„Es gab viel Gegenwind von den Eltern“

Melanie Wigger

Im Büro des Rektors: An der Sekundarschule ist so manches anderes als anderen Schulen. CJD-Einrichtungsleiter Knud Schmidt (von links) und Schulleiter Klaus Blenk sprechen über das Potenzial dieser Unterschiede. Damit die Eltern wissen, was ihre Kinder aktuell machen, bekommen die Schüler einen »Chrissi«. Klaus Blenk zeigt das von Schülern designte Buch. - © Melanie Wigger
Im Büro des Rektors: An der Sekundarschule ist so manches anderes als anderen Schulen. CJD-Einrichtungsleiter Knud Schmidt (von links) und Schulleiter Klaus Blenk sprechen über das Potenzial dieser Unterschiede. Damit die Eltern wissen, was ihre Kinder aktuell machen, bekommen die Schüler einen »Chrissi«. Klaus Blenk zeigt das von Schülern designte Buch. (© Melanie Wigger)

Versmold hat sich von der Hauptschule endgültig verabschiedet – ist die Schullandschaft dadurch ärmer geworden, Herr Blenk?

Klaus Blenk: Im Gegenteil! Durch den Wechsel zur Sekundarschule – mit Angeboten wie dem Ganztag und mehr Wahlfächern – sind wir breiter aufgestellt als wir es in der Realschule und in der Hauptschule jemals waren. Auch am Leuchtturm-Beispiel »Bienengold AG« sieht man ganz deutlich, was alles bei uns möglich ist: Aus einer kleinen AG in der fünften Klasse ist eine professionelle Schülergenossenschaft gewachsen. Die Schule ist nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum. Genau deshalb war uns der verpflichtende Ganztag von Anfang an wichtig.

Zum Leid mancher Eltern, die ihre Kinder gerne mehr sehen würden. Verstehen Sie das?

Blenk: Ja und nein. Natürlich gibt es noch das klassische Familienmodell mit Eltern oder Großeltern, die die Kinder zuhause mit einem Mittagessen empfangen. Aber in vielen Familien ist das nicht mehr die Realität, weil beide berufstätig oder die Eltern alleinerziehend sind. In diesen Fällen ist der Ganztag ein zuverlässiger Ausgleich. Denn in den unteren Jahrgängen fällt keine Stunde aus. Die Kinder sind an drei Tagen verbindlich bis 15.50 Uhr hier.

Ein langer Tag für die Jüngeren!

Blenk: Daran gewöhnen sie sich schnell. Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Schüler nachmittags auf allen Vieren aus der Schule kriechen. Zudem besteht der Tag nicht nur aus Unterricht. Sport, AG, Lernbüro ... alles ist so miteinander verzahnt, dass die Tage aufgelockert werden. Und die Hausaufgaben fallen weg.

Keine Hausaufgaben? Das geht?

Blenk: Das ist eine Revolution in Versmold gewesen. Erst gab es viel Gegenwind von Eltern. Aber die Schüler haben stattdessen täglich eine Stunde Lernbüro – betreut von einem Lehrer. Dafür bekommen die Schüler auf ihr Lernniveau abgestimmte Aufgaben in den Hauptfächern und bearbeiten diese im Laufe der Woche. Selbst die größten Hausaufgaben-Verweigerer schließen sich an, wenn sie sehen, dass alle um sie herum arbeiten. Das Lernbüro ist also viel verlässlicher. Denn seien wir mal ehrlich: Ein großer Teil macht seine Hausaufgaben sowieso nicht täglich. Und viele Eltern melden zurück, dass es entlastend ist, mittags keine Hausaufgabenkämpfe mehr zu führen.

Gibt es bei anderen Unterschieden zum normalen Schulsystem auch Protest?

Blenk: Eltern fragen oft, warum wir keine getrennten Grund- und Erweiterungskurse machen. Aber wir haben trotz aller Widerstände von Anfang an gesagt, es bleibt integrativ. Die Klassenarbeiten werden deshalb in den höheren Jahrgängen auf unterschiedlichen Niveaus geschrieben. Die Lehrer arbeiten in Teams zusammen, um das leisten zu können. Für viele Schüler ist der gemeinsame Unterricht ein Ansporn und sie profitieren vom Wissen der anderen. 19 Schüler sind zuletzt auf das E-Niveau aufgestiegen. Aber nur fünf wechselten zurück auf das G-Niveau. Das ist eine Momentaufnahme. Aber ich glaube, die Tendenz wird so bleiben.

Für Hauptschüler also ein Plus?

Knud Schmidt: Gerade unter dem Aspekt Bildungsgerechtigkeit wird sich zeigen, dass die Sekundarschule der bessere Förderort ist. Denn in der Regel werden die schwächeren Schüler viel zu früh in ein System einsortiert, aus dem sie nur schwer wechseln können.

Was bedeutet diese Integration für leistungsstarke Schüler?

Blenk: Die anfänglichen Bedenken von Eltern, dass die schwächeren Schüler die guten runterziehen, kann ich nicht bestätigen. Wir haben zwar noch keinen Jahrgang entlassen, aber wenn die Zehner das Niveau so halten wie bisher, werden ihre Abschlussnoten für uns sprechen. So mancher mit Hauptschulempfehlung hat inzwischen einen Zweier-Durchschnitt und belegt E-Kurse. Die 145 Schüler dieses Jahrgangs haben bereits jetzt mindestens den Hauptschulabschluss und damit das wichtigste Ziel erreicht: Keiner wird uns ohne Abschluss verlassen.

Durch den Wegfall der Hauptschule gibt es nur noch christliche weiterführende Schulen. Ein Nachteil?

Schmidt: Wir sind zwar eine christliche Schule, aber wir nehmen jeden Schüler aus Versmold und Umgebung auf – schon immer. Ganz gleich welcher Herkunft, Religion oder Konfession. Unser Religionsunterricht ist zudem konfessionsübergreifend. Das Kennenlernen der anderen Religionen gehört zum Lehrplan und ist eine Riesen-Bereicherung. Der Unterricht ist keine Missionierung oder Indoktrinierung. Gerade in der Auseinandersetzung mit der Religion halte ich es für einen Vorteil, dass sich alle gemeinsam mit diesem Aspekt des Lebens auseinandersetzen – dabei spielt es keine Rolle, ob man gläubig ist.

Könnte die offiziell christliche Orientierung nicht trotzdem abschreckend sein?

Blenk: Die Religion war im Vorfeld der Schulanmeldung noch nie ein Gesprächsthema der Eltern.

Macht es für die Lehrer einen Unterschied, wenn sie an einer private Ersatzschule arbeiten?

Schmidt: In NRW werden die Lehrer an Privatschulen in Besoldung und Versorgung gleichgestellt. Auch Beamte haben eins zu eins die gleichen Bedingungen. Allerdings müssen sie sich spätestens nach fünf Jahren entscheiden, ob sie ihre Beamtenurkunde zurückgeben. Solange können sich Beamte beurlauben lassen, bevor sie sich endgültig entscheiden.

Die Versmolder Hauptschullehrer hätten also durch einen Wechsel an die Sekundarschule keinen Nachteil gehabt?

Schmidt: Genau. Und sie hätten sich gerne bei uns bewerben können. Das ist auch so kommuniziert worden. Aber es hat sich keiner beworben.

Keiner? Wie erklären Sie sich das?

Schmidt: Vielleicht ist es trotz der intensiven Gespräche im Vorfeld doch noch zu Missverständnissen gekommen, so dass nicht allen klar war, dass es gehaltsmäßig keinen Unterschied macht.

Blenk: Vielleicht waren die Lebenspläne anders. Vielleicht ist der Schritt einfach zu groß, wenn man sich über viele Jahre hinweg an ein System gewöhnt hat. Und irgendwie schwingt da auch immer dieser Status des Beamtentums mit, den man dann aufgibt. Das hat in unserer Gesellschaft schließlich einen hohen Stellenwert.

Schmidt: Letztendlich ist uns daraus kein Mangel entstanden – auch wenn wir gerne von den Erfahrungen der Kollegen profitiert hätten. Aber die jungen, motivierten Kollegen, die wir für die Sekundarschule gewinnen konnten, sind auch eine echte Bereicherung.

Das Interview führte

Melanie Wigger

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