Dieser Mann saß im DDR-Knast, weil ein Pfarrer ihn an die Stasi verriet

Pfarrer Matthias Storck berichtete in Brockhagen über seine Lebens- und Leidensgeschichte in der DDR. In der spielt auch Liedermacher Wolf Biermann eine entscheidende Rolle.

Birgit Nolte

Pfarrer Matthias Storck berichtete in der St. Georgskirche über seine aufwühlende Lebensgeschichte. - © Birgit Nolte
Pfarrer Matthias Storck berichtete in der St. Georgskirche über seine aufwühlende Lebensgeschichte. (© Birgit Nolte)

Steinhagen-Brockhagen.Verraten und verkauft – das fasst Pfarrer Matthias Storcks Lebensjahre in der DDR treffend zusammen. Storck eckte im System an, saß 14 Monate im Gefängnis, bis ihn die Bundesrepublik 1980 freikaufte. Erst nach der Wende erfuhr er dass ihn gleich drei Pfarrer bei der Stasi angeschwärzt hatten. Darunter sein eigener Vater. Beim Abendkreis der evangelischen Kirchengemeinde Brockhagen erzählte er seine spannende Lebensgeschichte.

„Die Kinder aller anderen Eltern arbeiteten in einer LPG – mein Vater ging im Talar über die Straße. Das war nichts, mit dem man sich schmücken konnte", berichtete Pfarrer Matthias Storck, der 1958 in Roßlar zur Welt kam. Mit 14 Jahren waren für ihn denn auch drei Dinge klar: Niemals Pfarrer zu werden und niemals freiwillig Johann Sebastian Bach zu hören, dem die Eltern immer sonntags am Frühstückstisch andächtig im Radio lauschten. Stattdessen am 65. Geburtstag in die Berliner S-Bahn einzusteigen, am Bahnhof Friedrichstraße im Westen auszusteigen und niemals zurückzukommen.

Es sollte alles anders kommen. Zwar ist dem Pfarrerskind die Zulassung zum Abitur verwehrt und Storck erlernt zunächst den Beruf des Buchhändlers. Doch mit einer Sonderreifeprüfung wird er an der Uni Greifswald zum Theologiestudium zugelassen.

Storck landet im Zuchthaus in Cottbus

Während des Studiums lernt er einen Pfarrer kennen. Bei dem Geistlichen treffen sich alle, die mit dem System unzufrieden sind. Storck ist zu der Zeit schon politisch auffällig geworden, weil er sich beim Ministerium für Volksbildung gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts ausgesprochen hat. In dem Pfarrer wähnt er einen Freund, aber Storck soll sich bitter täuschen. Der Geistliche ist ein Stasi-Spitzel.

Am 2. Oktober 1979 wartet ein Wartburg vor seiner Haustür, Storck wird zum Verhör nach Berlin gebracht und wegen versuchter Republikflucht verurteilt und wie auch seine Frau zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt.

Storck sitzt im Zuchthaus Cottbus ein. Was er nicht ahnt: Auch der Gefängnispfarrer ist ein sogenannter Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi. Das findet Matthias Storck alles erst nach der Wende heraus. Genauso wie die Tatsache, dass selbst sein Vater als IM im Einsatz war.

Inzwischen Mitarbeiter im Kirchenkreis Halle

1980 kauft ihn die Bundesrepublik frei. Kurz zuvor ist der Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert worden. Zu ihm nimmt Storck im Westen Kontakt auf. „Mir hat man in der DDR sowieso immer meine Biermanniaden vorgeworfen", berichtet der Geistliche mit einem Lächeln. Der Pfarrer und der Musiker werden Freunde. Biermann kommt zu seiner Amtseinführung als Herforder Pfarrer im Jahr 2008, schreibt das Vorwort zu Storcks Lebenserinnerungen „Karierte Wolken". Zuvor war Storck, der an der Uni Münster sein Studium beendete, von 1988 an Pfarrer in Kirchlengern.

2019 kommt der Zusammenbruch. Pfarrer Matthias Storck erkrankt an Depressionen. „Ich musste aufhören, sonst wäre ich bei einer Beerdigung irgendwann in Tränen ausgebrochen und das wollte ich niemandem zumuten", berichtet der Geistliche, der sich langsam in seinen Beruf zurückkämpft.

Denn heute ist Matthias Storck als Pfarrer mit einem Beschäftigungsauftrag im Kirchenkreis Halle aktiv und befindet sich gerade in der Wiedereingliederungsphase. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte der Weltgebetstag in Brockhagen mit Erika Puhlmann. Dann kam Corona. Am Dienstagabend begrüßte die Abendkreis-Leiterin Matthias Storck zum Wiederauftakt der Treffen in der St. Georgskirche.

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