„Ich gehe gern’ zur Schule“: Diese Rektorin wäre gerne länger geblieben

In zwei Wochen endet die Ära Annette Hellmann an der Grundschule Amshausen. Einen angemessenen Abschied wird es vorerst nicht geben. Die Rektorin wäre sogar freiwillig länger geblieben.

Jonas Damme

Ein geschenktes Sorgenfresser-Kuscheltier soll Annette Hellmann helfen, mit dem täglichen Schulleiter-Stress fertig zu werden. Dass scheint sie aber eigentlich ganz gut hinzubekommen. - © Jonas Damme
Ein geschenktes Sorgenfresser-Kuscheltier soll Annette Hellmann helfen, mit dem täglichen Schulleiter-Stress fertig zu werden. Dass scheint sie aber eigentlich ganz gut hinzubekommen. (© Jonas Damme)

Steinhagen-Amshausen. „Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, dass ich den Kindern nicht Tschüss sagen darf", sagt Annette Hellmann über ihren bevorstehenden Abschied. Ende Januar geht die 66-Jährige nach mehr als zwei Jahrzehnten als Amshausener Rektorin in den Ruhestand. Die letzten Tage verlaufen völlig anders, als sie sich das mal ausgemalt hatte. „Ich lasse die Schule jetzt ganz ungern allein", sagt die Pädagogin, die in der Grundschule ihr Lebensprojekt gefunden hat.

Dieser Tage ist sie gefordert wie selten. 50 Schüler*innen sind in der täglichen Betreuung, alle anderen werden im Distanzunterricht – per Computer und mit Arbeitspaketen – beschult.

22 Jahre lang hat die Lehrerin der Amshausener Schule ihren Stempel aufgedrückt. Begabtenförderung, Jahrgangsmischung, nachhaltiges Lernen, Musikklassen: Etliche innovative Projekte, die dafür sorgen, dass Kolleg*innen anderer Schulen hier hospitieren und dass sich heute Eltern auch aus vielen anderen Kommunen um Plätze für ihre Kinder bemühen, gehen auf Annette Hellmanns Konto.

„Ich wollte ja gar nicht Schulleiterin werden"

Die schulischen Schwerpunkte sollen natürlich bleiben, deswegen hatte die 66-Jährige schon vor Jahren begonnen, die Aufgaben an jüngere Kolleg*innen weiter zu geben. „Aber ich bleibe natürlich im Backoffice!" Denn, trennen kann sich die Leiterin nicht so einfach von ihrer Schule. So hatte sie sogar angeboten, zu verlängern. Das sei leider nicht möglich gewesen. Eine Abschiedsfeier darf es nicht geben, vielleicht kann man sie im Sommer nachholen, hofft Annette Hellmann.

Eine Nachfolgerin werde ihre Stelle aber wohl frühestens im Frühling antreten. So lange liegt es an Konrektorin Gabriele Hartleif, die fast 200 Schüler sicher durch die kommenden Pandemie-Monate zu bringen.

Mit einem Schneckenhaus wollte ihr die Lehrerratssprecherin zum Start klar machen, dass sie etwas langsamer machen sollt. Hat nicht geklappt! - © joda
Mit einem Schneckenhaus wollte ihr die Lehrerratssprecherin zum Start klar machen, dass sie etwas langsamer machen sollt. Hat nicht geklappt! (© joda)

Als sie 1977 in den Schuldienst eintrat, hätte Annette Hellmann nicht im Traum daran gedacht, sich mal so schwer von ihrem Rektoren-Schreibtisch trennen zu können. „Ich wollte ja gar nicht Schulleiterin werden", erinnert sie sich. „Ich hatte ja kleine Kinder." 1979 trat sie ihre erste Stelle in der Gemeinde an, an der Grundschule Steinhagen – oder der Grundschule Dorf – wie sie damals noch selbstverständlich hieß. Nach 16 Jahren sollte sie dort erstmals eine kommissarische Leitung übernehmen.

Ein Jahr später wechselte sie an die neugebaute Grundschule Laukshof, wurde auch dort 1997 Konrektorin. „1998 hat mich dann die damalige Schulrätin nach Amshausen abgeordnet", erzählt Annette Hellmann. „Da hab ich erstmal geantwortet: Das will ich nicht!" Sie nahm dann aber doch an und bewarb sich schließlich sogar auf die frei gewordenen Leitungsstelle.

22 Jahre später wirkt es nun, als sei es nie anders gewesen. „Ich gehe gern zur Schule", sagt Hellmann lächelnd. Das heißt, eigentlich radelt sie ja von ihrem Haus nahe dem Ortskern. „Das macht robust und hält fit." Und auf dem Nachhauseweg kann es schon mal dunkel werden.

Die Überstunden zählt die leidenschaftliche Pädagogin schon lange nicht mehr. „Darauf darf man in dem Job nicht gucken", findet sie. Einmal habe sie für eine Umfrage mitgeschrieben, da sei sie auf weit mehr als 300 Überstunden im Jahr gekommen. Seitdem verzichte sie lieber darauf, das nachzuhalten.

Wer Annette Hellmann kennt, weiß, dass sie für ihre Leidenschaft und ihre Schule kämpft, wenn es nötig ist. Das hat sie nicht überall beliebt gemacht. „Ich kann nicht einfach den Mund halten, wenn ich von etwas überzeugt bin!", gibt sie zu.

„Ich habe schon etwas Angst vor Leerlauf"

Ihr Patentrezept gegen Stress und Burnout? „Kinder halten jung! Man kriegt so viel zurück, das gibt es sonst nirgends." Immer habe sie versucht, auch eine eigene Klasse zu unterrichten. Erst in den letzten Jahren sei das unmöglich geworden. „Seit ich hier angefangen habe, haben sich die Aufgaben der Schulleitung gefühlt verfünffacht", sagt die 66-Jährige. „Ganz viele Arbeiten sind erst durch den Computer erstanden. Wir erheben ja viele Dinge nur, weil man sie zählen kann."

Arbeit gab es also mehr als genug. Und nun? Wie geht es nach dem 31. Januar weiter? „Ich habe schon etwas Angst vor Leerlauf", sagt Annette Hellmann. Deswegen habe sie sich auch genügend neue Aufgaben gesucht. Demnächst trete sie einen Lehrauftrag an der Uni Münster an, außerdem arbeitet sie für die Landesregierung weiter an der Vernetzung von Schulen zur individuellen und Begabtenförderung. Darüber hinaus habe sie schon mit der AGS und der Bibliothek gesprochen, wo sie sich einbringen wolle.

Trotzdem werde es ihr fehlen, morgens auf dem Schulhof zu stehen: „Ich liebe das einfach, morgens hier hin zu kommen und irgendeiner kräht: Hallo Frau Hellmann! Und dann müssen alle erstmal erzählen."

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