Autofahrer werfen Demo-Teilnehmern Verkehrsgefährdung vor

Nach der „Demo für sichere Radwege“ hagelt es Kritik von vielen Autofahrern, die unvorbereitet in die Aktion geraten waren. Die Radfahrer wiederum beklagen Bedrohungen und Pöbeleien.

Frank Jasper

Am späten Donnerstagnachmittag fand die Demo auf der Woedener und der Bielefelder Straße statt. - © Frank Jasper
Am späten Donnerstagnachmittag fand die Demo auf der Woedener und der Bielefelder Straße statt. (© Frank Jasper)

Steinhagen. Einen Tag nach der Fahrraddemo auf der Woerdener und Bielefelder Straße diskutiert halb Steinhagen über die Aktion. Wie Freitag berichtet, hatten mehr als 70 Radfahrer zeigen wollen, wie unsicher die geplanten Fahrradschutzstreifen sein können, weil sich dann Radfahrer und Autofahrer die Fahrbahn teilen müssen.

Am Freitag hagelte es Kritik von Verkehrsteilnehmern, die unvorbereitet in die Demonstration hereingeraten waren. „Die Radfahrer haben gestern mit gutem Beispiel gezeigt, wie rücksichtslos auch Radfahrer unterwegs sind: Wenden mitten auf der Straße, Fahren in Zweier-Reihe, Spurwechsel ohne Handzeichen, mit Kinderanhänger mitten auf der Straße, mutwilliges Stocken des Verkehrs und so weiter", schildert ein Nutzer unter dem im Internet veröffentlichen HK-Bericht seine Beobachtungen.

Kommentar

Vorfahrt für gegenseitiges Verständnis

Experiment geglückt, doch glücklich sind deshalb längst nicht alle Beteiligten. Mal wieder steht die Frage im Raum: Heiligt der Zweck die Mittel? Denn viele Verkehrsteilnehmer sind auf ihrem Weg durch Steinhagen ungewollt Teil dieses Anschauungsunterrichts geworden. Und nur weil sich Autofahrer hinter Metall geschützt in der vermeintlich sichereren Position befinden, haben auch sie ein Sicherheitsbedürfnis, das an diesem Nachmittag stark strapaziert worden ist. Bedauerlich, dass die Demonstration den ewigen Kleinkrieg zwischen Rad- und Autofahrern neu befeuert hat: Hier die rasenden PS-Rowdys, da die mit ökologisch-moralischer Überlegenheit ausgestatteten Radler. Gegenseitiges Verständnis sollte nicht nur auf der Straße, sondern auch im weiteren Verlauf der Diskussion um die Bielefelder Straße Vorfahrt haben. Merke: Die Sicht der Dinge wechselt in der Regel mit dem Verkehrsmittel, mit dem man gerade unterwegs ist.

Frank Jasper

Ein anderer Autofahrer berichtet: „Es war vielleicht eine gute Idee, mal zu zeigen, wie es aussieht, (wenn sich Autofahrer und Radfahrer die Fahrbahn teilen, Anm. d. Red.) aber es wurde falsch umgesetzt. Highlight war die Dame an Meschers Hof, die bei laufendem Verkehr mit ausgebreiteten Armen auf die Straße sprang, um den 1,50-Meter-Abstand zu zeigen. Ich hatte meine Kinder im Auto. Die fragten mich: Darf man das ...?"

"Da fehlt mir eindeutig die Rücksicht der Radfahrer"

Offenbar war es zu einigen brenzligen Situationen gekommen: „Wenn ich mit meinem beladenen Pferdeanhänger bremsen muss, weil einer der Demonstranten meint, vor meinem Auto plötzlich auf die Straße auszuscheren, fehlt mir da ganz eindeutig die Rücksicht der Radfahrer", beklagt eine Autofahrerin.

Andere Nutzer schlagen sich auf die Seite der Demonstranten: „Fuhr gestern ahnungslos durch Steinhagen und fragte mich, ob die sich umbringen wollen. Wenn Straßen.NRW das ernst meint, haben die meiner Ansicht nach nicht mehr alle Latten am Zaun."

Ausgerüstet mit Warnwesten, Hinweisschildern und der inzwischen obligatorischen Mund-Nasen-Bedeckung hatten sich die Teilnehmer zunächst am Rathaus eingefunden. Die roten Isolierrohre auf den Gepäckträgern stellten den Mindestabstand dar, den laut Straßenverkehrsordnung Autofahrer zu Radfahrern einhalten müssen. - © Frank Jasper
Ausgerüstet mit Warnwesten, Hinweisschildern und der inzwischen obligatorischen Mund-Nasen-Bedeckung hatten sich die Teilnehmer zunächst am Rathaus eingefunden. Die roten Isolierrohre auf den Gepäckträgern stellten den Mindestabstand dar, den laut Straßenverkehrsordnung Autofahrer zu Radfahrern einhalten müssen. (© Frank Jasper)

Bereits vor Ort hatten viele Autofahrer ihrem Unmut über die Aktion Luft gemacht. „Teilnehmer sind von Autofahrern angepöbelt und beleidigt worden", bestätigte gestern Demo-Initiator Horst Remer. „Ein Teilnehmer wurde, so wie mir berichtet wurde, sogar von einem Osnabrücker Autofahrer bedroht", berichtet der Steinhagener. „Es ging uns darum, die Situation zu veranschaulichen, die uns droht, wenn die Pläne von Straßen.NRW umgesetzt werden. Radfahrer sind das schwächste Glied im Verkehr und müssen immer zur Seite springen", ärgert sich Remer. Die Autofahrer bittet er um Verständnis für das Anliegen der Demonstrationsteilnehmer. Es gebe immer irgendwo Staus im Straßenverkehr. Da rege sich niemand drüber auf. Im Prinzip sei die Demo auch für die Autofahrer und Lkws gedacht: „Wenn wir Radler auf das Hochbord kommen, werden wir nicht umgefahren und die armen Autofahrer auf der zu schmalen Straße nicht belästigt."

Polizei nimmt mehrere Beschwerden auf

Die Demo-Teilnehmer ruft Horst Remer auf, ihm ihre Erlebnisse mitzuteilen. „Ich möchte die Erfahrungen sammeln und dann den Leuten von Straßen.NRW auf den Tisch legen", plant Remer. Die Radfahrer sollen ihm mailen an: horst.remer@t-online.de.

Laut Polizei hat es zwei „beschwerdeführende Demonstrationsteilnehmer und einen externen Beschwerdeführer" gegeben. Ob daraus Strafanzeigen folgen, ließ sich am Freitag nicht klären.

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