Versmold setzt ein Zeichen gegen Hass und Rassismus

Silke Derkum-Homburg

Mahnwache: Auf dem Kirchplatz kommen Versmolder aus allen Bereichen der Stadt zusammen, bevor es dann in einem Zug durch die Innenstadt geht. Vier der Banner mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes werden bis Ende des Monats an verschiedenen Stellen in der Stadt aufgehängt. - © Silke Derkum-Homburg
Mahnwache: Auf dem Kirchplatz kommen Versmolder aus allen Bereichen der Stadt zusammen, bevor es dann in einem Zug durch die Innenstadt geht. Vier der Banner mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes werden bis Ende des Monats an verschiedenen Stellen in der Stadt aufgehängt. (© Silke Derkum-Homburg)

Versmold. „Es tat so gut, hinter diesem Banner zu stehen und im Rücken all diese Menschen zu wissen", sagt Anja Keppler. Die Pfarrerin ist eine von etwa 15 Mitgliedern des ökumenischen Unterstützerkreises Asyl, die vor acht Tagen beim Friedensgebet zusammensaßen, „mit einem Knoten im Bauch", wie sie sagen, und über die Ereignisse in Chemnitz sprachen. „Erkennst du das Land noch wieder? Was geht hier ab?", das seien die Fragen gewesen, die sich alle immer wieder gestellt haben.

Und dann sei allen klar gewesen: Es geht jetzt los; wir müssen jetzt etwas tun. Daraus entstand die Idee, zu der Mahnwache. Dass gleich beim ersten Mal so viele Menschen ihrer Idee folgen würden, hätten die Initiatorinnen nicht gedacht.

Am gestrigen Montagabend treffen sich zunächst 105 Menschen in der Petri-Kirche zum Friedensgebet. Draußen warten weitere, die sich den Menschen, die das Banner mit der Aufschrift »Die Würde des Menschen ist unantastbar« tragen, anschließen. Gemeinsam geht der Zug über den Kirchplatz und zieht dann einmal durch die Innenstadt.

Sie wollen dem Hass etwas entgegensetzen

Viele bekannte und viele weniger bekannte Gesichter sind in der Menge. Und bei weitem haben nicht alle etwas mit dem Unterstützerkreis Asyl zu tun. Sie sind hier, weil sie das Gefühl haben, den vielen Stimmen, die sich immer lauter gegen Ausländer erheben, etwas entgegensetzen zu wollen.

Für Menschlichkeit: Zum Friedensgebet ist die Petri-Kirche gut gefüllt. „Wir wollen nicht mehr nur zusehen“, sagt Pfarrerin Anja Keppler und meint damit die fremdenfeindliche Stimmung im Land gegen die es aufzustehen gelte. - © Silke Derkum-Homburg
Für Menschlichkeit: Zum Friedensgebet ist die Petri-Kirche gut gefüllt. „Wir wollen nicht mehr nur zusehen“, sagt Pfarrerin Anja Keppler und meint damit die fremdenfeindliche Stimmung im Land gegen die es aufzustehen gelte. (© Silke Derkum-Homburg)

„Ich bin Jahrgang 1957 und habe mich sehr mit den Ereignissen der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt", sagt Gabriele Schürmann, Versmolderin und Kita-Leiterin, „und mir war immer klar, wenn es sein muss, für Demokratie und Gerechtigkeit auf die Straße zu gehen, dann werde ich das tun – und die Zeit ist jetzt gekommen." Ähnliche Beweggründe nennen viele, mit denen man spricht. Nicht länger schweigen, das ist vielen wichtig.

Ganz bewusst hatte der Unterstützerkreis, zu dem die evangelischen Kirchengemeinden Versmold und Bockhorst und die katholische St.-Michael-Gemeinde zählen und der vom DRK und dem städtischen Haus der Familie unterstützt wird, den ersten Artikel des Grundgesetzes als Motto seiner Demonstration gewählt. Sie wollten » für« etwas demonstrieren. „Für die Bewahrung der Menschenrechte; dafür, dass jeder, der verfolgt ist, ein Recht auf Aufnahme hat", sagt Anja Keppler im Rahmen des Friedensgebetes in der Petri-Kirche, mit dem die Demonstration beginnt.

"Es geht um Menschen"

„Mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes weisen wir auf unsere Demokratie hin, damit kann man gut argumentieren", erklärt Brigitte Schrenk vom Unterstützerkreis im Pressegespräch vorm Friedensgebet. „Es geht nicht um den Syrer oder den Flüchtling, sondern um den Menschen, der da vor uns steht", betont Ursula Engelking vom Versmolder DRK.

„Ich kann andere Menschen doof finden oder nicht mögen, wie sie sich kleiden oder wie sie wohnen – aber ich kann ihnen nicht die Würde absprechen", sagt Karl-Heinz Galling vom Unterstützerkreis Asyl, der als Stadtführer Gruppen auf den Spuren jüdischen Lebens durch Versmold führt. „Es wird oft gesagt, in Versmold ist alles in Ordnung – das ist es eben nicht ." Auf der Aussichtsplattform im Bruch stünden beispielsweise antisemitische Parolen, sagt er. Deswegen habe er sich durchaus auch mit Gedanken auseinandergesetzt, aufgrund seines Engagements angegriffen zu werden – und sich dann trotzdem dafür entschieden.

Alex Froböse, ebenfalls engagiert im Unterstützerkreis, hat einen ganz besonderen Grund, warum sie auf die Straße geht. „Ich möchte positive Geschichten erzählen. Wir haben einen jungen Mann aus Afghanistan bei uns zu Hause aufgenommen und es klappt seit zwei Jahren ganz hervorragend. Oft sagen mir andere, dass es das erste Mal sei, dass sie auch etwas Positives über Geflüchtete hören. Davon wird viel zu wenig berichtet."

Nach gut 40 Minuten ist die Demonstration vorbei. Die Kerzen, die einige dabei hatten, werden zu Füßen des Engels an der Kirche abgestellt, dann verläuft sich die Menge. „Das ist der Grund, warum ich so gerne in Deutschland bin", sagt einer der jungen Syrer, die ebenfalls an der Mahnwache teilgenommen haben, „weil hier alle frei sind."

Copyright © Haller Kreisblatt 2018
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.