"Plogging" ist Trend: Dieser Rentner sammelt freiwillig Müll in Steinhagen

Ein Rentner und sein Sohn gehen regelmäßig auf die Suche nach Plastik und Co. in öffentlichen Anlagen. Ein Trend, der sich zurzeit digital verbreitet. Und auch dabei mischt der 68-Jährige mit

Melanie Wigger

Steinhagen. Ihre glänzende Verpackung schimmert durch das Laub. Ein zusätzlich eingeschweißter Plastikstrohhalm war einst ihr Begleiter. Früher war mal ein bei Kindern beliebtes Fruchtsaftgetränk in ihr. Heute liegt die Capri-Sonne-Trinktüte in den Sträuchern an der Bahnhofstraße in Steinhagen. Und das sicher nicht erst seit gestern. Denn ihr Verfallsdatum zeigt 2012.

Kein außergewöhnlicher Fund, erklären Bernhard und Jochen Röndigs. Das Vater-Sohn-Gespann kennt sich aus. Beide gehen regelmäßig Müll sammeln. Nicht gegen Geld, sondern freiwillig in ihrer Freizeit. Jochen Röndigs hatte die Idee vor zweieinhalb Jahren auf seinem täglichen Fußmarsch zur Arbeit. „Ich habe immer wieder den gleichen Müll entdeckt, bis ich mir irgendwann dachte, dass ich ihn doch einfach aufsammeln kann, wenn ich eh dort entlanglaufe. Das ist doch viel sinnvoller, als die Straßenreinigung dahin zu schicken." Der 42-jährige Mathematiker kaufte sich einen Greifer und los ging’s.

„Andere sollen auch sehen , was hier liegt"

Gut vorbereitet: Bernhard Röndigs hat diesen Wagen gebaut, um den Müll beim Sammeln in Fächern sortieren zu können. Mit dem Greifer erleichtert er sich die Arbeit. Fotos: Melanie Wigger - © Melanie Wigger
Gut vorbereitet: Bernhard Röndigs hat diesen Wagen gebaut, um den Müll beim Sammeln in Fächern sortieren zu können. Mit dem Greifer erleichtert er sich die Arbeit. Fotos: Melanie Wigger (© Melanie Wigger)

Sein Vater, seit zwei Jahren im Ruhestand, übernahm die Idee: Etwa dreimal pro Woche macht er sich je eine Stunde auf die Suche. Auf alltäglichen Wegen, beispielsweise zum Einkaufen, nimmt er ebenfalls oft einen Beutel für den Müll mit. Für die längeren Strecken hat Bernhard Röndigs einen Hackenporsche mit Unterteilungen gebaut. So kann er beim Einsammeln schon sortieren: Restmüll, Flaschen, Kronkorken ... „Der Greifer ist unverzichtbar." Handschuhe hat Bernhard Röndigs ebenfalls mit dabei.

Akribisch suchen die beiden Beete, Sträucher und Gräben an der Bahnhofstraße ab. Bei fast jedem Schritt gibt es etwas zu entdecken. Und wenn es nur ein Zigarettenstummel ist – und davon gibt es reichlich.

Hoffnung: „Wo nichts liegt, wird auch nichts hingeschmissen."

Im Netz sei das Kippensammeln sogar gerade ein Trend, erklärt Jochen Röndigs. „Man versucht eine Flasche damit zu füllen und fotografiert diese, um die Sammlung anderen zu zeigen." Auch der 68-jährige Bernhard Röndigs fotografiert und postet seit einem Jahr den gefundenen Müll im sozialen Netzwerk Instagram. „Weil andere das auch sehen sollen, was hier liegt."

Tue Gutes und sprich darü-ber, sei hier Devise, erklärt sein Sohn. „Auf Instagram geht es ja eigentlich mehr um Selbstdarstellung – aber in diesem Fall ist das anders." Beide wollen sichtbar machen, wozu die Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit anderer Menschen führt.

Vater und Sohn: Bernhard und Jochen Röndigs - © Melanie Wigger
Vater und Sohn: Bernhard und Jochen Röndigs (© Melanie Wigger)

Jochen Röndigs zeigt seinen mehr als 1.000 Instagram-Followern nicht nur Fotos, sondern auch Videos, die er mit einer am Greifer montierten Minikamera beim Sammeln aufnimmt. Mit solchen Aufnahmen motivieren sich die sogenannten »Plogger« online gegenseitig. »Ploggen« (oder auch »Plogging«) ist ein Kunstwort aus Joggen und dem schwedischen »plocka upp«, das »aufheben« bedeutet. Doch joggen geht Bernhard Röndigs beim Sammeln nicht. „Das machen meine Knie nicht mehr mit", sagt der Rentner.

Er lässt sich Zeit und die braucht er auch. Denn nicht alles verschwindet so leicht im Müllbeutel wie die Kunststoff-Aluminium-Packung der Capri Sonne. Während diese auch nach Jahren wie neu aussieht, zerfallen andere Tüten in den Büschen zu kleinen Fetzen, sobald Röndigs mit dem Greifer an ihnen zieht. Eine Sisyphus-Arbeit, der er sich stellt, denn der Psychotherapeut im Ruhestand glaubt an einen längerfristigen Effekt. „Es gibt ja die Hypothese: Wo nichts liegt, wird auch nichts hingeschmissen." Zwar findet er an seinen gewohnten Routen immer wieder neuen Müll, doch ist jeder nachfolgende Weg nie so schlimm wie beim ersten Mal. Sei ein Ort jedoch erst einmal verdreckt, nehme das gedankenlose Verhalten der Menschen zu: „Wenn man sich die Autobahnauffahrten anguckt: Das ist natürlich enorm, was dort liegt. Aber da kann man natürlich als Privatperson nicht hingehen."

Alles, was er jedoch einsammeln kann, gibt er bei der Gemeinde ab. Es sei denn, die Fundstücke sprengen den Rahmen. Für einen 20-Liter-Kanister, zerbrochene Glasscheiben und eine Sonnenliege hat er schon im Rathaus angerufen. Im Brook habe er sogar einmal 21 Sektflaschen auf einmal gefunden.

Mit der Abfallberaterin Anke Ulonska hat er einen Deal gemacht. Für den Müll aus den öffentlichen Anlagen stiftet die Gemeinde die Säcke und übernimmt die Entsorgung. „Ein Einzelfall", kommentiert die Gemeinde, um das außergewöhnliche Engagement zu unterstützen.

Auch andere reagieren positiv, berichtet der Steinhagener. Nur einmal habe ihn ein Mann irritiert gefragt, ob er Strafstunden mache müsse, berichtet der Rentner, der früher in der JVA Brackwede therapiert hat. Ein anderes Mal habe ein Autofahrer angehalten, ihn gelobt und ihm zehn Euro als Belohnung angeboten. „Das habe ich natürlich abgelehnt. Ich mach das nicht, um Geld zu verdienen."

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