SteinhagenTochter muss ins Gefängnis, wenn 74-Jährige nicht 80.000 Euro Kaution zahlt

Der Enkeltrick ist inzwischen hinlänglich bekannt. Doch mit immer neuen Varianten versuchen Verbrecherbanden an das Geld von vornehmlich älteren Menschen zu gelangen. Als am Mittwoch eine Seniorin aus Steinhagen den Hörer abnimmt, zittern ihr nach wenigen Sekunden die Knie.

Frank Jasper

Je länger das Gespräch zwischen dem angeblichen Polizisten und der Steinhagenerin dauert, desto stärker mehren sich die Zweifel über die Echtheit des Anrufs. - © Andreas Frücht
Je länger das Gespräch zwischen dem angeblichen Polizisten und der Steinhagenerin dauert, desto stärker mehren sich die Zweifel über die Echtheit des Anrufs. © Andreas Frücht

Steinhagen. Die 74-Jährige, die lieber anonym bleiben möchte, gehört zu jenen Menschen, die ungläubig den Kopf schütteln, wenn sie vom Enkeltrick hören. Auf so etwas – das denken die meisten – falle ich doch nicht herein. Am Mittwoch allerdings bekam sie einen Eindruck davon, wie es einem ergeht, wenn man plötzlich selbst Opfer eines Telefonbetrugs wird.

Darauf reingefallen – so viel sei an dieser Stelle verraten – ist die Steinhagenerin aber tatsächlich nicht. „Am anderen Ende der Leitung hat sich angeblich meine Tochter gemeldet, die mir völlig aufgebracht und unter Tränen berichtete, dass sie einen Unfall verursacht habe", schildert die Seniorin den Beginn des Gesprächs. Dann habe ihre vermeintliche Tochter das Telefon an einen Polizeibeamten weitergegeben. Der erklärte der völlig überrumpelten Steinhagenerin, dass bei dem Unfall zwei Menschen ums Leben gekommen seien und ihre Tochter schuldig sei, weil sie während der Autofahrt durch ihr Handy abgelenkt gewesen sei.

"Ich habe am ganzen Körper gezittert"

„Bereits an der Stelle bin ich stutzig geworden, weil sich die Stimme meiner angeblichen Tochter so fremd angehört hat. Und weil ich weiß, dass sie im Auto eine Freisprechanlage zum Telefonieren hat", erzählt die Seniorin. „Trotzdem ist mir der Schrecken bis in die Zehenspitzen gefahren. Ich habe am ganzen Körper gezittert."

Während sich die Steinhagenerin noch sortiert, erhöht der vermeintliche Polizist am anderen Ende der Leitung den Druck. Ihre Tochter werde in Kürze dem Haftrichter vorgeführt. Es drohten bis zu zehn Jahre Gefängnis. Einzig eine Kaution in Höhe von 80.000 Euro könne sie vor diesem Schicksal noch bewahren. Die Steinhagenerin soll offenbar Geld organisieren, um ihre Tochter freizukaufen.

Der Betrüger wittert, dass er aufgeflogen ist

Die 74-Jährige ist sich inzwischen bewusst, dass sie gerade mit einem Telefonbetrüger spricht. „Da waren so viele Ungereimtheiten. Ich habe gedacht: Das ist doch wohl ein Witz. Aber das muss man erst mal schnallen, wenn man zunächst völlig unter Schock stand", erzählt die Frau. Sie übernimmt jetzt die Gesprächsführung, will wissen, von welcher Dienststelle der Polizist kommt. „Der nuschelte irgendwas ins Telefon", erinnert sich die Frau.

Während sie auf ihrem Festnetz weiter mit dem Mann spricht, versucht sie parallel mit dem Handy ihre Tochter zu erreichen, die allerdings nicht rangeht. „Dann habe ich deren Freundin angerufen, die selbst Polizistin ist." Diese bestärkt die verunsicherte Mutter darin, dass sie gerade Opfer eines Telefonbetrugs wird. Der Betrüger wittert offenbar, dass er bei seiner Gesprächspartnerin zu viele Zweifel gesät hat. „Plötzlich hat er sich entschuldigt und gemeint, es läge wohl ein Missverständnis vor. Dann hat er einfach aufgelegt."

Lesen Sie auch: Neue Betrugs-Masche: Frau aus dem Kreis Gütersloh verliert mehrere 10.000 Euro

Die Steinhagenerin erreicht wenig später ihre Tochter, die keineswegs in einem Unfall verwickelt ist, und informiert die Polizei über den Betrugsversuch. Anschließend meldet sie sich beim Haller Kreisblatt. „Weil ich andere vor dieser fiesen Masche warnen möchte."

Info

Telefonbetrug hat Konjunktur


• „Der aktuelle Fall in Steinhagen ist eine Mischung aus Enkeltrick und Falscher Polizist", sagt Polizeisprecher Mark Kohnert. Inzwischen gebe es unterschiedliche Varianten dieser Betrugsanrufe, die während der Pandemie vermehrt gemeldet werden. „Denn Telefon- und Internetbetrug sind zwei kriminelle Handlungsfelder, die zurzeit noch immer funktionieren", erklärt Kohnert.

• Hinter den Anrufen stecken laut dem Polizeisprecher professionelle Banden, die oft Callcenter im Ausland betreiben und vor Ort mit Kurieren arbeiten, die im weiteren Verlauf des Tricks bei den Opfern teils sehr hohe Geldsummen abholen. „Die Telefonnummern, mit denen sie ihre Opfer anrufen, werden künstlich generiert. Sogar die 110 kann auf diese Weise erzeugt werden", warnt Mark Kohnert. „Die Betrüger gehen sehr professionell vor, sind technisch und psychologisch geschult."

• Angerufene sollten auf ihr Bauchgefühl hören und sich bei Zweifeln bei der Polizei über die Echtheit des Anrufs rückversichern. „Holen sie auf jeden Fall die Polizei mit ins Boot", rät Kohnert. Auch Betrugsversuche sollten gemeldet werden.
Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.