Enttäuschte Kunden: Corona bremst Taxigewerbe aus

Kunden, die nach 20 Uhr auf ein Taxi hoffen, werden vielerorts enttäuscht. Das erlebte jetzt Jörg Potthoff, als er abends vorm Haller Klinikum steht. Doch wer den schwarzen Peter den Transportunternehmen zuschiebt, macht es sich zu einfach.

Marc Uthmann, Frank Jasper

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Steinhagen/Halle. Jörg Potthoff hat – vorsichtig formuliert – einen bescheidenen Abend hinter sich. Den Amshausenser plagten schlimme Nackenschmerzen. „Ich habe mir offenbar eine Muskelverhärtung zugezogen, hatte immer wieder krampfartige Schmerzen." Die Arztpraxen waren schon dicht, blieb also nur noch die Behandlung im Krankenhaus. Da Autofahren in seinem Zustand nicht drin war, rief der 51-Jährige einen Rettungswagen. Der Beginn einer Odyssee, die für ihn mit vielen Fragen endete.

„Der Rettungswagen hat mich abgeholt, ins Haller Krankenhaus gebracht, dort wurde ich untersucht und mit vier Tabletten im Gepäck wieder entlassen", berichtet Potthoff. „Ich habe die Dame am Empfang gegen 21 Uhr dann gebeten, mir ein Taxi zu rufen", erzählt er weiter. Doch nun begann seine Tour, knifflig zu werden. „Sie hat fünf Unternehmen kontaktiert – entweder ging keiner ran, oder es wurde ihr mitgeteilt, man habe schon Feierabend."

Jörg Potthoff konnte es nicht fassen und war nun mit seinen Tabletten, den nur allmählich nachlassenden Schmerzen und dem Regen auf sich allein gestellt. „Ich bin dann zum Bahnhof gegangen und habe gesehen, dass der nächste Zug erst nach 23 Uhr fährt", berichtet der Amshausener. Schließlich klingelte er „eine Freundin vom Sofa", die ihn aus Halle abholte und nach Hause fuhr.

Dirk Könemann, Inhaber des Steinhagener Taxiunternehmens Taxi Weber, erklärt, warum Jörg Potthoff zu später Stunde kein Taxi mehr bekommen hat: „Normalerweise gilt für Taxiunternehmen eine Betriebspflicht rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Von dieser Betriebspflicht hat uns der Kreis Gütersloh aber bereits im März in Folge des ersten Lockdowns entbunden."

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: In der Corona-Krise sind Taxifahrten weniger nachgefragt, die Branche steht unter einem enormen Druck. Das Aussetzen der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit soll die Taxiunternehmen entlasten.

„Natürlich bekommen wir zu spüren, dass die Clubs und Restaurants geschlossen sind. Da fährt niemand mehr abends nach Bielefeld, um essen oder feiern zu gehen", berichtet Dirk Könemann. Auch in anderen Bereichen leide das Gewerbe: Fahrten für Geschäftsleute, die ins Hotel oder zum Flughafen wollen, gebe es ebenfalls kaum noch. Aktuell verzeichnet sein Taxiunternehmen rund 50 Prozent weniger Fahrten als im Vorjahreszeitraum.

"Da mussten wir die Reißleine ziehen"

Die Beförderungspflicht für Taxiunternehmen gilt deshalb momentan nur bis 20 Uhr. „Wir sind bis November freiwillig noch bis 0 Uhr gefahren. Aber es hat sich einfach nicht mehr gerechnet. Da mussten wir die Reißleine ziehen", erläutert Dirk Könemann. Zumal es für kleinere Taxiunternehmen ungleich schwieriger ist, eine 24-Stunden-Bereitschaft aufrechtzuerhalten. Zu Könemanns Flotte gehören sechs Taxen und ein Großraumwagen.

Der Steinhagener Taxiunternehmer hofft, dass sich die Situation im Februar entspannt und nach und nach wieder die Restaurants und Hotels öffnen und auch wieder mehr Geschäftsleute unterwegs sind. Krankentransporte hielten das Gewerbe zurzeit am Laufen. Nur eben nicht am späten Abend.

Zurück zu Jörg Potthoff. Der kritisiert, dass inmitten der Corona-Pandemie eine Grundversorgung der Mobilität wegbricht. „Wenn ich keinen Holzkarren habe und ein Pferd davor spannen kann, bin ich ja aufgeschmissen", sagt Potthoff und lacht. Um dann ernster anzufügen: „Was ist mit Menschen, die eine Gehbehinderung oder ein Augenleiden haben? Die könnten in einer solchen Situation abends ja nicht auf sich selbst gestellt bleiben." Und für Ältere sei es in Notfällen – wie er es erlebt hat – eben auch nicht so leicht, mal eben jemanden anzurufen, der sie abholen kann. Jörg Potthoff verspürt wieder ein leichtes Ziehen im Nacken – und eine Menge Ärger. „Taxifahren auf dem Land ist nach 20 Uhr quasi nicht mehr möglich."

Eine Anfrage an den Kreis Gütersloh, wie die derzeitige Lücke im ÖPNV geschlossen werden könnte, blieb bis gestern Abend unbeantwortet.

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