Dieter R.: Der gute Nachbar und Sprengstoffmischer

Nach Razzia und Suizid: Ein Amshausener sammelte Waffen und stellte chemischen Sprengstoff her. Ein psychopathischer Einzelgänger war er aber offenbar nicht

Jonas Damme

In diesem Haus wohnte Waffensammler Dieter R.
In diesem Haus wohnte Waffensammler Dieter R.

Steinhagen-Amshausen. Wer die Berichterstattung zum Amshausener Waffensammler verfolgt hat, dem drängt sich fast zwangsläufig das Bild eines suspekten Einzelgängers auf. Eine Einschätzung, die sich ändert, spricht man einmal mit Menschen, die Dieter R. kannten. Mehrere Nachbarn – die namentlich nicht in der Zeitung genannt werden wollen – schildern ihn übereinstimmend als „sehr netten Mann", der durchaus nicht zurückgezogen lebte. Mit manchem war er seit Jahrzehnten gut bekannt. Umso mehr nimmt die Menschen der Suizid von Donnerstagmorgen mit. Es gibt Berichte, dass sich der 66-Jährige – offenbar in seiner Verzweiflung – erhängt hat. Offiziell bestätigt hat das jedoch niemand.

Die Staatsanwaltschaft sah nach der Razzia am Mittwoch keinen Grund, Dieter R. festzunehmen. „Es lagen keine Haftgründe wie Flucht- oder Verdunkelungsgefahr vor", erläutert der zuständige Bielefelder Staatsanwalt Moritz Kutkuhn. Das Suizidrisiko war ebenfalls nicht bekannt. Wenn Menschen eine entsprechende psychische Vorgeschichte haben, ist oft auch das Rathaus informiert. „Uns ist der Mann aber nie aufgefallen", erklärt dazu Bürgermeister Klaus Besser, „weder ordnungsbehördlich noch psychiatrisch."

Schusswaffen, Pistolen und Gewehre, aber auch Hieb- und Stichwaffen

Hätte es in der Vergangenheit schon mal die Befürchtung eines Suizids gegeben, wäre das bekannt. Trotzdem vermutet ein Nachbar, der Dieter R. lange kannte, dass dieser psychisch krank war. Anders ließe sich ein Suizid auch kaum erklären. Kritisch war auf jeden Fall seine kriminelle Sammelleidenschaft.

Was genau die Beamten am Mittwochmorgen per Durchsuchungsbeschluss der Staatsanwaltschaft aus der Wohnung des 66-Jährigen geholt haben, dazu will die Polizei nach wie vor nichts sagen. Aus „ermittlungstechnischen Gründen", wie es heißt. Zumindest erläutert Polizeisprecherin Katharina Felsch mittlerweile: „Es waren Schusswaffen, Pistolen und Gewehre, aber auch Hieb- und Stichwaffen dabei. Welche davon tatsächlich gebrauchsfertig waren, wird nun ermittelt." Sogar Sprengstoff und Chemikalien, um solchen herzustellen, hatten die Spürhunde ausfindig gemacht.

Der Sprengstoff war wie berichtet am Mittwochabend und in der Nacht zu Donnerstag mit mehreren Sprengungen gezündet worden. In der Nachbarschaft klirrten die Scheiben. Mancher hätte sich eine offenere Informationspolitik der Behörden gewünscht, Vorwarnungen wären hilfreich gewesen. Eine Anwohnerin lässt sich in einem Fernsehinterview zitieren: „Die Häuser haben gewackelt."

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Wer hortet Sprengstoff?

Die entscheidende Frage bleibt vorerst offen: Eine Waffensammlung ist noch vorstellbar – aber warum hortet jemand chemischen  Sprengstoff? Das klingt eher nach Handel oder Extremismus als nach Sammelleidenschaft.
Einen Hinweis kann höchstens die Vorgeschichte geben. Wie berichtet stand Dieter R. bereits 2005 vor Gericht. Damals wurde er für mehr als 1.000 Waffen – darunter auch ein Schießkugelschreiber, ein Raketenwerfer und 18 Kilo Sprengstoff – zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt. Im Gerichtsverfahren wurde damals bereits ein Netzwerk von Waffensammlern und -händlern beleuchtet. Einen engen Freund des Amshauseners hatte man damals mit teilweise automatischen Waffen in Italien festgenommen. Nun muss es von den Fahndern erneut einen konkreten Verdacht gegen den Amshausener gegeben haben. Auf Verdacht hätte die Wohnung nicht durchsucht werden können. Erneut ist auch das Landeskriminalamt an den Ermittlungen beteiligt.
Die genauen Strukturen des offenbar internationalen Waffenhandels wurden damals nicht öffentlich. Da der Beschuldigte nicht mehr lebt, wird es dieses Mal auch kein Gerichtsverfahren geben. Viele Hintergründe bleiben daher vermutlich für immer im Dunkeln.
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