HK-Serie "Max mittendrin": Eine Nacht im Bordell

Max Backhaus

Manchmal geht’s auch nur ums Zuschauen: Im Bordell in der Hesselteicher Kurve tanzen die Frauen an der Stange. - © Max Backhaus, HK
Manchmal geht’s auch nur ums Zuschauen: Im Bordell in der Hesselteicher Kurve tanzen die Frauen an der Stange. (© Max Backhaus, HK)

Versmold-Hesselteich. Genau um Mitternacht stehe ich in der wohl bekanntesten Kurve Versmolds. Nicht ahnend, was auf mich zukommen wird, klingel ich an der Vordertür. Eine Prostituierte öffnet sie mir, und ein muskulöser Mann nimmt mich in Empfang. Thomas (alle Namen von der Redaktion geändert) führt mich hinein ins typische Rotlicht. Der volltätowierte Glatzkopf gewährt mir für den Abend journalistische Narrenfreiheit und steht mir bei Fragen zur Verfügung.

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Doch ich muss mich erst einmal orientieren. Vor mir die Bar mit fünf Hockern. Auf der rechten Seite eine kleine Fläche mit Poledancestange, an der gerade zwei Frauen tanzen. Drum herum sind Sofas und Sessel verteilt, in denen Freier auf Brautschau gehen können. Von der Decke hängen Rotlichstrahler und Diskokugeln, aus den Boxen dröhnt laut rockige Musik. »I was made for loving you« von Kiss – irgendwie passend.

Mein Blick wandert nach links. Der Raum ist in zwei Bereiche geteilt, in denen jeweils einige Sofas stehen. Hier können die Freier mit den Prostituierten etwa Gespräche über sexuelle Interessen führen. Da die linke Loungeecke mit Blick auf das Bargeschehen unbelegt ist, lasse ich mich dort nieder.

Zwei Privatzimmer und drei Arbeitszimmer

Zwei Minuten und – wegen der erschwerten Lichtverhältnisse – drei Probeschüsse mit der Kamera später, muss ich zum ersten Mal meine Anwesenheit begründen: „Die Mädels werden nervös, wenn du fotografierst", erklärt mir eine Prostituierte. Als ich sie von meiner Diskretion überzeugen kann, kommen wir ins Gespräch.

Sabrina sagt mir, dass jede der sechs anwesenden Prostituierten selbstständig sei. Sie bezahlten lediglich Miete an den Bordellbesitzer. Es gibt zwei Privatzimmer, in denen Frauen leben, und drei Arbeitszimmer. Sabrina ist seit einem halben Jahr in Hesselteich. Und das ist schon verhältnismäßig lange: „Alle paar Wochen bekommen wir neue Mädels, da die Stammkunden neue Gesichter sehen wollen." Die Kosten für die Intimitäten hängen stark von Details ab, meint sie. Einzuordnen seien sie aber grob zwischen 50 und 180 Euro.

"90 Prozent der Gäste sind verheiratet"

Eine andere Frage, die ich mir stelle, ist: Wer sind die Freier? „Arbeiter, Geschäftsleute, jung, alt, deutsch, Ausländer", lautet Sabrinas Antwort. Die Klientel lässt sich also nicht auf eine Gesellschaftsgruppe festlegen. „Aber", meint Thomas, „bestimmt 90 Prozent der Gäste sind verheiratet."

Wenn’s ein bisschen mehr sein darf: Dann ziehen sich Prostituierte und Freier in Arbeitszimmer wie dieses zurück. - © Max Backhaus, HK
Wenn’s ein bisschen mehr sein darf: Dann ziehen sich Prostituierte und Freier in Arbeitszimmer wie dieses zurück. (© Max Backhaus, HK)

Mein Ziel, mit einem Freier ins Gespräch zu kommen, rückt derweil in weite Ferne. Bevor sie mit einer Frau aufs Zimmer gehen, haben sie schlichtweg Anderes zu tun, als mir Rede und Antwort zu stehen. Als ich schließlich ein Paar zaghaft anspreche, geht der Mann wutentbrannt weg. „Bitte keine Fotos mehr ab jetzt, er ist Stammkunde und wir wollen ihn nicht verlieren", sagt mir daraufhin die Prostituierte mit Nachdruck.

Umso erstaunter bin ich, als mich um kurz nach drei an der Bar ein Mann neugierig anspricht und fragt, was ich hier tun würde. Die vergangenen drei Stunden war Klaus-Dieter mit Marie auf dem Zimmer. Das junge Mädchen ist schon sieben Jahre in Hesselteich und damit Dienstälteste. Sie stellt die Ausnahme dar zu den ständig wechselnden Frauen. „Wir sind fast ein Paar", sagt Klaus-Dieter stolz.

"Wir reden 60 Prozent der Zeit"

Nach dem Sex trinken beide noch zusammen einen Drink und plaudern. Seit sechs Jahren kommt er ungefähr einmal im Monat 40 Kilometer gefahren. Dabei gehe es ihm nicht um die schnelle Nummer: „Wir reden bestimmt 60 Prozent der Zeit."

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Er wirkt aufgeräumt. Dass er ein Freier ist, stört ihn nicht. „Ich arbeite viel und habe einfach keine Zeit, in meiner Freizeit Frauen kennen zu lernen", meint der 42-Jährige. Rund zwei Drittel seiner Bekannten wissen, dass er ein Bordellgänger ist. „Stillschweigen", lautet seine Antwort auf die Frage, wie die damit umgehen würden. Doch wirklich vertiefen möchte er das Thema nicht.

Seit 30 Jahren hinter der Bar im Freudenhaus

Gabi ist da schon auskunftsfreudiger. Seit 30 Jahren arbeitet sie im Hesselteicher Freudenhaus und hat die ganze Entwicklung des Metiers mitbekommen. „Der Euro hat ziemlich viel verändert", meint die Barfrau. Dadurch, dass viele Nationen die neue Währung eingeführt haben und die EU-Grenzen offen sind, kämen Frauen aus anderen Ländern und böten ihre Arbeit für weniger Geld an als deutsche Prostituierte. „Der Preisverfall im Milieu ist dadurch rapide", meint sie.

Kuriose Begegnungen aber gebe es nach wie vor. Einmal seien zwei befreundete Freier zusammen in der Kurve gewesen. „Dann stellte sich heraus, dass beide am jeweils gleichen Tag wie das Mädel auf ihrem Schoß Geburtstag haben", erzählt Gabi und bekommt dabei eine Gänsehaut auf dem Arm.

Auch prominenter Besuch bleibt in Erinnerung. So seien schon ein weltberühmter ehemaliger Tennisspieler, ein Außenminister eines zentralasiatischen Landes und eine ausländische Fußball-Nationalmannschaft zu Gast im Hesselteicher Bordell gewesen.

Gegen vier Uhr trete ich den Rückzug an. Spektakulär war mein Besuch nicht, aber aufschlussreich. Auch dort arbeiten Menschen. Und auch diese Branche hat ihre Probleme. Nur ist sie nicht transparent, sondern diskret. Aber genau das macht es so spannend.

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