Steinhagen ist beim Klimaschutz in den Miesen

Umweltschäden und deren Ausgleich lassen sich in Biotop-Punkten rechnen. Rechnerisch ist Steinhagen mit seinem Öko-Konto derzeit im Minus. Der Heideweiher wird’s aber wohl richten – mal wieder.

Jonas Damme

Der Heideweiher auf dem Ströhen - © Jonas Damme
Der Heideweiher auf dem Ströhen (© Jonas Damme)

Steinhagen. Damit alles seine Ordnung hat, gibt es in Deutschland auch für den Umweltschutz klare, berechenbare Vorgaben. Die finden sich im Bundes- und Landesnaturschutzgesetz. Vereinfacht gesagt hat Steinhagen – wie jede Kommune – eine Art Bankkonto für Ökopunkte.

Dieses Konto wird belastet, wenn eine neue Straße, ein Bau- oder Industriegebiet entsteht. Dann muss das Rathaus gegenüber dem Kreis Gütersloh nachweisen, dass man Kompensationsmaßnahmen getroffen hat. Wer ein Haus baut, muss zum Ausgleich Bäume pflanzen. Oder einen Bach renaturieren. Oder aus einem Acker eine Wiese machen. Varianten gibt es viele.

Spannend ist dabei natürlich die Frage, wer entscheidet, wie viele Bäume pro Haus gepflanzt werden müssen. Die Entscheidung obliegt dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) und ist in mehreren Regelwerken rechtssicher ausformuliert.

Überzogenes Konto bereitet Amtsleiter keine schlaflosen Nächte

Interessanterweise befindet sich das Konto Steinhagens rechnerisch derzeit im Soll. „2019 hat ein Minus, das stimmt", bestätigt Bauamtsleiter Stephan Walter. Die Bauprojekte der letzten Jahre kosten Steinhagen viele Punkte. „Allein das Gewerbegebiet »Brockhagen Ost Michaelisstraße« brauchte mehr als 200.000", erklärt Walter. Um genau zu sein 201.869 sogenannte Biotopwertpunkte (BWP).

Rechnet man alle aktuellen Baustellen gegen, kommt man für 2019 auf einen Ausgleichsbedarf von etwa 256.000 BWP. Nachweisen kann das Bauamt derzeit aber nur 241.000. Es fehlen also 15.000. Kann eine Kommune ihre Bauprojekte nicht mehr ausgleichen, müssten ihr die zuständigen Behörden theoretisch das Einverständnis für neue Versiegelungspläne entziehen. Trotzdem bereitet das überzogene Konto dem Amtsleiter keine schlaflosen Nächte. Man arbeite Hand in Hand mit dem Kreis und der Landschaftsbehörde. Bereits jetzt sei berechnet, dass das kommenden Jahr die Probleme lösen werde. Vor allem, weil das Rathaus mit dem Heideweiher noch einen Joker in der Tasche hat. „Der Weiher entwickelt sich weiter", erklärt Stephan Walter. „Der hat schon 200.000 Punkte gebracht."

Wie berichtet wurde unweit der Brockhagener Straße auf dem Ströhen ein kleiner See wieder ausgegraben. Auf den mageren Flächen wachsen seltene Pflanzen. Auch feuchtigkeitsliebende Vögel siedeln sich wieder an.

„Eine geplante Abmagerung bringt weitere Punkte", so Walter. Noch in diesem Winter soll am Heideweiher per Bagger zusätzlicher Mutterboden abgeschoben werden. Die so entstehenden »mageren« Böden bieten Lebensraum für seltene, hoch spezialisierte Arten. Die maximale Punktzahl die der Heideweiher erreichen kann, schätzt das Bauamt auf 388.000 BWP.

Baugebiet bringt 40.000 Ökopunkte

Da in Steinhagen rege Gebaut wird schlagen auch andere Projekte zu Buche: das Baugebiet Amshausen, das Gewerbegebiet am Bahnhof oder das geplante Gewerbegebiet um den Hof Detert.

Die Ergebnisse so einer Rechnung können aber durchaus überraschen. So schadet das große Baugebiet Amshausen dem Klima nach LANUV-Rechnung nicht, sondern erwirtschaftet wertvolle Ökopunkte. „Amshausen hat etwa 40.000 Punkte Überschuss", so Walter. Das erkläre sich durch die Vorgaben des Landesamtes. Die Wertigkeit der dortigen Ackerflächen ist ökologisch gering. Sie entspricht nur 134.910 Wertpunkten. Ein Baugebiet mit großem Grünanteil, wie es dort geplant ist, bringt es auf 174.762 Punkte. Dafür sollen Wildstrauchhecken und Gehölzgruppen gepflanzt und parkähnliche Strukturen angelegt werden. Die so gewonnene Differenz kann andernorts aufgebraucht werden.

Dass die Ausgleichsmaßnahmen direkt vor Ort entstehen, entspricht der Vorstellung der Gemeinde von Umweltschutz, ist aber eigentlich nicht zwingend erforderlich. „Wir könnten zum Beispiel auch in Harsewinkel ausgleichen", sagt Stephan Walter. „Das war aber bisher noch nie nötig."

Ökopunkte sammeln, ohne etwas zu pflanzen

Es gibt sogar Fälle, in denen die Gemeinde Biotopwertpunkte sammelt, ohne dafür auch nur eine Blume gepflanzt zu haben. Ein Beispiel dafür ist das umstrittene Wäldchen Düfelsiek neben Dämmstoffe Kaiser (das HK berichtete mehrfach).

Noch ist das Wäldchen als Gewerbefläche eingetragen, nach der im Gemeinderat viel diskutierten Bebauungsplanänderung wird es zur »öffentlichen Grünfläche« mit festgesetztem Baumbestand umgeschrieben. Diese Änderung nur auf dem Papier – die die Bäume zugegebenermaßen langfristig unter Schutz stellt – bringt der Gemeinde respektable 67.990 Wertpunkte. Tatsächlich geändert hat sich am Bestand nichts.

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