Kriegsfotograf: „Tot zu sein ist der einfachste Fall“

Interview mit Andy Spyra

Stella Venohr

Zu Hause in Dortmund: Bei der Lokalzeitung und als Hochzeitsfotograf hat Andy Spyra mit der Fotografie begonnen, inzwischen ist er viel unterwegs und nur noch selten zu Hause. - © Foto: Stella Venohr
Zu Hause in Dortmund: Bei der Lokalzeitung und als Hochzeitsfotograf hat Andy Spyra mit der Fotografie begonnen, inzwischen ist er viel unterwegs und nur noch selten zu Hause. (© Foto: Stella Venohr)

Versmold/Dortmund . Er verbringt den Großteil des Jahres in Ländern, wie Syrien oder Afganistan. Orte, die wohl kaum jemand freiwillig als Reiseziel wählen würde. Aber Andy Spyra ist Fotograf und will mit den Bildern aufmerksam machen. Im Juli war er in Nigeria und hat die Mädchen fotografiert, die aus den Fängen von Boko Haram befreit wurden. Am Montag kommt er in die Hauptschule Versmold, um dort mit den Zehntklässlern über seine Erlebnisse zu diskutieren. HK-Mitarbeiterin Stella Venohr hat mit ihm vorab gesprochen.

No-go-Area: In Nigeria, wo die Boko-Haram-Gruppe die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, hat Andy Spyra die Opfer der Terroristen fotografiert. Hier beobachtet er in der Stadt Kano durch seine Kamera, wie Mitglieder der nigerianischen Sicherheitskräfte die katholische St.-Rita-Kirche im christlichen Viertel vor Boko-Haram-Attacken beschützen. - © Foto: Andy Spyra
No-go-Area: In Nigeria, wo die Boko-Haram-Gruppe die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, hat Andy Spyra die Opfer der Terroristen fotografiert. Hier beobachtet er in der Stadt Kano durch seine Kamera, wie Mitglieder der nigerianischen Sicherheitskräfte die katholische St.-Rita-Kirche im christlichen Viertel vor Boko-Haram-Attacken beschützen. (© Foto: Andy Spyra)

Herr Spyra, warum sind Sie ausgerechnet darauf gekommen, Fotograf in Krisengebieten zu werden?

ANDY SPYRA: Ich hatte das erst gar nicht auf dem Schirm. Das fing im Photographie-Studium an. Man ist dann so 22 oder 23 Jahre alt, will reisen und die Welt sehen und auf einmal Kriegsfotograf werden. Meine ersten Erfahrungen habe ich 2007 im indischen Kaschmir (zur Berichterstattung über die Zeit nach dem Kaschmir-Konflikt des Jahres 1999, Anm. d. Red.) gemacht. Es war ein bisschen Abenteuer und aufregend, dort zu sein, wo Geschichte geschrieben wurde und Geschichte passiert.

Info

Andy Spyra

Andy Spyra (31) lebt in Dortmund. Der zweifache Vater verbringt den Großteil seiner Zeit als freier Fotograf in Krisengebieten in aller Welt. Bekannt wurde er durch seine meist in schwarz-weiß gehaltenen Bilder. Vor einem Jahr war er in Nigeria und gehörte zu dem ersten westlichen Journalistenteam, das Kämpfer von Boko Haram getroffen hat. Im Juli dieses Jahres war er wieder dort, um für die Wochenzeitschrift »Die Zeit« eine Porträtreihe mit den Mädchen zu machen, die aus den Fängen der Terrororganisation befreit werden konnten.

Und daraus wurde dann ein Job?

SPYRA: Ja, ich habe dann damals angefangen in Kaschmir zu arbeiten ohne eine Idee zu haben, was ich da mache. Also weder journalistisch, noch von der Fotografie und schon gar nicht, was da eigentlich politisch in Kaschmir abgeht. Kaschmir habe ich dann als Projekt nie fertig gebracht, ich wurde vorher ausgewiesen aus Ostindien und darf da auch nicht mehr einreisen. Und dann kam 2009 zeitgleich aber ein Auftrag in Bosnien und wieder ein Nachkriegsland, in dem die Spuren des Völkermords und Traumata noch zu spüren sind. Und irgendwie wurde es dann so ein Muster, was sich immer wieder durchgezogen hat.

Warum ist es bei solchen gefährlichen Gebieten geblieben?

SPYRA: Mir geht es immer darum, was passiert mit den Menschen im Krieg, was macht das mit denen. Und das Thema auf die menschliche Ebene herunterzubrechen. Ich versuche, dass auch Menschen hier in Deutschland durch meine Bilder einen Zugang bekommen. Hier, wo abstrakte Zahlen von Toten wieder runtergebrochen werden, auf die eine Geschichte oder das eine Schicksal. Ich bin kein Adrenalinjunkie. Klar, ist es auch jedes Mal ein Abenteuer, aber das tritt immer mehr in den Hintergrund. Ich muss immer eine Botschaft mit dem Land verbinden. Wenn ich nichts darüber zu sagen habe, fahre ich da auch gar nicht erst hin.

Was passiert, wenn Sie in ein Krisengebiet reisen? Wie muss ich mir den Ablauf vorstellen?

SPYRA: Ich arbeite meistens in Langzeitprojekten, die meistens mindestens drei Jahre dauern. Der Impuls ist total unterschiedlich, manchmal interessiert mich eine Gegend besonders. In die Sache mit Kaschmir bin ich einfach hineingerutscht und oft sind es natürlich auch Aufträge. Im Juli war ich wieder in Nigeria bei Mädchen, die aus den Fängen von Boko Haram befreit wurden. Das war ein Auftrag von der »Zeit«: Die wissen, ich war schon zweimal da und bin der einzige deutsche Fotograf, der da arbeitet. Und dann läuft es halt so an, mit Anreise, Übersetzer und Unterkunft für den schreibenden Kollegen und mich. Das dauert immer ungefähr einen Monat.

Und dann läuft alles über Kontakte?

SPYRA: Ja, gerade in Nigeria ist es relativ schwierig. Es ist ziemlich teuer und die Entführungsgefahr ist sehr hoch und da sollte man schon sehr genau wissen, mit wem man da wie arbeitet und wo man schläft und wie lange man an einem Ort bleibt. In Nigeria vertraut man den Menschen vor Ort sein Leben an.

Gab es einen Moment, der Sie besonders geprägt oder gar verändert hat?

SPYRA: Es gab jetzt keinen einzelnen Moment, der besonders hervorstechen würde. Es gab viele kleine Momente. Einer der letzten war, als ich im vergangenen Jahr in Nigeria war, da kam ich in ein Krankenhaus, und da lagen die Menschen, deren Dorf in der Woche vorher überfallen worden war. Und da war ein kleine Mädchen, dem wurde der Arm abgeschossen. Die war so alt wie meine Tochter. Da war ich selber auch überhaupt nicht drauf vorbereitet, ich hatte vorher schon mit anderen Verletzten gesprochen und das waren alles erwachsene Leute. Das kann man irgendwie für sich abgleichen, das kenne ich auch schon. Und auf das kleine Mädchen war ich halt überhaupt nicht vorbereitet. Da musste ich schlucken und man sieht dann sein eigenes Kind da liegen.

Was würden Sie angehenden Krisenjournalisten raten?

SPYRA: Es gibt keinen einfachen Rat dafür. Da muss man einfach jemand sein, der selbstkritisch genug ist und sich auch fragen kann, ist das wirklich etwas für mich? Und warum will ich das? Will ich nur einen Kick haben? Dann kannst du auch Motorrad fahren gehen. Nur für den Kick wäre es moralisch illegitim dorthin zu fahren. Kann ich abschätzen, was passiert wenn es dann wirklich knallt? Kann ich dann einigermaßen klar denken oder drehe ich dann völlig durch und laufe Amok und werde abgeknallt? Dann eine der wichtigsten Fragen, die man sich stellen sollte, die ich mir auch immer gestellt habe, was ist wenn? Was ist, wenn dich eine Kugel trifft und du bist nicht tot? Tot zu sein ist ja der einfachste Fall. Und was passiert, wenn der Arm ab ist?

Wäre es das denn in irgendeinem Fall schon mal wert gewesen?

SPYRA: Nein, wert war es das natürlich nicht. Aber kannst du es vor dir rechtfertigen, vor deiner Familie, vor deinen Kindern? Das ist eine der wichtigsten Fragen, die man sich vorher stellen sollte. Und wenn man dann glaubt, bereit zu sein, dann muss man dahin fahren und es herausfinden. Jeder fährt blindlings und mit ganz viel Glück im Gepäck in die ersten Kriegsgebiete. Wenn ich daran denke, wie ich in Kaschmir herumgelaufen bin so ohne alles. Das würde ich nie wieder machen. Aber mit 22, 23 bist du gefühlt unbesiegbar und unsterblich.

Warum ist ein Thema wie Boko Haram auch schon für Schüler wichtig?

SPYRA: Weil es wichtig ist, auch jungen Menschen eine Realität zu zeigen, die für fast alle hier in Deutschland lebenden Menschen unvorstellbar ist. Und dass diese Realität in all ihrer Drastik für einen großen Teil der Weltbevölkerung, wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen, »normal« ist. Ich finde es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir hier in Deutschland erstens in einer sehr privilegierten Situation leben und zweitens uns diese Dinge, wie Krieg, Armut, Hunger, Despotismus und so, sehr wohl etwas angehen, wie man gerade an den Zehntausenden von Flüchtlingen sehen kann, die nach Deutschland fliehen.

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