Gute Seite der Pandemie: Corona-Krise stoppt Drogenfluss in der JVA

Bereits 30 bis 40 Gefangene aus dem geschlossenen Vollzug wurden entlassen. Wegen des Besuchsverbots kommt in den Zellen Unruhe auf - und der Drogenschmuggel kommt zum Erliegen.

Jens Reichenbach

Zwei Covid-19-Patienten, Kontakt- und Besuchsverbot und immer weniger Drogen. In der Justizvollzugsanstalt Brackwede lösen die Corona-Erlässe viel Frust aus. - © Andreas Zobe
Zwei Covid-19-Patienten, Kontakt- und Besuchsverbot und immer weniger Drogen. In der Justizvollzugsanstalt Brackwede lösen die Corona-Erlässe viel Frust aus. (© Andreas Zobe)

Bielefeld. Wie soll man in einem überbelegten Gefängnis ein Abstandsgebot einhalten? Vor dieser schwierigen Aufgabe stand Mitte März auch die Leitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede. Gefängnischef Uwe Nelle-Cornelsen zieht zwei Monate nach dem ersten Corona-Erlass ein erstaunlich zufriedenes Fazit – zumal mit dem Corona-Shutdown in der JVA auch ein spürbarer Rückgang der Drogen einhergegangen ist.

Corona-Entlassungen

Zudem durften 30 bis 40 Inhaftierte wegen der Corona-Bestimmungen die Haftanstalt in Ummeln verlassen. Die JVA benötigte Platz für eine freizuhaltende Corona-Isolierabteilung. Bei den Entlassenen handelte es sich um Gefangene, die eine maximale Freiheitsstrafe von 18 Monaten zu verbüßen hatten, sich gut geführt haben und die ohnehin bis zum Sommer entlassen worden wären. „Ihre Haft wurde unterbrochen", betont Nelle-Cornelsen. Sexualstraftäter waren von der Corona-Regel ausgenommen.

Rekord-Unterbelegung

Weil aber aktuell auch niemand mehr eine Haft mit einer Ersatzfreiheitsstrafe (Geldstrafe nicht gezahlt) oder mit einer Erzwingungshaft antreten soll, liegt die JVA Brackwede derzeit 60 Plätze unter Vollbelegung: „Das habe ich noch nie erlebt", schwärmt der Leiter.

Sozialexperiment Freigang

In Sachen Kontaktverbot musste die JVA aber auch sonst kreativ werden, so der Anstaltsleiter. „In einer Freistunde kommen 50 bis 80 Gefangene gleichzeitig nach draußen." Damit sich die Gefangenen nicht unerlaubt zu nahe kommen, wurden Linien auf den Boden aufgemalt: „Die Gefangenen bewegen sich ohnehin meist im Kreis, aber normalerweise sehr viel chaotischer. Das Sozialexperiment mit den Linien hat erstaunlich gut geklappt."

Die Inhaftierten zeigten angesichts der Corona-Bedrohung viel Kooperationsbereitschaft, lobt Nelle-Cornelsen. Damit sich die Gefangenen nicht schon auf dem Weg nach draußen drängeln, werde auch nicht mehr die ganze Abteilung gleichzeitig geöffnet, sondern Tür für Tür. „Das dauert natürlich deutlich länger."

Zwei Covid-19-Fälle bisher

Aber die bisherige Infektionsstatistik in der geschlossenen Welt der JVA gibt den Verantwortlichen Recht: „Wir hatten noch keinen einzigen positiv getesteten Gefangenen und lediglich zwei positive Mitarbeiter." Ein paar Verdachtsfälle lagen auf der Quarantäne-Ebene. Aber das war’s. Bisher wurden in NRW-Gefängnissen fünf Covid-19-Patienten gezählt. Nelle-Cornelsen betont: „Unser größtes Risiko sind in diesem geschlossenen System nicht die Gefangenen, sondern die Mitarbeiter und Besucher."

30 bis 40 Gefangenen wurden aus ihren Zellen entlassen. Die JVA Bielefeld-Brackwede war noch nie so "unterbelegt" wie in Zeiten der Corona-Pandemie. - © Andreas Fruecht
30 bis 40 Gefangenen wurden aus ihren Zellen entlassen. Die JVA Bielefeld-Brackwede war noch nie so "unterbelegt" wie in Zeiten der Corona-Pandemie. (© Andreas Fruecht)

Von den zwei Mitarbeitern, die bisher positiv auf Covid-19 getestet wurden, „kam einer aus dem Urlaub und der andere hatte dienstfrei. Trotzdem haben wir die Kollegen der betroffenen Schicht erst testen lassen, bevor sie wieder zum Dienst antreten konnten."

Besuchsverbot

Nicht zu verhindern war das absolute Besuchsverbot seit Mitte März. Das trifft die Insassen des geschlossenen Vollzugs besonders hart, weil es – anders als im offenen Vollzug – ihre einzigen sozialen Kontakte seien: „Die sehen ihre Familien und Kinder nicht mehr."

Telefonabhören verdreifacht

Weil die Mitarbeiter der Besuchsabteilung dadurch quasi arbeitslos waren, konnte die JVA dafür die Telefonkontakte erhöhen: „Bei uns muss jedes Telefonat überwacht werden. Durch die zusätzlichen Mitarbeiter konnten wir die Zahl der Telefonate bestimmt verdoppeln, wenn nicht sogar verdreifachen.

Kein Drogennachschub

Ohne die regelmäßigen Besuche ist übrigens auch der Drogennachschub in der JVA nahezu zum Erliegen gekommen, sagt Nelle-Cornelsen: „Aus der Subkultur war zu erfahren, dass es so gut wie keine Drogen mehr gibt." Die Justizwachen gehen seit Jahren davon aus, dass der Drogennachschub über diverse Körperöffnungen der Besucher in die Gefängnismauern geraten.

Dass der Nachschub versiegt ist, seit diese Besuche untersagt sind, bestätigt die These. Hat das keine spürbaren negativen Folgen unter den Drogenabhängigen? „Damit haben wir auch gerechnet. Aber wir haben nur bei zwei oder drei unserer Drogenabhängigen Verhaltensauffälligkeiten bemerkt." Sie müssen auf einen Medikamenten-Cocktail umgestellt haben, der zu Auffälligkeiten in der Persönlichkeit und der Gesundheit geführt hatten.

Unruhe nimmt zu

Unruhe sei aber inzwischen bei allen Gefangenen spürbar. „Wenn das Besuchsverbot länger anhält, wird es ungemütlich." Deshalb hoffe man, dass tatsächlich in Kürze das Besuchsverbot gelockert werde: „Unter deutlich veränderten Bedingungen: Wir haben Schränke als Trennwände aufgestellt, um Körperkontakt zu vermeiden." So habe der Drogenschmuggel weiterhin keine Chance in der JVA, prognostiziert der Gefängnischef.

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