Chaos am Steinhagener Schulzentrum - Busfahrer warnt vor Katastrophe

Weil er um die Gesundheit der Kinder fürchtet, fährt ein Bus am Schulzentrum ohne Schüler davon. Er sagt, die Situation muss sich ändern, sonst kann es bald Verletzte geben. Der Schulleiter hat einen Lösungsvorschlag

Jonas Damme

Vier Busse gleichzeitig: Die Linien 88, 188, und 48 sollen gleichzeitig an der nur zwölf Meter langen Haltestelle warten. Weil das unmöglich ist, drängen die Schüler und die Fahrer müssen in der Kurve halten – was sie nicht dürfen. - © Jonas Damme
Vier Busse gleichzeitig: Die Linien 88, 188, und 48 sollen gleichzeitig an der nur zwölf Meter langen Haltestelle warten. Weil das unmöglich ist, drängen die Schüler und die Fahrer müssen in der Kurve halten – was sie nicht dürfen. (© Jonas Damme)

Steinhagen. Aufgeregt rief Busfahrer Deniz Akad am Dienstag in der Redaktion des Haller Kreisblatts an. „Da könnte es Tote geben", ist eine Formulierung, die er mehrfach verwendet. Scharfe Worte. Der Grund: Aus seiner Sicht seien die Zustände an der Bushaltestelle des Schulzentrums mittlerweile absolut unhaltbar. Zu Unterrichtsschluss drängelten dort an manchen Tagen hunderte Kinder von Realschule und Gymnasium. Ihm seien schon mehrfach Jungen in der letzten Sekunde vor den Bus gesprungen oder geschubst worden. „Alle Busfahrer, mit denen ich spreche, haben vor dieser Haltestelle Angst", sagt Akad.

Am Montagmittag eskalierte die Situation nun. Als er die Tür seines Busses der Linie 88 geöffnet habe, hätten die Schüler so sehr geschoben, dass drei Kinder gestürzt sein. Die Nachfolgenden fielen dann über ihre Vorgänger oder traten auf sie. Eine Seniorin konnte den Bus nicht verlassen. „Da habe ich geschrien", berichtet der 31-Jährige. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Sorge. „Ich bin am Ende", so Akad. „Ich will die Kinder doch beschützen." Schließlich habe er durchgegriffen, alle Schüler, bis auf die drei gestürzten aus dem Bus geworfen und sei weggefahren.

Stau am Schulzentrum: Dutzende Eltern holen ihre Kinder mit dem Wagen ab. Die Busse brauchen desto länger, um die aufgeregten Schüler einzusammeln. Auch Radfahrer müssen gut aufpassen. - © Jonas Damme
Stau am Schulzentrum: Dutzende Eltern holen ihre Kinder mit dem Wagen ab. Die Busse brauchen desto länger, um die aufgeregten Schüler einzusammeln. Auch Radfahrer müssen gut aufpassen. (© Jonas Damme)

Nach einem Telefonat mit seiner Chefin sei er dann nach einigen Minuten zurückgekehrt und habe die Kinder doch noch eingesammelt. Auf dem weiteren Weg habe er an mehreren Haltestellen von den Eltern die Quittung für sein Verhalten bekommen. „Mehrere Mütter und Väter zeigten mir den Stinkefinger, haben gehupt und mich beleidigt." Dabei wolle er nur helfen.

„Omas werden überrannt"

Nicht nur für die Kinder sei es gefährlich. Immerhin sei die 88 eine reguläre Buslinie. „Omas werden überrannt", so der Fahrer. Aus Sicht von Deniz Akad sind ständige Aufsichten an der Bushaltestelle unerlässlich. Außerdem habe er den Eindruck, dass manche Kinder sich besser benehmen könnten.

Realschulleiter Frank Kahrau sieht das Problem ebenfalls – es ist nicht neu –, sagt aber, dass er es allein nicht lösen kann. Denn: Die Bushaltestelle gehört nicht zum Schulgelände, dort haben die Pädagogen eigentlich nicht die Aufsichtspflicht. Trotzdem stünden Lehrer dort bereits jetzt regelmäßig – quasi in ihrer Freizeit – um Schlimmeres zu verhindern. Die endgültige Lösung könne das aber nicht sein. Auch, weil ein oder selbst zwei Pädagogen allein nicht weit über hundert Kinder beaufsichtigen könnten.

„Die eigentliche Frage ist: Wie kann es sein, dass an der einen Bushaltestelle vier Busse innerhalb von zwei Minuten abfahren?", so Kahrau. Tatsächlich verkehren dort fast gleichzeitig um 13.20 Uhr die Linien 48, 188 und die 88 Richtung Halle sowie die 88 Richtung Bielefeld. Wenig später fährt dort außerdem die 288 ab. „Die Haltestelle ist grundsätzlich zu klein!", so Kahrau.

Schulleiter macht einen Vorschlag

Der Schulleiter führte gestern viele wichtige Gespräche. Zum einen berief er eine Vollversammlung der Schüler ein. „Wir haben ihnen gesagt, dass das so nicht weitergeht. Schubsehen, schieben und drängeln müssen aufhören", so Kahrau. Von jetzt an sollen die Schüler, die mit den späteren der vier Busse fahren, außerdem auf dem Schulhof warten, um die Situation etwas zu entspannen.

Elterntaxi sei Dank: Weil eine Mutter auf ihr Kind wartet, muss sich der Gelenkbus am Pkw vorbeizwängen. Die Busfahrerin reagiert genervt. Ein eiliger Vater überholt indes noch in der engen Kurve. - © Jonas Damme
Elterntaxi sei Dank: Weil eine Mutter auf ihr Kind wartet, muss sich der Gelenkbus am Pkw vorbeizwängen. Die Busfahrerin reagiert genervt. Ein eiliger Vater überholt indes noch in der engen Kurve. (© Jonas Damme)

Darüber hinaus habe er mit aufgebrachten Eltern und mit Busfahrer Deniz Akad gesprochen und die Probleme geschildert. Ein weiteres wichtiges Gespräch führte er außerdem mit dem Steinhagener Schulamt. „Ich habe die Gemeinde gebeten, zu prüfen, ob man die Situation entzerren kann", so der Pädagoge. Sein Vorschlag: Würden die Bushaltestellen der Grundschule Laukshof und des Hallenbades mitgenutzt, müssten sich nur noch halb so viele Schüler direkt an der Schule drängen. Der Rest wäre verteilt. „Würden einige Schüler dort einsteigen, würde das schon helfen." Eine Mitarbeiterin der BVO machte sich gestern vor Ort ein Bild und versprach, den Ansatz von Kahrau prüfen zu wollen.

Die Gemeinde klärt außerdem gerade ab, ob in den kommenden Tagen die Polizei oder das Ordnungsamt an die Bushaltestelle kommen könnten, um sich die Situation anzuschauen und mit den Kindern zu reden.

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