Brummifahrerin: Diese junge Frau liebt ihren Job auf dem Lkw

Mit 17 klemmte sich die Brockhagenerin Sarah Schulz zum ersten Mal hinter das Lenkrad eines Lastwagens. Was die junge Frau an der Männerdomaine reizt.

Melanie Wigger

Hoch oben im Fahrerhaus ihres 40-Tonners fühlt sich Sarah Schulz sicher im Straßenverkehrs. Die 23-Jährige hat bereits mit 17 Jahren ihre Ausbildung zur Berufskraftfahrerin angefangen. Heute fährt sie Touren durch ganz Deutschland. - © Melanie Wigger
Hoch oben im Fahrerhaus ihres 40-Tonners fühlt sich Sarah Schulz sicher im Straßenverkehrs. Die 23-Jährige hat bereits mit 17 Jahren ihre Ausbildung zur Berufskraftfahrerin angefangen. Heute fährt sie Touren durch ganz Deutschland. (© Melanie Wigger)

Steinhagen-Brockhagen. „Mein Lehrer hat früher immer wieder zu mir gesagt: Sarah, du wirst nicht fürs Aus-dem-Fenster-Gucken bezahlt." Doch genau das ist jetzt der Fall, sagt Sarah Schulz lachend. Zumindest für einen Großteil der Zeit – doch am Ziel angekommen, packt die junge Berufskraftfahrerin mit an, um die Fracht zum Kunden zu bringen. Ein paar tausend Schritte habe sie häufig schon gegen Vormittag auf ihrer Fitnessuhr. Und wenn ihr 16 Meter langes Fahrzeug nicht durch die schmalen Einfahrten passt, dann überwindet sie den Rest der Strecke mit dem Stapler.

Oft bekommt die 23-Jährige auch Hilfe – und zwar mehr als ihre männlichen Kollegen, berichtet sie. „Es ist kein Nachteil diesen Job als Frau zu machen – eher im Gegenteil." Schlechte Erfahrungen hat sie in der Männerdomäne bislang kaum gemacht. „Nur ein einziges Mal zu Beginn der Ausbildung hat ein Mann zu mir gesagt, Frauen gehören ins Büro und nicht auf Lkws", erinnert sie sich. „Da dachte ich damals: Oh Mann, wenn es so schon anfängt, wie wird das dann später ..."

„Wenn die Leute mit offenem Mund an mir vorbeifahren, finde ich das goldig"

In ihrem Umfeld löste der ungewöhnliche Berufswunsch erstmal Irritation aus. „Mein Lehrer wollte mir das nicht glauben", sagt Sarah Schulz, die sich zuvor mit Praktika als Altenpflegerin und Näherin versuchte. Auch ihre Mutter konnte sich die junge Frau nicht auf dem Lastwagen vorstellen. „Als meine Mutter und meine Oma mich zum ersten Mal darauf gesehen haben, sind sie ausgerastet. Sie fanden es so toll."

Die 1,60 Meter große Frau genießt das Gefühl: „Unterwegs bin ich die Herrin der Straße. Ich überblicke alles und weiß auch meistens schon ziemlich genau, wie sich die anderen Fahrer verhalten werden." Die 23-Jährige hat sich diese Intuition bereits durch Beobachtung angeeignet.

So jung wie die Brockhagenerin beginnen nur wenige die Ausbildung – und das auch noch ohne Vorerfahrung: „Ich hatte keine Ahnung von Lkws. Ich habe mich blindlinks in die Ausbildung gestürzt." Heute ist sie eine von vier Fahrerinnen bei der Steinhagener Spedition WLS. Ihre Touren führen sie quer durch ganz Deutschland – meistens von Baumarkt zu Baumarkt, wo sie Garagentore für das benachbarte Unternehmen Hörmann abliefert. Die Kunden reagieren freundlich auf sie – doch unterwegs macht der ein oder andere schon mal große Augen, wenn er die junge Frau am Steuer des 40-Tonners erblickt. Manchmal winkt sie gelassen zurück. „Wenn sie mit offenem Mund an mir vorbeifahren, finde ich das einfach nur goldig." Die Vorstellung vom Berufskraftfahrer als Männerjob findet sie überholt: „Wir leben in einem Zeitalter, in dem es egal sein sollte, welchen Beruf man als Mann oder Frau ergreift. Warum sollten Frauen nicht Lkws fahren? Ich mache das Gleiche, was die Jungs machen."

Ihr ganzer Stolz: Der 16 Meter lange Sattelzug ist eindeutig das Lieblingsfahrzeug von Sarah Schulz. Selbst im Urlaub vermisst sie ihren Lkw. - © Sarah Schulz
Ihr ganzer Stolz: Der 16 Meter lange Sattelzug ist eindeutig das Lieblingsfahrzeug von Sarah Schulz. Selbst im Urlaub vermisst sie ihren Lkw. (© Sarah Schulz)

Selbst über das Klischee vom Einparken kann sie nur lachen: „Ich mache das genau so wie die Männer – wenn nicht sogar einen Ticken besser." Und so kommt es, dass sie am Feierabend auf dem Autohof den Mitstreitern gelegentlich beim Einparken hilft. Ehrensache! „Wir verstehen uns untereinander und unterstützen uns." Die 23-Jährige fühlt sich deshalb auch in der Nacht sicher.

Ihr Lkw, der auch als Foto ihre Handyhülle verziert, macht sie selbstbewusst. „Ich traue mich darin auch schwierige Strecken zu fahren, die ich mit dem Auto nie gemacht hätte." Auch ihre Mutter staunt über das Können der ehemals schlechten Schülerin: „Sie meinte, früher hätte ich nicht mal den Weg nach Hause gefunden. Heute kann ich die Wegbeschreibung nach Frankfurt im Schlaf aufsagen." In jeder neuen Stadt werden Fotos geknipst – immer dabei: ihr Plüsch-Lama an der Windschutzscheibe.

„Anfangs hatte ich keine Ahnung, wie ein Lkw funktioniert"

Einsam fühle sie sich jedoch nicht. Nicht mal nachts, wenn sie in ihrem Sattelzug campiert. „Ich bin sogar ganz gerne ein paar Tage alleine unterwegs", sagt Sarah Schulz, die noch bei ihrer Mutter wohnt. Statt Hausarbeit wartet am Abend ein gemütliches Bettchen hinter den Sitzen auf sie. Von dort aus guckt sie Serien auf dem Tablet, zockt an der Spielekonsole und schreibt sich Nachrichten mit ihrem Freund.

Ihre Leidenschaft beeinflusst nicht nur ihre Freizeit, sondern auch ihre Beziehung – sie hat ihren Freund mit dem Lkw-Fieber angesteckt. Der frühere Maler lässt sich jetzt ebenfalls zum Berufskraftfahrer ausbilden. „Er liebt das Fahren", erzählt Sarah Schulz strahlend. Wenn sie privat unterwegs sind, schauen sie gemeinsam den Fahrzeugen hinterher, tauschen sich aus und geraten ins Schwärmen. „Anfangs hatte ich keine Ahnung wie ein Lkw funktioniert. Heute interessiert mich jedes Detail. Ich kann mir gar nichts anderes mehr vorstellen."

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