Chaos um kostenlose Corona-Schnelltests

Die Bundesregierung wollte ursprünglich vom 1. März an kostenlose Corona-Schnelltests von geschultem Personal anbieten. Außerdem sollen Tests zur Selbstanwendung in den Handel kommen. Wie soll das vor Ort funktionieren?

Frank Jasper

Themenfoto - © Tasja Klusmeyer
Themenfoto (© Tasja Klusmeyer)

Steinhagen. Das Versprechen, das Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 16. Februar gegeben hat, lautet so: Vom 1. März an sollen kostenlose Corona-Schnelltests für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich sei. Die Tests sollen von geschultem Personal durchgeführt werden.

Nachfrage im Steinhagener Rathaus: Wo kann ich mich kommenden Montag kostenlos testen lassen? Bürgermeisterin Sarah Süß muss passen: „Wir haben im Krisenstab darüber gesprochen, bisher liegen uns dazu aber keine Informationen vor. Heute Abend", so Sarah Süß am Monatg, „findet aber eine Online-Konferenz zu genau diesem Thema statt, zu der NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann die Landräte und die Oberbürgermeister eingeladen hat."

Womöglich weiß danach Jan Focken, Sprecher der Kreisverwaltung, mehr. Auch er teilt auf HK-Nachfrage mit, dass der Kreis Gütersloh bislang weder vom Land noch vom Bund eine Ansage zur Durchführung von kostenlosen Schnelltests erhalten habe. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Kreis in die Distribution von Schnelltests einsteigen wird", so Jan Focken am Montag.

Laientests für zuhause sind noch gar nicht zugelassen

Wenn das Gesundheitsministerium von geschultem Personal spricht, das die Tests durchführen soll, dürften auch die Hausärzte gemeint sein. Anfrage an die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): Welche Steinhagener Praxis testet am Montag kostenlos auf Corona? Die KVWL antwortet: „Im Moment liegt die aktualisierte Testverordnung des Bundesgesundheitsministeriums noch nicht vor. Das bedeutet, die Rahmenbedingungen sind uns noch nicht final bekannt."

Wir klingeln in der Gemeinschaftspraxis von Ilona Metzner und Dr. Ute Müller im Schlichte-Carree an. Dort weiß man von den Plänen aus dem Bundesgesundheitsministerium natürlich. Wie sie von kommenden Montag an vor Ort umgesetzt werden sollen, ist aber auch hier völlig unklar. „Wir besitzen weder ausreichend Material noch die personellen Kapazitäten, um die kostenlosen Schnelltests durchzuführen", teilt Dr. Ute Müller mit. „Und kostenlos stimmt auch nicht wirklich. Denn in der Summe müssen die Versicherten die Tests über ihre Beiträge am Ende doch wieder bezahlen", führt die Allgemeinmedizinerin weiter aus.

Für die Hausärzte sei das Testen zudem unwirtschaftlich: „Wir sollen maximal neun Euro pro Testkit erstattet bekommen, unabhängig davon, was sie wirklich gekostet haben. Die Tests, die wir bei uns verwenden, kosten 13 Euro pro Stück. Schließlich wollen wir nicht mit dubiosen Produkten aus Fernost arbeiten", so Dr. Müller. Hinzu kommen zehn Euro Erstattung für die Durchführung. „Wir müssten eine Person dafür freistellen. Die Rechnung geht nicht auf."

Apotheker winkt ab: "Das können wir nicht leisten"

Auch Apotheker Lutz Heitland von der Mühlenapotheke winkt ab: „Das können wir personell gar nicht leisten", teilt er gestern auf HK-Nachfrage mit. Eine Woche, bevor die Teststrategie in der Coronakrise Fahrt aufnehmen soll, ist zumindest in Steinhagen völlig unklar, wer das Gratisangebot umsetzen soll.

Am Montagabend wurde dann völlig überraschend bekannt, dass die Bundesregierung die Pläne für kostenlose Schnelltests zunächst auf Eis legen will: Es seien noch einige Fragen zu klären.

Bleibt der Selbsttest für Laien, den es von März an frei verkäuflich geben soll. Doch Apotheker Heitland rechnet nicht damit, dass es die bereits am kommenden Montag in den Apotheken noch anderswo geben wird. „Uns werden zwar täglich Selbsttests angeboten, die sind aber noch gar nicht zugelassen. Und wir können erst bestellen, wenn wir wissen, welche wir am Ende auch verkaufen dürfen", erklärt Heitland. Er hofft, dass er nächste Woche erste Bestellungen durchführen kann. Die Nachfrage bei den Kunden sei auf jeden Fall da.

Allerdings zeige sich bei den Tests ähnlich wie schon bei den Masken und beim Impfen, dass Deutschland in der Pandemiebekämpfung versage, so Heitland. Die Testoffensive der Bundesregierung ist seiner Meinung nach ohnehin eine „Nebelkerze, die vom Versagen der Verantwortlichen ablenken soll". „Was uns wirklich fehlt, ist der Impfstoff. Und das ist ein echtes Armutszeugnis", ärgert sich Heitland.

Das zu Runa-Reisen gehörende Unternehmen Boside aus Steinhagen handelt schon seit Monaten mit Antigen-Schnelltests, die bisher nur an medizinisches Fachpersonal verkauft werden dürfen. „Wir wissen vom Hersteller, dass die Tests nicht nur über die Apotheken verkauft werden dürfen und werden darum schnellstmöglich auch einen Test zur Selbstanwendung für den Endverbraucher in unser Angebot aufnehmen", kündigt Geschäftsführer Karl B. Bock an. Das werde jedoch nicht vor übernächster Woche der Fall sein. „Den Test gibt es schon, er ist aber noch nicht freigegeben worden", erklärt Bock. „Der Test benötigt weiterhin einen Nasenabstrich, allerdings reicht es, das Teststäbchen zweieinhalb Zentimeter in die Nase zu schieben.

Dank einer verbesserten Sensitiviät liegt die Testsicherheit bei 98 Prozent", sagt Karl B. Bock. Er hofft, das die Testoffensive auch einen positiven Effekt auf die Öffnungsstrategie im Tourismus haben wird, das eigentliche Kerngeschäft von Karl B. Bock und seinem Team. Doch auch er ist überzeugt: „Am Ende wird uns das Impfen aus der Pandemie herausführen."

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Nächstes Debakel steht vor der Tür

Das flächendeckende niedrigschwellige Testen auf das Coronavirus droht einen ähnlich holprigen Start hinzulegen wie die Impfkampagne. Denn vor Ort in den Kommunen ist völlig unklar, wie die vollmundigen Versprechungen aus Berlin umgesetzt werden sollen. Man reibt sich verwundert die Augen, dass eine Woche, bevor der groß angekündigte Strategiewechsel beim Testen beginnen soll, rein gar nichts organisiert ist. Kreis, Kommune, Ärzte, Apotheker – niemandem sind Details zur Umsetzung bekannt. Offenbar steht das nächste Corona-Debakel vor der Tür. Dass die neue Teststrategie  kurzfristig am Montagabend wieder einkassiert wurde, spricht für sich. Bei den Bürgern dürfte das Chaos für weiteren Frust sorgen. Dabei wären flächendeckende Tests gerade jetzt so wichtig, nachdem die Schulen diese Woche in Teilen den Präsenzunterricht wieder aufgenommen haben. In Österreich ist man längst weiter. Dort machen die Schulkinder bereits zweimal wöchentlich einen Abstrich. Auch die Öffnung der Friseure wird mit Tests abgesichert.
Frank Jasper

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