Schule im Ausnahmezustand: SteinGy-Schulleiter über die aktuellen Lage

Heute beginnen die Osterferien. Doch die Schüler sitzen ohnehin seit drei Wochen zu Hause. Stefan Binder, Schulleiter des Gymnasiums, berichtet, wie das Lernen dort funktioniert, ob das Abi 2020 noch zu retten ist und warum sich alle wieder auf den Unterricht freuen.

Frank Jasper

Stefan Binder - © Frank Jasper
Stefan Binder (© Frank Jasper)

Steinhagen. Einsam war es die vergangenen Wochen im Steinhagener Gymnasium. Schulleiter Stefan Binder schaut an sich herunter: „Darum auch der Freizeitlook ..." Die meisten Lehrerinnen und Lehrer arbeiten von zu Hause aus. Und die Schülerinnen und Schüler sind ja ohnehin nicht da. Die plötzliche Corona-Pause hat das Gymnasium in eine Geisterschule verwandelt. Zunächst hätten sich vor allem viele jüngere Schüler über die Zwangspause gefreut. „Inzwischen erhalte ich aus den Elternhäusern die Rückmeldung, dass sich alle wieder freuen, wenn es hier wieder losgeht", berichtet Stefan Binder – kurz vor Beginn der Osterferien!

Binder und ein kleines Team hat die vergangenen Wochen die Stellung im Gymnasium gehalten. Zum einen, weil die Schule dazu verpflichtet ist, eine Notbetreuung anzubieten für Kinder, deren Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. „Doch wir hatten nur eine Anfrage. Und als sich herausstellte, dass dieses Kind alleine in die Betreuung kommen würde, haben die Eltern doch lieber eine private Lösung gewählt", erklärt Stefan Binder.

Abitur-Prüfungen um drei Wochen verschoben

Er ist aber auch deshalb jeden Tag an seinem Schreibtisch, weil fast täglich neue E-Mails vom Schulministerium eintrudeln. Vor 20 Minuten kam wieder eine. Darin geht es unter anderem um die Abwicklung des Abiturs in diesem Jahr. Ein Thema, das den Verantwortlichen seit Wochen Kopfzerbrechen bereitet. „In Steinhagen sind wir in der glücklichen Lage, dass bei uns die Abi-Vorklausuren bereits vor der Zwangspause geschrieben und zurückgegeben wurden", sagt Stefan Binder. Für die Schüler sei das eine wichtige Rückmeldung in Vorbereitung aufs Abitur. Weil jedoch noch nicht alle Gymnasien so weit sind, wurden die Abiturprüfungen in NRW um drei Wochen auf den Zeitraum ab den 12. Mai verschoben.

„Jetzt geht es darum, die Inhalte zu vertiefen und sich auf die Prüfungssituation vorzubereiten", sagt Stefan Binder. Er geht davon aus, dass das Ministerium alles daran setzen wird, damit das Abitur stattfinden kann.

Ob nach den Osterferien wieder ein normaler Unterricht für alle Jahrgangsstufen möglich sein wird – da ist Binder skeptisch. „Aus pädagogischer Sicht wäre es natürlich sinnvoll, wenn schnellstmöglich wieder Unterricht stattfindet. Das würde den Schülern wieder einen Alltag ermöglichen und die Elternhäuser entlasten", sagt der Schulleiter. Andererseits sei die Gesundheit das oberste Gebot. „Ich kann mir gerade schwer vorstellen, dass einerseits in den Osterferien nicht mehr als zwei Leute auf der Straße zusammenkommen dürfen und danach wieder 800 Leute hier auf engstem Raum aufeinandertreffen und zusammen lernen." Er und seine Kollegen rechnen in der zweiten Ferienwoche mit einer Entscheidung des Schulministeriums, wie es weitergeht.

Einige Lehrerhaben Erklärvideos hochgeladen

Irgendwann wird sich dann auch zeigen, wie gut das Lernen zu Hause wirklich funktioniert hat. In der Oberstufe habe sich in der Krise der flächendeckende Einsatz von iPads bewährt, berichtet Binder. „Wir haben die Tablets genutzt, um den Schülern Lernmaterial zur Verfügung zu stellen und um mit ihnen schriftlich zu kommunizieren. Einige Kollegen haben sogar Erklärvideos hochgeladen", merkt Stefan Binder an. Das habe gut funktioniert.

In der Unter- und Mittelstufe haben die Schüler Aufgaben als Dokumente per E-Mail für die wichtigsten Fächer zugeschickt bekommen, die sie innerhalb einer Frist lösen mussten. „Wer jetzt natürlich glaubt, dass damit zu Hause acht Stunden gelernt wird, denkt an der Realität vorbei", weiß der Schulleiter.

Vorgabe sei es für die jüngeren Schüler, zwei bis drei Stunden am Tag zu Hause zu lernen; die Oberstufenschüler sollten sich bis zu vier Stunden mit den zur Verfügung gestellten Materialien beschäftigen. „Wie gut das funktioniert, hängt natürlich von den Gegebenheiten in den Elternhäusern ab", so Binder. Das könne schon schwierig werden, wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten und für die ganze Familie nur ein Computer zur Verfügung stehe.

„Die Enttäuschung bei den Abiturienten war riesengroß"

Auch viele andere organisatorische Aufgaben hat das Gymnasium in der Corona-Krise spontan und flexibel gemeistert. Der für Ende April geplante Elternsprechtag etwa wird per Mail oder übers Telefon organisiert. Viele Wahlverfahren fürs kommende Schuljahr, beispielsweise welche Fremdsprache ab der siebten gelernt werden, sollen gegebenenfalls schriftlich durchgeführt werden. „Die Eltern ziehen wirklich toll mit", berichtet Stefan Binder.

Nicht zu retten sind viele Schulveranstaltungen. Die für Mai und Juni geplanten Berufsfelderkundung etwa fällt ins Wasser. Der letzte Schultag für die Abiturienten muss ebenfalls gestrichen werden. Ebenso die Veranstaltungen Abi on Stage und ein Poetry Slam, den die Schüler im Vorfeld des Abis organisiert hatten. „Die Enttäuschung darüber ist riesengroß. Inzwischen stehen aber die Prüfungen im Vordergrund. Und wir alle hoffen, dass es zumindest eine Abi-Entlassfeier und einen Abi-Ball geben kann", sagt Stefan Binder.

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