Oliver Erdmann kennt das Geheimnis des perfekten Kaffees

Annik und Oliver Erdmann betreiben seit 2010 „Die Röstwerkstatt“ in Bielefeld. Der Jugendwart der Spvg. Steinhagenist ein Kaffeeexperte und -liebhaber und spart nicht mit Kritik am industriell gefertigten Kaffee zu Schnäppchenpreisen.

Detlef Hans Serowy

Oliver Erdmann in seinem Kaffeelager der „Röstwerkstatt". - © Detlef Hans Serowy
Oliver Erdmann in seinem Kaffeelager der „Röstwerkstatt". (© Detlef Hans Serowy)

Hier wird gerade ein Espresso geröstet. Fast ist es, als könne man den Geruch wirklich wahrnehmen.  - © Detlef Hans Serowy
Hier wird gerade ein Espresso geröstet. Fast ist es, als könne man den Geruch wirklich wahrnehmen.  (© Detlef Hans Serowy)

Steinhagen/Bielefeld. Fürs Bauen und für Bälle ist Oliver Erdmann in Steinhagen bekannt. Bohnen, genau gesagt Kaffeebohnen, verbinden nicht viele Menschen mit dem Architekten und Jugendleiter der Spvg. Steinhagen. Im ganzen Altkreis Halle ist der 45-Jährige als Energieberater unterwegs und Kaffee spielt eine sehr wichtige Rolle in seinem Leben. Er ist sogar ein echter Kaffeeexperte.

„Ich höre am Knacken und rieche es, wenn der Kaffee fertig ist", sagt Erdmann. Er meint aber damit nicht das Knacken der Kaffeemühle oder den Geruch von Filterkaffee. Was knackt und riecht, ist eine echte Kaffeeröstmaschine und die steht in der Rösterei „Die Röstwerkstatt".

Eine Geschichte von Produktleidenschaft

Gemeinsam mit seiner Frau Annik betreibt Oliver Erdmann das Geschäft an der Weststraße 62 in Bielefeld seit rund zehn Jahren. Wie es dazu kam, ist eine spannende Geschichte von Produktleidenschaft und Begeisterung für ein Konzept – und Erdmann erzählt sie gern.

Er kann auch spannend erzählen und startet deshalb gleich mit einem Cliffhanger. Ob ich wisse, warum Kaffee allgemein so billig sei, fragt er und antwortet gleich. „95 Prozent des Kaffeemarktes teilen sich fünf Konzerne auf und die legen fest, was sie den Bauern bezahlen." 

Annik und Oliver Erdmann führen gemeinsam seit November 2010 das Geschäft "Die Röstwerkstatt" an der Weststraße 62 in Bielefeld.  - © Detlef Hans Serowy
Annik und Oliver Erdmann führen gemeinsam seit November 2010 das Geschäft "Die Röstwerkstatt" an der Weststraße 62 in Bielefeld.  (© Detlef Hans Serowy)

Zwei Winter braucht Erdmann, um die Kunst des Röstens zu lernen

2008 weiß Oliver Erdmann davon noch nichts. Er saniert auf Langeoog im Winter ein Hotel und langweilt sich ab 18 Uhr. „Da ist es dunkel, auf der Insel ist nichts los und so habe ich die Betreiber gefragt, was man so tun kann." Es beginnt eine wunderbaren Freundschaft.

Horst Schmidt hat auch im Winter gut zu tun, wenn keine Gäste da sind. Er braut Bier und röstet Kaffee. Das macht bald auch Oliver Erdmann an jedem zweiten Abend - und mit steigender Begeisterung. Zwei Winter dauert die Sanierung, dann hat der Ostwestfale das Rösten erlernt.

In Bielefeld gehört ihm ein Haus an der Weststraße. „Da war ein kleiner Teeladen drin und der Mietvertrag lief aus", erinnert er sich. Kurz entschlossen machen Annik Erdmann und er das neue Hobby zum Beruf und eröffnen „Die Röstwerkstatt" im November 2010.

Kaffeegeruch zieht die Kunden an

„Bier hätte man hier nicht brauen können", sagt er lachend. Dafür entstünden beim Brauen zu üble Gerüche. Röstfrischer Kaffee riecht zwar nicht wie Kaffee, der Geruch ist aber angenehmer und treibt Leute in den Laden. „Früher habe ich immer um 6 Uhr geröstet und dann die Fenster geöffnet.

Eine gute Strategie an Markttagen auf dem Siegfriedplatz in Bielefeld. „Der Laden war danach immer voll." Im Hintergrund heizt die Röstmaschine auf, gleich soll sie Espresso herstellen. Die richtigen Bohnen sind schnell gefunden. „Coffee Arabica" steht auf dem Sack aus Honduras. Bioqualität!

Zeit für Insiderwissen aus dem Kaffeemarkt. „Weißt Du, dass die Konzerne dem Kaffeepulver legal bis zu 30 Prozent Füllstoffe zufügen können?", will Oliver Erdmann wissen. Auf die Antwort wartet er nicht. Mit Maltodextrin sparten die Röstereien dann auch noch Kaffeesteuer, sagt er bitter.

Kleine Röstereien nehmen sich mehr Zeit

Die Steuer gibt es nur in Dänemark und Deutschland. 2,19 Euro werden bei uns pro Kilogramm fällig. Oliver Erdmann führt deshalb ein Röstbuch. Zehn Kilogramm frische Kaffeebohnen wiegt er ab und füllt sie in seine Röstmaschine. Rund 20 Minuten später sind nur noch 8,5 Kilo da.

„15 Prozent Wasserdampf entstehen beim Rösten." Nur kleine Röstereien nehmen sich so viel Zeit. „Großkonzerne rösten 90 Sekunden bei 500 Grad Celsius", berichtet der 45-jährige. Wasserdampf kühlt die Bohnen anschließend 30 Sekunden ab, damit sie bei der Hitze nicht verbrennen.

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Die Illusionen eines Kaffeeliebhabers schwinden vollständig, als Erdmann weiter aus dem Nähkästchen plaudert. Mit dem Wasserdampf dürfen die Großröster den Kaffeebohnen auch noch Geschmacksstoffe zuführen. Legal, versteht sich. So werde ein niedriger Preis möglich.

Der Kaufpreis ist ein Knackpunkt für die kleinen Röstereien. „Früher gab es in Deutschland mal 3.000, dann nur noch 100 und heute wieder etwa 1.000 Betriebe", weiß Oliver Erdmann. Kaffee kostet bei ihm zwischen 21 und 23 Euro das Kilogramm. „Wir führen auch Sorten für 32 Euro pro Kilo."

Keine Preise für Schnäppchenjäger. Deutsche Verbraucher kaufen laut Nachrichtenagentur dpa gemahlenen Kaffee gern im Sonderangebot zu Kilopreisen von fünf bis zehn Euro. „Zu uns kommen die Leute, weil sie sich etwas gönnen wollen", betont Oliver Erdmann.

Sie kommen auch, weil der kleine Laden (44 Quadratmeter) über die Jahre ein sozialer Treffpunkt geworden ist. „Wir haben einen festen Kundenstamm, vom ersten Tag an." 300 Leute haben an Kaffeeverkostungen teilgenommen. „Jeder Kaffee kann etwas anderes und wir wollen das zeigen."

„Die Sinne sagen einem, wann der Kaffeefertig ist"

Im Hintergrund knacken die Bohnen im Röster jetzt leicht. „Die Sinne sagen einem, wann der Kaffee fertig ist." An einem Wochenende röstet Oliver Erdmann bis zu 120 Kilogramm. „Am Ende machen 30 Sekunden den Unterschied aus", sagt er und holt die Bohnen aus der Trommel. Es ist gelungen.

Er wiegt das Röstgut, führt das Röstbuch („nur die geröstete Menge muss versteuert werden") und füllt die Bohnen in einen Blecheimer. Darin reift der Kaffee noch nach. Bis zu 72 Stunden brauchen geröstete Bohnen, um ihren vollen Geschmack zu erreichen. Jetzt riechen sie richtig gut.

Bauen, Bälle und Bohnen sind sein Ding

Gemahlen wird der Kaffee in der Röstwerkstatt dann „genau passend zum Brühverfahren beim Kunden". Von mir will er dafür den Betriebsdruck meiner Padmaschine wissen. Ich muss passen. Wer dem zweifachen Vater zwei Stunden lang zugehört hat, denkt jedenfalls anders über Kaffee.

„Das Geschäft macht wahnsinnig viel Spaß", betont Oliver Erdmann und ist ganz in seinem Element. Er könnte noch viel erzählen von seinen Vorbehalten gegenüber Produktsiegeln aller Art, von Likör aus Espresso oder der sehr teuren Kaffee-Liebhabersorte „Jamaica Blue Mountain".

Aber der Espresso ist fertig geröstet, die Mitarbeiterin hat schon lange Feierabend gemacht und das Hundefutter ist ausgegangen, wie Annik Erdmann anmerkt und zur Eile drängt. Die Geschichte geht an einem anderen Tag weiter – und Oliver Erdmann ist jetzt für Bauen, Bälle und Bohnen bekannt.

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