Rätsel um "Heimchen": Bethels revolutionäres Bauprojekt in Steinhagen

Jonas Damme

Ein historisches Foto zeigt die Häuser an der Bodelschwinghstraße. - © unbekannt
Ein historisches Foto zeigt die Häuser an der Bodelschwinghstraße. (© unbekannt)

Steinhagen. Hinter kleinen Eigentümlichkeiten, wie außergewöhnlichen Straßennamen, verstecken sich oft spannende Erkentnisse. So funktioniert Lokalgeschichte. Das wissen wenige Steinhagener besser als Udo Waschkowitz und Jürgen Obelode. Die beiden neugierigen Forscher haben schon manche vergessene Episode aus der Geschichte des Brennereidorfes wieder ausgegraben.

Bethels Vater: Friedrich von Bodelschwingh (der Ältere). - © gemeinfrei
Bethels Vater: Friedrich von Bodelschwingh (der Ältere). (© gemeinfrei)

In den vergangenen Monaten führte sie ihre Forschungen nach Bielefeld. In den Jahrhunderte währenden Archiven von Bethel forschten sie zur Entstehung des eigentümlichen Namens des Ortsteils »Heimchen« und der Bodelschwingh-Straße. Und die Ergebnisse sie so spannend, dass ihr in der neuen Chronik des Heimatvereins gleich sechs Seiten gewidmet sind.

„Wieso Heimchen?", diese Frage trieb Udo Waschkowitz um. Mancher Anwohner des gleichnamigen Weges östlich der Bielefelder und unterhalb der Haller Straße vermutet einen Zusammenhang mit der landläufig so bezeichneten Grille. Dem ist aber nicht so, da sind sich die Forscher mittlerweile recht sicher.

Bethel kauft Häuser in Gadderbaum auf

Das »Heimchen« ist das kleine »Arbeiterheim«. Die Häuser an der Bodelschwingh-Straße entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen eines für ganz Deutschland wegweisenden Projektes von Pastor Friedrich von Bodelschwingh, dem Gründer der Von-Bodelschwinghschen-Stiftungen Bethel.

Der adelige Theologe hatte 1885 die erste deutsche Bausparkasse gegründet, die »Bausparkasse für Jedermann«. Initialzündung dafür war vermutlich das ständige Wachstum seiner schon damals außergewöhnlichen Anstalten in Gadderbaum.

Um Platz für Bethels Einrichtungen zu schaffen, waren einige Gehöfte und Kötterhäuser aufgekauft worden. Die »Vertriebenen« sollten neuen Wohnraum bekommen. Dafür hatte Bethel Flächen im heutigen Bielefelder Westen gekauft. Mit Hilfe der neugegründeten Bausparkasse konnten die Exil-Gadderbaumer dort kleine Häuser finanzieren, die auch Platz für die Selbstversorgung boten.

Das Bausparprojekt sollte nicht das einzige bleiben. Insgesamt 368 Häuser realisierte Bodelschwingh allein in Bielefeld. In den kommenden Jahrzehnten weitete sich der Einsatz der Bausparkasse dann über die Grenzen der Leineweberstadt aus.

Wirt des Quellentals verkauft große Flächen

Ein mehr als hundert Jahre alter Zeitungsartikel aus dem Betheler Hauptarchiv zeigte den Steinhagener Heimatforschern, wie es zur hiesigen Arbeitersiedlung kam. Der von Bethel gegründete Verein »Arbeiterheim« hatte eine Versammlung im Zweischlingen einberufen.

Dort fanden sich mehr als 80 Familienväter ein, denen der Wirt der »Sommerfrische Quellental«, Herr Wellhöner, erklärte, dass er seine Landwirtschaft aufgeben wolle, um sich ganz der Gastronomie zu widmen. Deshalb bot er dem Bielefelder Verein das Land unterhalb der Haller Straße zum Kauf an. Dort sollten 30 bis 60 kleine Häuser – sogenannte »Heimchen« – entstehen, die wegen der langjährigen Abzahlung für einfache Arbeiter finanzierbar wären. Bedarf gab es reichlich. „Die Wohnverhältnisse in diesen Gegenden liegen doch recht im Argen", beschrieb der Zeitungsredakteur damals die Situation der Arbeiter. Bethel nimmt die Offerte an. Der Verkaufspreis ist nicht bekannt.

Bethels Architekt: Der königliche Baurat Karl Siebold. - © Heimatverein STeinhagen
Bethels Architekt: Der königliche Baurat Karl Siebold. (© Heimatverein STeinhagen)

Mit viel Fleißarbeit rekonstruierten die Historiker von dort an, wie die einzelnen Häuser an der Bodelschwingh-Straße, am Heimchenweg und an der Bielefelder Straße ab 1906 entstanden, wer sie baute und wer später dort einzog. Einige Hausbiografien sind mittlerweile en Detail bekannt, andere nur in Grundzügen. 20 Hauseigentümer finden sich noch in den Archiven – vom Kapellmeister Wienold, über den Maurer Buch bis zum Spinnerei-Arbeiter Niekamp. Schon ab 3.200 Reichsmark konnten die ihr neues Heim finanzieren.

Dass die Häuser so günstig wurden, ist auch ein Verdienst von Karl Siebold. Der Architekt leitete lange die Bauabteilung der Bethel’schen Anstalten. Neben dem einfachen, gradlinigen Grundriss der Häuser, plante er zum Beispiel auch ein damals neuartiges Wasserwerk. Anstatt die Häuser per Hausbrunnen einzeln zu versorgen, wurden sie vom kleinen Wasserwerk Heimchen versorgt, das noch bis 1983 in Betrieb blieb.

Pastor Bodelschwinghs Hintergedanken

So fortschrittlich die Idee, die in Zeiten der Industrialisierung entstandene Arbeiterschaft mit günstigem Wohnraum zu versorgen, war, hegte Pastor Bodelschwingh allerdings Hintergedanken.

Bereits 1885 schrieb er an den späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III: »Gelingt es, dass in dreißig bis vierzig Jahren jeder fleißige Fabrikarbeiter vor seiner eigenen Hütte unter seinem Apfelbaum umgeben von seiner Familie sein Abendbrot essen kann, dann ist die Sozialdemokratie tot, und der Thron der Hohenzollern ist auf Jahrhunderte gesichert.«

Mit anderen Worten: Die bereits aufbegehrende Arbeiterschaft sollte mit Wohnraum befriedet werden, um die Gefahr einer erneuten Revolution zu bannen und die »gottgegebene« Monarchie zu stärken. Davon würde auch die Kirche profitieren. Um das christliche Familienmodell zu stärken, sollte die Frau im Eigenheim mit Garten und Herd beschäftigt und von der emanzipierenden Fabrikarbeit abgehalten werden – übrigens eine weitere Deutung des Begriffes »Heimchen«.

Von Bodelschwinghs Bitte um Unterstützung hat offenbar Erfolg. In anderen Quellen wird Steinhagens Arbeitersiedlung sogar das »Protectorat ihrer Kaiserlichen Hoheit«bescheinigt.

Mehr zum Ortsteil Heimchen, der Bodelschwinghstraße und den Bewohnern der besonderen Häuser in der neuen Jahres-Chronik des Steinhagener Heimatvereins, die in wenigen Wochen erscheint.

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