der Straße aufhalten.

Kein Geld vom Staat

Inzwischen sind sie bei einer syrischen Familie untergekommen und haben in deren Wohnung ein Zimmer, in dem sie nun zu acht leben. Geld vom Staat bekommen sie nicht. Wer mit einem rumänischen Aufenthaltstitel ausreist, verwirkt das Recht auf Sozialhilfe. Der Vater sucht vergeblich Gelegenheitsjobs. Zur Schule gehen die Kinder nicht. „Darum kümmert sich dort niemand", sagt Anja Keppler. Beim Friedenszug sammelt sie regelmäßig ein bisschen Geld für Familie K. Irgendwie wird es weitergehen.

„Letztlich ist es in Ordnung. Rumänien ist ein Land in der EU, aber man fragt sich, warum so viele von dort hierhin kommen und da nicht bleiben wollen", sagt Anja Keppler. Es schlagen zwei Herzen in ihrer Brust. „Wir sind ein Rechtsstaat und ich finde es richtig, dass man erstmal bestimmte Kriterien ansetzt – aber trotzdem ist es menschlich eine Tragödie."

Familie K. hatte sich vor ihrer Abschiebung mehrfach bei Anja Keppler verabschiedet. „Wir wussten ja nie, ob wir uns noch mal wiedersehen", sagt sie. Beim letzten Mal sagte Vater K.: „Wenn wir gehen müssen, dann akzeptieren wir das. Und wir möchten uns bei Deutschland bedanken. Hier hatten wir ein Dach über dem Kopf und Kleidung, und es ging uns gut."

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