Steinhagen"Die Corona-Regeln haben zu ganzen Glaubenskriegen geführt"

Maskenverweigerer sorgen bei vielen für Unverständnis und Wut. Ein Konfliktforscher erklärt in einem Interview, warum Menschen sich nicht an die Bestimmungen halten und wie andere darauf reagieren.

Jessica Eberle

Wenn Maskenverweigerer sich nicht an die Regeln halten, stauen sich Agressionen bei denjenigen auf, die die Schutzmaßnahmen ernst nehmen - verrät Sozialpsychologe Andreas Zick. - © Jessica Eberle
Wenn Maskenverweigerer sich nicht an die Regeln halten, stauen sich Agressionen bei denjenigen auf, die die Schutzmaßnahmen ernst nehmen - verrät Sozialpsychologe Andreas Zick. (© Jessica Eberle)

Kürzlich schlug in Bielefeld ein Mann eine andere Person nieder, weil diese keine Maske trug. Wie erklären Sie sich derart aggressive Reaktionen?

Andreas Zick: Der Umgang mit den Corona-Regeln, wozu auch für uns die vollkommen neue Kultur des Mund-Nasen-Schutzes gehört, hat zu Irritationen und Glaubenskriegen geführt, wenn ich das einmal so übertreiben darf. Sie sind zu Merkmalen der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen geworden.

Ein falsches Wort und die Emotion kocht hoch. Ich glaube, viele Menschen, die an den Schutz von anderen denken, fühlen sich unwohl in Supermärkten und an engen Stellen. Wenn dann die andere Person sich vermeintlich falsch verhält, dann erleichtert sich die aufgestaute Aggression.

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Corona bedroht viele Menschen in ihrer Existenz. Ist die zunehmende Gewaltbereitschaft ein Hilfeschrei?

Prof. Andreas Zick werden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert. - © HK
Prof. Andreas Zick werden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert. (© HK)

So einfach stimmt die Frustrations-Aggressions-Hypothese, die viele aus dem Hut zaubern, nicht. Die verzweifelten Menschen und Gruppen fallen ja gerade nicht durch Aggression auf, sondern eher die Leugner der Pandemie, die auf Demos fahren sowie Menschen, die durch Kontrollen genervt sind.Den Hilfeschrei der Menschen, die existenziell bedroht sind, den hören wir nicht. Das ist meines Erachtens das eigentlich größere Problem.

Wieso werden wir überhaupt so emotional, wenn wir über die 15-Kilometer-Regel, Klopapier und Maskenpflicht streiten?

Wir übersehen, dass Fakten das eine sind, die Einstellungen zu den Fakten aber das andere. In den Einstellungen sind Bewertungen und Erwartungen und um diese zu bilden, orientieren wir uns an anderen. Wir bekommen eine wissenschaftlich gut begründete Regel, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen, aber das reicht nicht, wenn sich unsere Umgebung nicht dran hält. Die Alternative wäre besser: Fakten suchen und Quellen prüfen.

"Regeln müssen einfacher kommuniziert werden"

Das tun aber nicht alle und führt deshalb zu Konflikten. Spaltet die Pandemie unsere Gesellschaft?

Neuste Forschungen tendieren zu einem „Ja". Die Geschlechterungerechtigkeit hat zugenommen. Frauen tragen höhere Lasten als Männer. Die Spaltung zwischen Arm und Reich wächst. Hasskampagnen und menschenfeindliche wie rassistische Angriffe reißen nicht ab. Die Vereinsamung von älteren Menschen und Menschen mit einem Bedarf an Unterstützung nimmt zu und erzeugt längerfristige Effekte.

Wie sieht eine angemessene Reaktion auf das Verhalten derer aus, die sich der Maske verweigern?

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Sie müssen sichtbar an Regeln erinnert werden. Es muss allen klargemacht werden, dass es nicht um Befindlichkeiten geht, sondern um den Schutz von anderen. Politik und das Gesundheitswesen müssen deutlicher in eine angemessene und für alle nachvollziehbare Kommunikation von Regeln und Verhaltenserwartungen investieren.

Herr Zick, Maskenverweigerer sind vielen Menschen ein Dorn im Auge. Warum wehren sich jene Menschen so vehement gegen ein Stück Stoff?

Wenn wir Verweigerer antreffen, dann würden wir als Forschende zunächst fragen, welchen anderen Menschen und vor allem Gruppen fühlen sich die Verweigerer zugehörig. Es gibt unterschiedliche Beweggründe, warum Menschen sich verweigern.

"Verweigerer sind empathielos"

Die wären zum Beispiel?

Menschen, die mit anderen Verschwörungsideen teilen, verweigern sich. Das sind die überzeugten Verweigerer. Anders sieht es aus bei Menschen, die sie nicht tragen, weil sie die Gefahr und den Nutzen für andere nicht verstehen und bedenken.Im Blick auf den allgemeinen Schutz sind es die empathielosen und ungebildeten Verweigerer. Gerade wenn Menschen unsicher sind, orientieren sie sich an anderen, die scheinbar eine ähnliche Meinung haben und das erzeugt eine Verstärkung der Verweigerung.

Gibt es nicht auch ein Fünkchen Hoffnung? Kann die Krise eine Chance für mehr Solidarität sein?

Das haben wir zu Beginn der Krise im letzten Jahr in unseren Corona-Studien hier in Ostwestfalen gesehen. Das Ausmaß der Hilfe für andere war enorm. Wir müssen jetzt die Frage ernst nehmen, was nach der Krise passieren soll: Wirtschaftswachstum und sonst nichts, oder ein Wandel der Gesellschaft durch Stärkung von Solidarität. Gesellschaftlich relevante Institutionen müssen zusammenhalten und dafür sorgen.

Info
Andreas Zick wurde am 27. Februar 1962 geboren und ist Sozialpsychologe.
Seit April 2013 leitet er das Institut für interdisziplinäre Konflikt-
und Gewaltforschung an der Universität in Bielefeld. Seit 2008 lehrt er
als Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität
Bielefeld. Zick beschäftigt sich in seiner Forschung mit Themen wie
Diskriminierung, Gewalt, Menschenfeindlichkeit und Vorurteilen.
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