Wildbret statt Tönnies-Schwein? Steinhagener Jäger sieht viele Vorteile.

Während die Fleischindustrie in der Kritik steht, ist der Wildbretmarkt am Boden. Dabei gibt es gute Gründe für diese Art des Fleischkonsums, findet der stellvertretende Hegeringleiter.

Jonas Damme

Wegen der jungen Wälder sind Jäger gehalten, Wildbestände zu dezimieren. Das Wildbret zu verkaufen, gestaltet sich aber oft schwierig.  - © CC0 Pixabay
Wegen der jungen Wälder sind Jäger gehalten, Wildbestände zu dezimieren. Das Wildbret zu verkaufen, gestaltet sich aber oft schwierig.  (© CC0 Pixabay)

Steinhagen. Das Fleischessen hat derzeit im Kreis Gütersloh keinen guten Ruf. Der Corona-Ausbruch im Riesenschlachthof Tönnies in Rheda hat die Produktionsabläufe hinter dem billigen Fleisch einmal mehr in den Fokus gerückt. Viele, die sich dieser Tage vornehmen, künftig lieber etwas mehr für das Schnitzel auszugeben, vielleicht mal Bio auszuprobieren oder ein regionales Produkt.

Steinhagens stellvertretender Hegeringleiter Harald Brune hat da noch einen dritten Vorschlag: Wild. Das ist aus mindestens drei Gründen sinnvoll, findet der passionierte Jäger.

Eigentlich müsste Wildbret deutlich teurer sein

Erstens: Wildfleisch habe allerbeste Qualität und sei besonders gesund. „Eigentlich ist Wildbret ein sehr hochwertiges Lebensmittel", sagt Harald Brune. „Wenn es danach ginge, müsste es deutlich teurer sein." Allgemein anerkannt ist auf jeden Fall, dass Wildfleisch deutlich magerer ist als das aus Tierzuchtbetrieben. Auch die Ernährung der Wildtiere – egal ob Wildschwein, Reh oder Hase – ist eine Natürliche.

Rebhühner werden nicht mehr gejagt, weiß Jäger Harald Brune. Die stattlichen Vögel sind selten geworden.  - © Jonas Damme
Rebhühner werden nicht mehr gejagt, weiß Jäger Harald Brune. Die stattlichen Vögel sind selten geworden.  (© Jonas Damme)

Ein sehr positiver Nebeneffekt ist, dass für einen Rehbraten keine Werksvertrags-Schlachter arbeiten müssen. Der Jäger erlegt das Tier und bringt es schnellstmöglich in seine Kühlung, ein regionaler Schlachter zerlegt es. Verkauft werden die Produkte des Steinhagener Hegeringes fast ausschließlich im Direktverkauf der Mitglieder.

Bis es Peng macht, hat das Tier ein paradiesisches Leben

Als dritten Grund für „wilden" Fleischkonsum nennt der Jäger die Tatsache, dass Wild nicht extra gezüchtet wird. „Bis es Peng macht, hat das Tier ein paradiesisches Leben", so der stellvertretende Hegeringleiter. Statt des Wartens im Stall führten die Tiere ein gutes Leben. Wenn sie dann getötet werden, sei das nicht in erster Linie, um den enormen Fleischkonsum der Deutschen zu stillen, sondern um das Gleichgewicht der Natur zu erhalten. Das sei sowohl ökologisch als auch moralisch besser zu rechtfertigen.

Denn – so Harald Brune – es sei in unserer Region derzeit absolut unabdingbar, Rot- und Schwarzwild zu bejagen. Bei beiden herrsche eine Überpopulation, die zulasten der Natur ginge. So behinderten Rehe zum Beispiel das Nachwachsen des Waldes, dass im Teutoburger Wald nach dem aktuellen Fichtensterben dringend notwendig ist.

Vor allem die Wildschweinpopulation schieße aber seit Jahren in die Höhe. „Die Schwarzwildbestände haben sich in zehn Jahren mehr als verzehnfacht", sagt der Jäger. Wegen der warmen Winter stürben weniger Frischlinge, in der Landwirtschaft fänden die Schweine ein großes Nahrungsangebot. „Wildschweine haben eine Reproduktionsrate von 300 bis 400 Prozent im Jahr." Noch sei Schwarzwild im Altkreis nicht problematisch, an der Grenze zu Niedersachsen habe sich das aber schon geändert.

Rebhühner werden fast gar nicht mehr gejagt

Gegen das Klischee vom schießwütigen Tierquäler wehrt sich Harald Brune vehement. Seine Kollegen und er seien ausgebildet und wüssten was sie tun. Der Jagdverband überdenke sehr bewusst, was wann und wie viel gejagt würde. Da habe man gegenüber der Forstwirtschaft, die zum Schutz ihrer jungen Wälder oft noch höhere Abschussquoten forderte, durchaus eine kritische Position.

Auch würden vor allem schädliche Überpopulationen bejagt. Auf manches Niederwild würde gar nicht mehr geschossen. „Früher konnte man Rebhühner guten Gewissens jagen, heute setzen wir sie eher aus", so Brune. „Wenn ich bedenke, was wir früher für eine Biodiversätat hatten, bekomme ich Tränen in den Augen." Der Rückgang von Rebhühnern oder Fasanen gehe aber nicht auf die übertriebene Bejagung zurück, sondern auf den fehlenden Lebensraum und den Nahrungsmangel. So ernährten sich Rebhuhnküken ausschließlich von Insekten. Deren Bestand habe aber mittlerweile um mehr als 70 Prozent abgenommen.

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