Max mittendrin: Warum Müllmänner gute Basketballer sind

Max Backhaus

Gut in Basketball: Danebenliegender Müll ist meist lästig und muss auch nicht eingesammelt werden. Müllwagenfahrer Valeri Giesbrecht tut es trotzdem und hat dabei im Laufe der Zeit einen ziemlich guten Wurf entwickelt. - © Max Backhaus, HK
Gut in Basketball: Danebenliegender Müll ist meist lästig und muss auch nicht eingesammelt werden. Müllwagenfahrer Valeri Giesbrecht tut es trotzdem und hat dabei im Laufe der Zeit einen ziemlich guten Wurf entwickelt. (© Max Backhaus, HK)

Versmold. Plötzlich pfeift es laut, ein unangenehmer Geruch macht sich breit. „Nicht schon wieder", stöhnt Valeri Giesbrecht. Erst eine Woche zuvor musste er wegen einer undichten Luftleitung mit seinem Abfallsammelfahrzeug in die Werkstatt. Es nützt alles nichts, meint der 55-Jährige – die Leitung habe wieder ein Leck.

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Gerade in Versmold angekommen, muss der Einsatzleiter von Grumbach wieder nach Harsewinkel zurückkehren. Doch die Sorge, dass aus meinem Reportagetermin nichts mehr wird, ist unbegründet. Ein Anruf und zehn Minuten später kommt sein Bruder – ebenfalls im Müllauto unterwegs – vorbei und sammelt mich ein. Umso besser: so lerne ich den Beruf sogar durch zwei Profis kennen.

„Haushaltsübliche Mengen – ein dehnbarer Begriff"

Liebt seinen Job: Johann Giesbrecht fährt seit knapp 20 Jahren. Am besten gefallen ihm die Feldwege. - © Max Backhaus, HK
Liebt seinen Job: Johann Giesbrecht fährt seit knapp 20 Jahren. Am besten gefallen ihm die Feldwege. (© Max Backhaus, HK)

Doch mal von Anfang an: Um sechs Uhr in der Früh ist Schichtbeginn. Heute steht Papiermüll in Versmold an. Im Aufenthaltsraum wird der letzte Schluck Kaffee getrunken und die letzte Zigarette ausgedrückt. Giesbrecht nimmt die abschließenden Personaleinteilungen vor. Los geht’s.

Gut gelaunt in müllmanntypischer orangefarbener Hose und braunem Polo steigt Giesbrecht rechts ein. Dass er nicht wie in Deutschland auf dem linken Sitz Platz nimmt, liegt nicht etwa daran, dass das Abfallsammelfahrzeug aus Großbritannien stammt. Durch den Rechtsverkehr hat er so nämlich die Möglichkeit den Greifarm über den Spiegel oder mit Blick aus dem Fenster zu bedienen. „Anfangs brauchte ich ein oder zwei Wochen, doch mittlerweile ist eher der Linkslenker ungewohnt", sagt Giesbrecht.

Das Klischee von zwei Müllmännern, den »Kippern«, die während der Fahrt hinten auf dem Wagen stehen, bleibt aus: Die blauen Tonnen entsorgt lediglich ein Mitarbeiter per Seitenlader – aus Personalkostengründen. Nur bei den gelben Tonnen wird der Hecklader benötigt, da Säcke dazugestellt werden dürfen, die der Greifarm aufreißen würde. Mit dem kann Giesbrecht umgehen, als wäre es seine dritte Hand. Per Schaltknüppel auf der Mittelkonsole kann er manchmal sogar in Filigranarbeit mit dem Teleskoparm die Tonne drehen oder zwei Mülltonnen parallel leeren. Für die Bezirke »zwei« und »drei«, die an diesem Tag anstehen, werden vier Fahrten benötigt. Das sind pro Fahrt ungefähr 17 Tonnen Papier.

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Giesbrecht, seit 25 Jahren bei Grumbach, schätzt am meisten die Abwechslung seines Berufes. Und wie auf Kommando folgt das eingangs beschriebene Szenario der ungewollten Abwechslung. Schon sitze ich bei seinem Bruder Johann Giesbrecht im Lkw. Entspannt beginnen wir unsere Route über Feldwege. „Es ist schön, wenn mal ein Hase oder ein Reh über den Weg läuft und man sieht, wie sich die Natur verändert", sagt der 46-Jährige auf der Oesterweger Steinackerstraße.

Auch nach knapp 20 Jahren im Beruf müsse er sich morgens – um kurz nach fünf Uhr – nicht aus dem Bett zwingen, um zur Arbeit zu gehen. Und wenn er während der Arbeitszeit mal Müdigkeit verspüren sollte, „mache ich eben an der Seite ein kurzes Nickerchen."

Auf die Frage nach seiner korrekten Berufsbezeichnung muss er selbst nachdenken: „Ich bin LKW-Fahrer, Presswagenfahrer", und führt fort: „Es ist ungewöhnlich, dass man als LKW-Fahrer jeden Tag zuhause ist, aber anders wäre das auch nichts für mich."

In Versmold zu arbeiten, bezeichnet er als recht angenehm: „Meistens sind die Tonnen gut herausgestellt." Trotzdem müssen die beiden Brüder immer wieder aussteigen, da Tonnen falsch herum stehen oder Kartons neben der Tonne liegen. »Haushaltsübliche Mengen, klein gebündelt« sei die erlaubte Vorgabe. „Ein dehnbarer Begriff", meint Valeri Giesbrecht, der fortführt: „In 95 Prozent der Fälle würde das Papier noch in die Tonne passen."

Der Deckel müsse nicht aufliegen, meint er. Wenn er nett ist, schmeißt er den Müll in das 3,30 Meter hohe Loch. „Wir könnten alle Basketball spielen – kein Problem", erzählt Johann Giesbrecht schmunzelnd: „Wenn du nicht triffst, regnet nur alles auf dich herunter." Häufig lassen die Brüder die Kartons auch liegen. Denn das sei das beste Mittel den Menschen zu vermitteln, dass sie beim nächsten Mal besser packen sollen.

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