Hätte man das Fischsterben im Ziegenbach verhindern können?

Silke Derkum-Homburg

Nicht zu öffnen: Auf der rechten Seite des Wehrs lagen vor zehn Tagen unzählige tote Fische im Schlamm. Links davon ist ein Auffangbecken zu sehen, das den Übergang zum etwa 1,5 Meter tiefer liegenden Aabach bildet. - © Silke Derkum-Homburg, HK
Nicht zu öffnen: Auf der rechten Seite des Wehrs lagen vor zehn Tagen unzählige tote Fische im Schlamm. Links davon ist ein Auffangbecken zu sehen, das den Übergang zum etwa 1,5 Meter tiefer liegenden Aabach bildet. (© Silke Derkum-Homburg, HK)

Versmold. Der Anblick der toten Fische, die zu hunderten vor knapp zwei Wochen im ausgetrockneten Bett des Ziegenbachs lagen, hat wohl niemanden erfreut. Doch während die offiziellen Stellen die Trockenheit und ihre Folgen als Lauf der Natur werten, sind andere empört davon, dass offenbar niemand bestrebt war, den Fischen zu helfen. Das Haller Kreisblatt hat versucht, einige der Fragen zu klären. Bei manchen ist es gelungen, bei anderen widersprechen sich die Protagonisten.

Warum ist derZiegenbachvon der Hitze so stark betroffen?

Der Ziegenbach mündet in einer Wiese hinter der Kläranlage und dem Storchenhorst in den Aabach. Eigentlich – denn ein Wehr verhindert an dieser Stelle den Zusammenfluss mit dem etwa ein bis 1,5 Meter tiefer liegenden Aabach. Vor rund drei Jahrzehnten wurde der Ziegenbach , der eigentlich nur ein Graben war, durch dieses Wehr aufgestaut und durch flache Uferböschung stark erweitert. Auf diese Art wurde dem einst stark entwässerten Bruch der Feuchtwiesencharakter zurückgegeben, erklärt Bernhard Walter, Leiter der Biologischen Station. Auf dieser weiten und nicht beschatteten Fläche ist das Wasser nun auf 1,6 Kilometern Länge bei der Hitze schneller verdunstet, als im Oberlauf des Ziegenbachs, der bis zur Bussardstraße noch fließt.

Warum wurde das Wehr nicht geöffnet?

Putztruppe des Bruchs: Für die Jungstörche, Graureiher, Krähen und Dohlen waren die toten Fische ein Festmahl. Schon nach kurzer Zeit war nichts mehr von den Kadavern übrig. - © Bernhard Walter
Putztruppe des Bruchs: Für die Jungstörche, Graureiher, Krähen und Dohlen waren die toten Fische ein Festmahl. Schon nach kurzer Zeit war nichts mehr von den Kadavern übrig. (© Bernhard Walter)

Das Wehr spielt eine zentrale Rolle in den Diskussionen. Viele Gesprächspartner des HK erinnern sich daran, dass das Wehr 2009 – als die Fische im Ziegenbach ebenfalls durch Trockenheit bedroht gewesen sein sollen – von Bürgern eigenmächtig (und widerrechtlich) geöffnet worden sein soll. Dies wäre inzwischen gar nicht mehr möglich, erklärt Sandra Szczypior , Ingenieurin für Umwelttechnik und bei der Stadt Versmold für die Gewässerunterhaltung zuständig. Denn 2010/2011 sei das bewegliche Wehr durch feste Stahlbalken ersetzt worden. Auch ehemals elektrisch bedienbare Klappen, die zur Regulierung des Wasserstandes gedient hatten, seien stillgelegt worden.

Hatten die Fische keine Möglichkeit, in den Aabach zu gelangen?

Zusammen mit der Neuerrichtung des Wehrs wurde auch ein Entlastungsgraben angelegt. Dieser sollte zum einen dafür sorgen, die Wasserhöhe des Bachs zu regulieren, denn der Bach war über Jahre zu hoch angestaut worden. Zum anderen sollte so die gesetzlich geforderte Durchgängigkeit des Gewässers gewährleistet sein. Daher enthält der auf rund 100 Metern seicht abfallende Graben eine Fischtreppe. Er sei so angelegt, dass er auch bei mittlerer durchschnittlicher Wasserhöhe des Bachs immer Wasser führe. Die Fische, die sich im Staubereich des Ziegenbachs aufgehalten hätten, hätten auch bei niedriger werdendem Wasserstand über diese Treppe entkommen können, sagt Sandra Szczypior . Inzwischen liegt natürlich auch diese Rinne trocken. Es herrsche eben extreme Dürre.

Hätten die Fische noch gerettet werden können?

Offenbar – so stellt es sich dar – hat niemand von offizieller Seite das Austrocknen des Bachs bemerkt. Das Haller Kreisblatt war von einem Leser auf die toten Fische aufmerksam gemacht worden und hatte am Montag, 30. Juli, sofort die Stadt informiert. Dort war die Situation noch nicht bekannt. Der Kreis habe dann einen Mitarbeiter der Wasserbehörde rausgeschickt, der sich ein Bild gemacht und danach den Angelverein informiert habe. „Damit war der Fall für uns durch", sagt Wilhelm Gröver , Leiter der Umweltabteilung.

Anders ist die Situation bei drei großen Karpfen, die in einem immer kleiner werdenden Kolk an der Rebhuhnstraße schwammen. Da das Wasserloch im Naturschutzgebiet liegt, ist das Betreten des Geländes verboten. Mitglieder des Angelvereins berichten, sie hätten am Dienstag, 31. Juli, bei der Stadt um die Erlaubnis gebeten, die Fische zu retten. Diese Genehmigung, die jedoch in die Zuständigkeit des Kreises fällt, sei erst Freitag erteilt worden. Wolfgang Schwentker , Leiter des Kreisordnungsamtes, sagt, der Antrag sei erst Freitag eingegangen und man habe sofort die Erlaubnis erteilt.

Hätten die Fische nicht vorher mit Keschern herausgeholt werden können?

Auch hier sind sich die Protagonisten uneins. Grundsätzlich, so der Standpunkt der Behörden, ist die Trockenheit ein Naturereignis, auf das niemand Einfluss habe. Dazu gehört auch der Tod der Tiere, die im Wasser leben.

Der Versmolder Angelverein ist Pächter des Gewässerverbundes, zu dem der Ziegenbach gehört, wenngleich dort nicht geangelt werden darf. Er hätte bei Kenntnis über den Wasserstand die Tiere gerne rechtzeitig herausgenommen und in Kooperation mit dem Kreis umgesetzt, sagt Frank Sickendiek , Gewässerwart des Vereins. Allerdings sei das Betreten des Naturschutzgebietes untersagt, so dass es auch nicht möglich sei, den Bach und den Zustand der Fische regelmäßig zu kontrollieren.

Das sieht die Behörde offenbar anders und weist die Zuständigkeit von sich. „Normalerweise gucken Fischereivereine bei so einem Wetter nach ihren Gewässern. In anderen Orten haben die Vereine ihre Feuerwehren hinter sich und die kommen dann und keschern das ab", sagt Wilhelm Gröver , Abteilungsleiter des Kreisumweltamtes. Und Wolfgang Schwentker , zu dessen Dezernat die Untere Fischereibehörde gehört, sagt: „Es ist nicht unsere Aufgabe, uns um die Fische zu kümmern. Das macht der Angelverein, der hat die Gewässer gepachtet."

Gestern gab der Kreis dann allerdings eine Pressemitteilung heraus und bittet die Bürger, bei drohendem Fischsterben die Kreisleitstelle, ` (0 52 41) 50 44 50, zu informieren. Selbst eingreifen und beispielsweise Fische umsetzen solle aber niemand. Dies sei aufgrund des Fischereirechts nicht möglich und auch nicht sinnvoll, da das Fachwissen fehle. Der Kreis verweist auch hier auf die örtlichen Fischereivereine. Er habe diese am Mittwoch informiert, dass sie unbürokratisch in Absprache mit der Unteren Fischereibehörde die Fische umsetzen dürften.

Kommentar: Nach uns die Sintflut

Es ist ein klassischer Fall von Schwarzem-Peter- Zuschieben. Anscheinend fühlt sich niemand für die Fische verantwortlich. Bei den Recherchen bei drei Ämtern fällt mehr als einmal der Satz „Dafür sind wir nicht zuständig", gefolgt vom Verweis auf die nächste Behörde und immer wieder auf den Angelverein.

Es ist in der Tat unglücklich, dass die Zuständigkeiten derart gesplittet sind. Ein Amt ist fürs Wasser zuständig, eines für die Fische darin und eines für die Natur drum herum. Und, so macht es den Anschein, jede Behörde guckt nur bis zu ihrem Tellerrand und keinen Millimeter darüber. Niemand fühlt sich offenbar aufgefordert zu handeln oder nachzusehen, ob Hilfe notwendig ist oder geleistet wurde.

Am Ende verweisen alle Behörden auf die Ehrenamtler vom Angelverein, die etwas hätten tun müssen. Es ist kein Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen Kreis und Versmolder Anglern schon lange kein gutes ist. Hier hat aber augenscheinlich auch die Kommunikation der Behörden untereinander nicht funktioniert. Zu Lasten einiger Fische.

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