Ausbildungsstart in Versmold

Fleischer und Kraftfahrer händeringend gesucht

Von Silke Derkum und Tasja Klusmeyer

Start bei Stockmeyer – von links: Karen Osthues (Ausbilder kaufmännischer Bereich), Jens Vennemann (Ausbilder technischer Bereich), die Neuen Niklas Ströker, Jan Bründel, Andre Zupp, Verena Kositzki, Nadine Toppmöller, Tom Müther und Max Hinzmann sowie Frank Pickenäcker (Ausbilder technischer Bereich und Dieter Kositzki (Ausbilder gewerblicher Bereich). - © Foto: Tasja Klusmeyer
Start bei Stockmeyer – von links: Karen Osthues (Ausbilder kaufmännischer Bereich), Jens Vennemann (Ausbilder technischer Bereich), die Neuen Niklas Ströker, Jan Bründel, Andre Zupp, Verena Kositzki, Nadine Toppmöller, Tom Müther und Max Hinzmann sowie Frank Pickenäcker (Ausbilder technischer Bereich und Dieter Kositzki (Ausbilder gewerblicher Bereich). (© Foto: Tasja Klusmeyer)

Versmold. Die Ausbildung junger Menschen hat in Versmolder Betrieben weiterhin einen hohen Stellenwert und die Nachwuchskräfte scheinen vor Ort auf verlässliche Arbeitgeber zu treffen. Viele bleiben auch über die Lehre hinaus in den großen Unternehmen der Stadt beschäftigt. Allerdings weniger in den klassischen Versmolder Berufsfeldern. Den Fleischwarenfabriken mangelt es an Fleischernachwuchs. Die Suche nach Auszubildenden zum Kraftfahrer ist beim Speditionsriesen Nagel in diesem Jahr gescheitert.

Nölke

Dass sich die Auszubildenden des Fleischwarenproduzenten Nölke am ersten Arbeitstag für ein Pressefoto unter das Firmenlogo stellen, ist in der Fleischstadt seit Jahrzehnten gute Tradition. Doch in diesem Jahr lag ein wenig Anspannung in der Luft. Immerhin ist Nölke seit Ende vergangenen Jahres kein Familienunternehmen mehr, sondern gehört zur riesigen Zur-Mühlen-Gruppe – und machte im Frühjahr Schlagzeilen mit rund 150 Kündigungen langjähriger Mitarbeiter.

Doch am gestrigen Tag drehte sich alles um den Nachwuchs. „Heute wollen wir nur nach vorne blicken“, betonte Ausbildungsleiter Raimund Wientke. Sechs Auszubildende sind seit gestern Nölkianer. Davon werden zwei in der Verwaltung als Industriekaufleute ausgebildet. Ein junger Mann wird Fachkraft für Lebensmitteltechnik und drei haben sich für den Beruf des Fleischers entschieden.

Ausbildungsstart in Versmold

Wie seit Jahren überall aus der Branche zu hören ist, wurde auch Nölke dieses Mal nicht mit Bewerbungen für den Fleischerberuf überschüttet. Allerdings sei das Angebot auf dem Ausbildungsmarkt im vergangenen Jahr noch geringer gewesen. Die Kooperationen mit der Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule in Borgholzhausen sowie der Versmolder Haupt- und Realschule zahle sich aus, so Wientke.

Insgesamt ist man mit der Auswahl, die aus den rund zehn Bewerbungen getroffen wurde, höchst zufrieden. „Wir haben eine schlagkräftige Truppe für unser Unternehmen gewinnen können“, sagt Raimund Wientke. Eingestellt wurden alle Auszubildenden erst Anfang des Jahres. „Wir mussten ja erst mal abwarten, wie sich alles entwickelt“, sagt Wientke im Hinblick auf die Übernahme Nölkes durch Zur Mühlen. Aber wie bislang bei Nölke, habe die Ausbildung auch bei der Zur-Mühlen-Gruppe einen hohen Stellenwert, sagt der Ausbildungsleiter.

Räumlich wird der diesjährige Ausbildungsjahrgang erstmalig die veränderte Situation des Unternehmens zu spüren bekommen. Denn die Lehrwerkstatt befand sich bislang im Werk Menzefricke, das am 31. Juli endgültig geschlossen wurde. „Wir haben nun hier am Standort Ziegeleistraße Räume dafür freigemacht und die Werkstatt hier eingerichtet“, erklärt Wientke.

Und als sichtbares Zeichen dafür, dass es bei Nölke nun bergauf geht, werden auch die vier jungen Männer, die im Juni erfolgreich ihre Prüfung zum Fleischer bestanden haben, übernommen. Ob es auch schon Gespräche mit den 60 Mitarbeitern gegeben habe, die man – wie von Zur-Mühlen-Besitzer Clemens Tönnies am 9. Juli verkündet – nach der im Februar erfolgten Kündigung nun wieder einstellen wolle, dazu wollte sich Wientke nicht äußern.

Wiltmann

Glas statt Fachwerk: Vor neuer Kulisse begrüßte das Peckeloher Fleischwarenunternehmen Wiltmann die neuen Auszubildenden. Fürs Pressefoto reihten sich die Wiltmänner in den vergangenen Jahren stets vorm alten Bauernhaus eingangs des Betriebsgeländes auf. Gestern ging es einige Meter weiter Richtung Werksgebäude. Dort ist in den vergangenen Monaten – passend zur gläsernen Produktion – ein Anbau aus Glas entstanden. Das neue Besucherzentrum besticht außen durch moderne Architektur, im Kontrast zum Fachwerk nebenan, und trägt innen die Handschrift Otmar Alts. Farbenfrohe Kunst ziert das Interieur, unverkennbar Wiltmann. Offiziell eingeweiht ist das neue Gebäude noch nicht. Der Empfang der Azubis gehörte zu den ersten Veranstaltungen dort.

Neun junge Menschen starteten gestern beim Peckeloher Fleischwarenhersteller in ihr Berufsleben: Drei lernen den Beruf des Fleischers, zwei werden zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik ausgebildet und vier wollen Industriekaufleute werden. Das Interesse am kaufmännischen Bereich ist nach wie vor ungebrochen; etwa 70 Bewerbungen lagen bei Wiltmann dafür vor. Mit 15 bis 20 Bewerbungen ist die Zahl im gewerblichen Bereich wieder leicht gestiegen – was das Unternehmen unter anderen auf die Teilnahme an Berufsorientierungsmessen zurückführt.

Insgesamt bildet der Peckeloher Familienbetrieb nun 24 junge Menschen aus – viele von ihnen werden die Mitarbeiter von morgen sein. Denn die Chancen für eine Übernahme nach der Ausbildung stehen bei Wiltmann offenbar gut, „wenn die Leistung passt und die Positionen da sind“, sagte Geschäftsführer André Behrmann. Vier der fünf Lehrlinge, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, bleiben im Unternehmer. Einer hat sich fürs Studium entschieden.

Dass viele Mitarbeiter Jahre, gar Jahrzehnte dem Unternehmen treu bleiben, zeigt die Zahl der Jubilare. 62 Kräfte von insgesamt etwa 800 feiern allein in diesem Jahr 25 oder 40 Jahre Betriebszugehörigkeit. „Arbeiten hier kann Spaß machen“, so Verwaltungsleiter Jürgen Aschentrup. Bewusst legt Wiltmann die Begrüßung neuer Azubis zusammen auf einen Termin zur Verabschiedung alter Lehrlinge und der Gratulation einiger Jubilare. „Sie bekommen die Chance, hier ein Fundament für Ihren beruflichen Werdegang zu legen“, richtete Aschentrup einige Worte an die jungen Menschen, bevor es an den Arbeitsplatz ging.

Stockmeyer

Zehn freie Ausbildungsstellen hätte der Füchtorfer Fleischwarenhersteller Stockmeyer gerne besetzt. Begrüßen konnten die Ausbildungsleiter gestern nur sieben junge Leute. Drei Plätze im gewerblichen Bereich sind bislang noch frei – können aber durchaus kurzfristig vergeben werden. Damit setzt sich bei Stockmeyer die Entwicklung der vergangenen Jahre fort: großes Interesse im kaufmännischen Bereich, sinkende Nachfrage in den gewerblichen Berufen. Immerhin: Ein junger Mann hat sich dafür entschieden, den Beruf des Fleischers zu lernen.

Auffällig ist bei der Liste der neuen Azubis auch, dass zum wiederholten Mal hintereinander an keiner Stelle Versmold als Wohnort auftaucht – obwohl doch Stockmeyer aus seiner Tradition heraus nach wie vor Arbeitgeber für viele Fleischstädter ist. Karen Osthues von der Personalabteilung vermutet, dass die wohnortnahe Möglichkeit der Ausbildung in Versmolder Betrieben ein Grund dafür ist. Zudem pflege das Unternehmen eher intensiven Kontakt zu Warendorfer Schulen beispielsweise durch Ausbildungsmessen.

Nagel-Group

Der mit Abstand größte Ausbilder in Versmold ist seit Jahren die Nagel-Group. Für 30 junge Leute hat gestern dort der Einstieg ins Berufsleben begonnen. Eingesetzt werden sie danach in der Unternehmenszentrale in Versmold sowie der Niederlassung in Borgholzhausen. Interessant ist, dass Kraftverkehr Nagel – auf allen Straßen präsent durch die Lkw mit dem blauen Schriftzug – ausgerechnet für das Kerngeschäft keinen Nachwuchs einstellen konnte. „Ich hätte gerne mindestens sechs Auszubildende zum Berufskraftfahrer eingestellt“, sagt Ausbildungsleiterin Caroline Eurlings. Doch es gingen keine adäquaten Bewerbungen ein.

Das Image des Berufs sei leider immer noch zu schlecht, vermutet Eurlings. Vor allem, weil viele dächten, man sei als Berufskraftfahrer tagelang unterwegs. „Bei uns fahren aber alle im Nahverkehr und sind abends wieder zu Hause“, sagt die Ausbilderin. Um die Lehre den jungen Leuten schmackhaft zu machen, ist die Nagel-Group dazu übergegangen, dem Nachwuchs nicht nur den Lkw-, sondern auch den Pkw-Führerschein zu bezahlen. „Wir machen eine ganze Menge, fahren mit den Azubis zum Beispiel ein ganzes Wochenende zum Truck Grand Prix“, sagt Caroline Eurlings und erklärt, dass die jungen Nagelaner frühestens nach eineinhalb Jahren Lehrzeit mit der Fahrausbildung beginnen. „Bis zum 1. Oktober würden wir noch einstellen“, ergänzt Ulrich Mihatsch, der für die Ausbildung am Standort Versmold zuständig ist.

Unter seiner Obhut wird deshalb auch der Großteil der 19 auszubildenden Kaufleute für Spedition- und Logistikdienstleistung stehen. Hinzu kommen jeweils zwei Informatikkaufleute und Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker sowie drei Fachlageristen und ein Fachinformatiker für Systemintegration. Vier junge Leute absolvieren ein duales Studium der Fachrichtung Logistik.

Insgesamt beginnen deutschlandweit 222 Auszubildende an mehr als 30 Standorten der Nagel-Group ihre Lehre.

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