CJD-Abiturientin im Bundesvorstand der AfD

Alice Weidel macht auf Bundesebene eine steile Karriere

Marc Uthmann

Angriffslustig: AfD-Vorstandsmitglied Alice Weidel will auf Bundesebene für Furore sorgen. Mittwochabend diskutierte die einstige Versmolder Abiturientin bei »Maischberger« in der ARD. - © Foto: dpa
Angriffslustig: AfD-Vorstandsmitglied Alice Weidel will auf Bundesebene für Furore sorgen. Mittwochabend diskutierte die einstige Versmolder Abiturientin bei »Maischberger« in der ARD. (© Foto: dpa)

Versmold/Berlin. Am späten Mittwochbend hatte sie ihren Auftritt auf der großen TV-Bühne der Politik: Alice Weidel, ehemalige Abiturientin aus Versmold, war zu Gast bei der Talksendung »Maischberger« in der ARD. Dort diskutierte sie mit dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) sowie den Journalisten Claus Strunz und Hans-Ulrich Jörges (Stern). Alice Weidel war eingeladen als Reizfigur der Runde – sie ist Mitglied im Bundesvorstand der AfD. Bei den Rechtspopulisten ist die 37-Jährige auf der Überholspur unterwegs.

Das Haar streng zurückgekämmt, mit Bluse und Jacket – Alice Weidel tritt betont seriös und selbstbewusst auf. Bereits in deren Gründungsjahr 2013 trat sie in die AfD ein – die Kritik am Währungskonzept des Euro brachte sie offenbar der Partei nahe. Damals hatte noch Bernd Lucke den Vorsitz. Im Nachrichtenmagazin Spiegel, das Weidel in seiner aktuellen Ausgabe kurz porträtiert, wird sie mit der Aussage zitiert, dass die Verärgerung über das Rettungspaket für Griechenland sie schließlich zur AfD führte.

Schon jetzt gehört Alice Weidel dem Bundesvorstand an, leitet den »Bundesfachausschuss Euro und Währung« der Rechtskonservativen und wurde kürzlich zur Vorsitzenden der Bundesprogrammkommission ernannt – sie ist damit maßgeblich mit verantwortlich für die Inhalte der Partei.

Kommentar

Argumente statt Etiketten

VON MARC UTHMANN

Was macht eigentlich ...? Die meisten Menschen haben sich diese Frage wohl schon gestellt. Mit Blick auf frühere Mitschüler, Kollegen, Freunde oder andere Wegbegleiter, die sie aus den Augen verloren haben.
Wer neugierig ist und die einschlägigen Suchmaschinen im Internet bedient, entdeckt auch manche Spur. Oft kommt dabei Verblüffendes zutage. Eine steile Karriere bei der AfD stellt in dieser Hinsicht zweifellos eine besondere Überraschung dar.
Warum macht die da mit? Das ist man versucht, zu fragen, wenn man die Berichte über Alice Weidel aus dem Abi-Jahrbuch liest, die von einer freundlichen, hilfsbereiten, vor allem aber weltoffenen Mitschülerin künden. Die heute – wie der Spiegel sie zitiert – Flüchtlinge nach Mekka schaffen will. Passt das noch zusammen?
Menschen entwickeln und verändern sich. Das Abitur von Alice Weidel liegt 18 Jahre zurück. In dieser Zeit hat sie eine beeindruckende akademische und berufliche Laufbahn absolviert und die Welt gesehen. Doch heute ist sie sich offenbar nicht zu schade, auch die plattesten Parolen der Rechtspopulisten zu verbreiten. Darin steckt ein Widerspruch.
Alice Weidel ist allerdings das beste Beispiel dafür, dass man es sich zu einfach macht, alles als polemisch und plump abzutun, was von der AfD kommt. Diese Frau ist intelligent und kann auf hohem Niveau argumentieren. Da mag das eigene Weltbild, das so vermeintlich sauber in Gut und Böse eingeteilt hatte, schon einmal kurz ins Wanken geraten. Manche Argumente werden allerdings nicht besser, nur weil sie schlaue Menschen vortragen.

Was das Tempo angeht, passt die Politkarriere zum bisherigen Leben von Alice Weidel. Sie wurde in Gütersloh geboren, wuchs in Harsewinkel auf und machte 1998 ihr Abitur am CJD-Gymnasium in Versmold. Danach schloss sie in Bayreuth ein Doppelstudium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre ab und durfte als herausragende Absolventin unter anderem Nobelpreisträger John Nash treffen. Die Ökonomin promovierte anschließend mit einem Begabtenstipendium, arbeitete bei einer Investmentbank in Frankfurt, später auf weiteren europäischen Stationen und in China.

Politikerin lebt am Bodensee

Dennoch führte sie ihr beruflicher Weg zurück in die Nähe ihrer alten Schule – Alice Weidel nahm einen Posten im Management des Heristo-Konzerns (unter anderem Stockmeyer) in Bad Rothenfelde an, wohnte mit ihrer Lebenspartnerin und dem gemeinsamen Kind auch in Versmolds Nachbarstadt. Doch nach HK-Informationen war das Engagement nur von kurzer Dauer. Bereits vor knapp zwei Jahren habe man sich von Weidel getrennt, heißt es zu dieser Personalie aus dem Konzernumfeld.

Inzwischen lebt die Politikerin in Überlingen am Bodensee, berät Investoren und Unternehmen im Aufbau – und verfolgt ihre politische Laufbahn mit der gleichen Zielstrebigkeit wie die bisherige berufliche Karriere. Zwar scheiterte Alice Weidel am vergangenen Wochenende beim Sprung in den baden-württembergischen Landtag, doch richtet sie ihren Blick laut Zeitungsberichten ohnehin auf die große Politik und die Bundestagswahl 2017.

Weidel fordert die Kanzlerin zum Rücktritt auf

Die rechtspopulistischen Positionen der AfD abseits der Geldpolitik hat sich die Ökonomin mittlerweile zu eigen gemacht. Den Zuzug von Flüchtlingen nennt sie in ihrem Statement für den Maischberger-Auftritt „eine unkalkulierbare Belastung für unsere Unternehmen und den Sozialstaat". Sie fordert Kanzlerin Angela Merkel und ihre Regierung zum Rücktritt auf, wettert gegen die „rot-grüne Genderpolitik" und die „schulische Frühsexualisierung unserer Kinder" und nennt den Euro eine „fehlkonstruierte Währungsunion". Der Spiegel zitiert Weidel bei einer Wahlkampfveranstaltung sogar mit einer besonders perfiden Aussage. Gefragt, wo denn die Flüchtlinge ihrer Meinung nach untergebracht werden könnten, habe Weidel sinngemäß geantwortet, in Mekka seien außerhalb der Pilgersaison Millionen Betten frei.

Ihre Auftritte – einige Reden sind auf dem Videoportal Youtube anzusehen – absolviert die einstige Versmolder Abiturientin gestenreich, oft mit spöttischem Unterton. Sie bemüht einerseits etablierte Medien als Beleg für ihre Argumente, um diese andererseits auf ihrer Facebook-Seite genüsslich vermeintlich tendenziöser Berichterstattung oder handwerklicher Fehler zu überführen.

Bei ihren einstigen Mitschülern hat sie damals offenbar einen ganz anderen Eindruck hinterlassen: Gleich drei Beiträge sind der Abiturientin im Jahrbuch des CJD-Gymnasiums von 1998 gewidmet. Sie zeichnen das Bild einer zielstrebigen jungen Frau, der hin und wieder Arroganz unterstellt wird. Die jedoch zugleich hilfsbereit und liebenswert ist.

„See you later, on the Karriereleiter", heißt es in einem Beitrag am Ende – diese Leiter will Alice Weidel wohl gerade erklimmen.

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