Steinhagen84-jähriger Abenteurer fliegt im Ballon zu Bunkern und Betonbauten

Helmut Meyer startete zu einer historischen Spurensuche in Pommern und Masuren. Der 84-Jährige durchschritt dabei auch eine Tür, durch die einst Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg ging.

Edwin Rekate

Flugkarte, Flugbuch und Flyer - Helmut Meyers Route auf seiner Flugreise durch Polen ist minutiös dokumentiert. - © Edwin Rekate
Flugkarte, Flugbuch und Flyer - Helmut Meyers Route auf seiner Flugreise durch Polen ist minutiös dokumentiert. (© Edwin Rekate)

Steinhagen. Würde man ein Märchen erzählen wollen, so lautete eine mögliche Überschrift: „Meyer flog zum Mauerwald" – oder auf Polnisch: „Meyer polecia? do Mamerek". Doch diese neuzeitliche Episode hat einen ganz besonderen historischen Tiefgang, denn „Mauerwald" war der Codename der Nazis für ein gigantisches Bunkersystem, das 1940 unweit des Mauersees in Masuren errichtet wurde und in denen die Gefechtsstände der Stäbe untergebracht waren.

»Mamerki Bunkry Muzeum« heißt das polnische Museum, das heute 30 unzerstörte Stahlbetonunterstände den Besuchern präsentiert. Da es den Deutschen beim Rückzug nicht gelang, die Quartiere zu sprengen, wurde die Anlage im Januar 1945 kampflos aufgelöst. Die Bunker, in denen im Zweiten Weltkrieg das Oberkommando des Heeres (OKH) untergebracht war, unterteilten sich in die Bezirke »Fritz« (operative Dienststellen des Generalstabs), »Quelle« (Generalquartiermeister mit Verwaltungs- und Logistikdienststellen) und »Anna« (Fernmelde- und Kommunikationszentrale). Dort arbeiteten 40 Generäle und rund 1.500 Offiziere, sowie zahlreiche Soldaten.

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Meyer besichtigte den nicht fertig gestellten Masurischen Kanal und war besonders beindruckt von der Oberschleuse Fürstenau, die für eine Fallhöhe von 17 Meter konstruiert wurde. - © Edwin Rekate
Meyer besichtigte den nicht fertig gestellten Masurischen Kanal und war besonders beindruckt von der Oberschleuse Fürstenau, die für eine Fallhöhe von 17 Meter konstruiert wurde. (© Edwin Rekate)

„Mamerki war nahezu unsichtbar in die umliegenden Wälder integriert und zusätzlich mit riesigen Tarnnetzen abgesichert", beschreibt Sportpilot Helmut Meyer das Areal. „Die Funk- und Telefonstation »Anna«, von der man die ganze Welt erreichen konnte, war regelrecht in die Erde einbetoniert. Dort befand sich auch ein gewaltiges Arsenal an Equipment. Die Anlage ist viel gewaltiger und bei weitem intakter als die der Wolfsschanze", bezeugt der Pilot, der auf seinem Flug durch Polen zuerst Szczecin (Stettin), danach die Woiwodschaft Warminsko-Mazurskie (Ermland-Masuren) anflog.

Meyer machte Station auf dem historisch bedeutsamen Flugplatz Ketrzyn-Wilamowo (Rastenburg). Er durchschritt dort die Originaltür, die Claus Schenk Graf von Stauffenberg bei dem Attentat am 20. Juli 1944 sowohl beim Hin- als auch beim Rückflug benutzte. Auf dem Graslandeplatz bei Giycko (Lötzen) parkte er dann seine Breezer 600 LSA und quartierte sich ins Hotel St. Bruno ein, das sich in einer restaurierten Burg aus dem Jahr 1285 befindet. Von dort erreicht man zu Fuß die preußische Ringfestung Boyen, die zwischen 1847 und 1855 errichtet wurde.

In der Funk- und Telefonstation »Anna«, von der man die ganze Welt erreichen konnte, befand sich auch ein gewaltiges Arsenal an Equipment. - © Edwin Rekate
In der Funk- und Telefonstation »Anna«, von der man die ganze Welt erreichen konnte, befand sich auch ein gewaltiges Arsenal an Equipment. (© Edwin Rekate)

Zurück bis in die Zeit des Kaiserreichs führte Helmut Meyer eine weitere Spur. Auf einem Ausflug ins Umland besichtigte er den Masurischen Kanal (Kana? Mazurski). Der Kanal ist eine 50,4 Kilometer lange, nicht fertiggestellte künstliche Wasserstraße, die in Ostpreußen eine schiffbare Verbindung zwischen der Masurischen Seenplatte und der Ostsee bei Königsberg, heute Kaliningrad, herstellen sollte.

„Auf dem Flughafen war tote Hose wegen Corona"

Die umfangreichen Bauarbeiten fanden mit mehreren Unterbrechungen zwischen 1911 und 1942 statt, blieben aufgrund des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen jedoch unvollendet. Bei Baustopp waren die Erdarbeiten fast abgeschlossen. Die Schleusen, die einen Höhenunterschied von 111,4 Metern überwinden, wurden durchschnittlich zu 70 Prozent fertiggestellt. Besonders beeindruckt war Meyer von der Oberschleuse Fürstenau, die für eine Fallhöhe von 17 Meter konstruiert wurde.

Meyer Maschine ist eine Breezer 600 LSA (Light Sport Aircraft). - © Edwin Rekate
Meyer Maschine ist eine Breezer 600 LSA (Light Sport Aircraft). (© Edwin Rekate)

Flugbenzin auftanken musste der Steinhagener Flieger dann in Gdansk (Danzig). „Der Flugplatz dort ist riesig, aber es war tote Hose wegen Corona. Ich habe mir dann die Westerplatte in der Danziger Bucht angesehen, die am Tag des deutschen Überfalls am 1. September 1939 um 4.47 Uhr vom Linienschiff SMS Schleswig-Holstein unter schweren Beschuss genommen wurde", berichtet der Globetrotter, der zurück in Steinhagen eine Menge neuer Informationen über die Geschichte des Weltkriegs und der vergangenen Jahrhunderte zu verarbeiten hat.

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