In Steinhagen gibt's zwei Therapeuten auf vier Beinen

Christiane Rux ist für die Annette-Schlichte-Steinhäger-Stiftung als tiergestützte Pädagogin im Einsatz. Was als Angebot für eine wenige Kinder startete, ist heute über die Grenzen Steinhagens bekannt

Birgit Nolte

Seit 2012 betreut Christiane Rux mit den Pferden Novelle (links) und Sir Barnaby das heilpädagogische Reiten in Brockhagen. - © Birgit Nolte
Seit 2012 betreut Christiane Rux mit den Pferden Novelle (links) und Sir Barnaby das heilpädagogische Reiten in Brockhagen. (© Birgit Nolte)

Steinhagen-Brockhagen. Christiane Rux weiß um die lindernde Wirkung von Pferden. Die 54-Jährige kennt Zeiten, in denen sie mit sich und ihrem Leben nicht ganz so glücklich war. Die sanften Vierbeiner haben ihr aus diesem Tal wieder herausgeholfen. Sicherlich ein wichtiger Grund dafür, warum sie mit Herz und Leidenschaft ihren Beruf rund ums heilpädagogische Reiten ausübt.

Dass Christiane Rux regelmäßig auf dem Gestüt Pfotenbach Kindern mit Förderbedarf helfen kann, geht auf Rainer Scharmann zurück. Der Geschäftsführer der Annette-Schlichte-Steinhäger-Stiftung stellt ihr 2012 aus Schlichte-Besitz das Pferd Novelle zur Verfügung. Die aufmerksame, mütterliche und gutmütige Westfalenstute steht hier nach wie vor im Stall. „Novelle ist eine Seele von Pferd", schwärmt Christiane Rux von ihrer Co.-Therapeutin. Relativ neu dazugekommen ist Sir Barnaby. „Der wird gerade von den Kindern und mir ausgebildet."

Denn wenn die Jungen und Mädchen zum Gestüt kommen, stehen die Pferde nicht etwa schon gestriegelt und gesattelt parat. Erst einmal geht es gemeinsam zur Weide, um die Vierbeiner abzuholen. „Auf dem Weg dahin erfahre ich von den Kindern schon im Gespräch, ob irgendetwas anliegt, ob sie vielleicht etwas belastet."

Kinder lernen am Pferd, Verantwortung zu übernehmen

Anschließend geht es zum Stall, wo die Pferde geputzt und für die Stunde vorbereitet werden. „Dabei ist nicht der springende Punkt, dass das Pferd sauber wird", erläutert Christiane Rux. „Vielmehr geht es darum, dass sich die Kinder auf das Pferd einstellen, Verantwortung übernehmen, sich auch zurücknehmen, ihre Kraft dosieren lernen. Novelle mag es nämlich überhaupt nicht, wenn sie zu fest gestriegelt wird."

Das Aufgurten übernimmt dann wieder die Expertin. „Dann wollen natürlich alle aufs Pferd", erzählt die Pädagogin schmunzeld. Teils klären die Kinder die Reihenfolge untereinander. Zur Not wählt auch mal der Vierbeiner aus. Christiane Rux schaltet sich dabei nur ein, wenn es nötig ist: „Wenn ein Kind sehr unruhig ist, darf es zuerst auf das Pferd, damit es sich entspannen kann, und ich achte natürlich darauf, dass am Ende alle mal auf den Pferderücken kommen."

Rituale führen zu Erfolgserlebnissen

Zum Schluss werden Novelle und Sir Barnaby wieder auf die Weide zurückgebracht. Davor gibt es aber noch ein Abschiedsritual: Die Kinder stellen sich rund 20 Meter von den Pferden entfernt in einer Reihe auf und rufen die Tiere. Damit die auch einen guten Grund haben, zu kommen, wedeln die Jungen und Mädchen mit Möhren und ähnlichen Leckerbissen. Diese und viele kleine Erfolgserlebnisse rund ums Pferd mehr führen dazu, dass unter anderem das Vertrauen und Selbstwertgefühl, die Gruppenfähigkeit, die Lern- und Leistungsbereitschaft, aber auch die Beweglichkeit und Schnelligkeit der Kinder gestärkt werden.

Inzwischen nutzen 16 Einrichtungen das Angebot

Für Christiane Rux ist ein weiterer Schlüssel auf diesem Weg, dass während der Reitstunden Regeln eingehalten werden. „Den Kindern soll klar sein, dass wir hier auf dem Gestüt zu Gast sind. Ein höflicher, wertschätzender Umgangston untereinander ist außerdem erwünscht. Darüber hinaus lernen die Jungen und Mädchen, dass Schreien für die Pferde unangenehm ist, weil die sehr empfindliche Ohren haben", nennt Christiane Rux, die über 30 Jahre Erfahrung in der tiergestützten Pädagogik und die C-Trainerlizenz hat, einige Beispiele.

Mit ein paar Kindern mit Förderbedarf aus der Brockhagener Kita Morgenstern hat das Projekt begonnen. Mittlerweile nutzen 16 verschiedene Institutionen im Umkreis von 20 Kilometern das Angebot. Rux arbeitet inzwischen 30 Stunden die Woche für die Annette-Schlichte-Steinhäger-Stiftung. Unterstützt wird die Harsewinklerin von einer Mini-Jobberin, zwei Praktikantinnen und bis zu 15 ehrenamtlichen Helfern, die bei Bedarf einspringen.

Die Pädagogin findet auch auf dem Fahrradsattel Entspannung

Damit Christiane Rux selbst mal entspannen kann, schwingt sie sich gerne auf ihr Mountainbike und radelt rund 50 Kilometer durch den Teutoburger Wald. Außerdem begeistert sie sich für Yoga, Musik, Holzarbeiten und ihren großen Garten, in dem der Rosenbusch genauso gedeiht wie das Gemüse.

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