Expertin im Interview: Darum sind so viele Menschen auf der Flucht

Ramona Lenz ist Referentin bei der Hilfsorganisation »medico international«. Am Montag, 16. September, erklärt sie in Steinhagen, warum derzeit so viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, wie noch nie.

Jonas Damme

In der afrikanischen Sahelzone am Rande der Sahara sind auch in diesen Tagen unzählige Männer, Frauen und Kinder auf dem Weg gen Norden. - © CCO Pixabay
In der afrikanischen Sahelzone am Rande der Sahara sind auch in diesen Tagen unzählige Männer, Frauen und Kinder auf dem Weg gen Norden. (© CCO Pixabay)

Können sie Leute verstehen, die sagen: Wir haben hier schon genug Probleme. Warum soll ich mich um den Rest der Welt kümmern?

Ramona Lenz: Für den Rest der Welt sind wir das Problem. Wir beuten weit von uns entfernt Rohstoffe aus, lassen Wälder roden und Kleinbauern vertreiben, um unsere Konsumbedürfnisse zu befriedigen. Unsere Kleidung wird zu Hungerlöhnen in den ärmsten Ländern der Welt produziert, unsere Rüstungsindustrie befeuert mit Waffenexporten Krisenherde und ein Verzicht auf Autofahren und Flugreisen ist für uns undenkbar. Dafür nehmen wir sogar den Klimawandel in Kauf, dessen verheerende Auswirkungen vor allem Menschen in anderen Teilen der Welt betreffen. Es geht also gar nicht in erster Linie darum, sich um irgendwas zu kümmern. Erstmal sollten wir all das unterlassen, was im Rest der Welt Schaden anrichtet und damit Fluchtursachen schafft.

Wie verändert sich die Stimmung in Deutschland? Sind die Menschen gleichgültig geworden?

Lenz: Kommt darauf an, über welche Menschen wir sprechen. Unter denjenigen, die eine Abschiebung in Kriegsgebiete wie Afghanistan fürchten müssen, herrscht beispielsweise eher Panik. Und diejenigen, die sie unterstützen, können nicht fassen, wie man mit diesen Menschen umgeht. Mit den Gleichgültigen habe ich in meiner Arbeit glücklicherweise wenig zu tun.

Sie sprachen es schon an, die Flüchtlingsfrage spaltet die Bevölkerung: Die einen helfen, die anderen lehnen sie ab. AfD und Co. gewinnen an Zustimmung. Wird es schwerer, die Menschen zu erreichen?

Lenz: Nein. Wir erreichen mit unserer Arbeit nach wie vor viele Menschen. Gerade im Angesicht von AfD und Co. finden sich sogar immer mehr, die bereit sind, sich den Herausforderungen der globalisierten Welt zu stellen und nach Wegen des Zusammenlebens jenseits nationalistischer Beschränktheiten zu suchen.

2019 kommen deutlich weniger Flüchtlinge nach Deutschland, als vor vier Jahren. Nach UN-Zahlen sind aber so viele Menschen auf der Flucht, wie noch nie. Wo bleiben die?

Lenz: Viele Menschen bleiben auf ihrer Flucht in Nordafrika oder der Sahelregion hängen, weil die EU dafür sorgt, dass der Schutz von Europas Grenzen immer weiter nach Afrika hineinverlagert wird. Dafür kooperiert sie mit diktatorischen Regimen und sogar mit Warlords wie in Libyen. Schätzungen zufolge sterben dadurch bei der Durchquerung der Sahara inzwischen mehr Menschen als auf dem Mittelmeer. Weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat im Übrigen die Türkei. Dort, vor den Toren Europas, leben vier Millionen Flüchtlinge. Und über sechs Millionen sind als Binnenvertriebene innerhalb des angrenzenden Syriens auf der Flucht.

Welche Rolle spielt Deutschland dabei?

Lenz: Die EU, und darin federführend unsere Bundeskanzlerin, hat vor drei Jahren mit der Türkei einen Deal gemacht: Ihr haltet die Flüchtlinge zurück und kriegt dafür Geld und Visa. Dass die Türkei ihrerseits die Grenze Richtung Syrien geschlossen hat, ist eine Folge dieser Politik. Sie hat dazu geführt, dass derzeit eine halbe Million Menschen in Idlib vor Bombardierungen und Regimeterror auf der Flucht sind, aber nicht wissen wohin. Ein Alptraum.

Was kann medico tun?

Lenz: In Syrien unterstützen wir die Zivilgesellschaft, die sowohl dem allgegenwärtigen Terror des Regimes als auch dem religiösen Extremismus standhält. Mit diesen zivilen Kräften arbeiten wir zusammen und stehen den Menschen auf der Flucht über die Nothilfe lokaler Partnerorganisationen zur Seite. Gleichzeitig fördern wir beispielsweise in Ländern Westafrikas die Selbstorganisation von Abgeschobenen, die für die Rechte von Migrantinnen und Migranten eintreten. Und auch in Mexiko und Haiti fördern wir Projekte, die Menschen auf der Flucht Zuflucht bieten und Würde zurückgeben.

Referentin Ramona Lenz. - © Ramona Lenz
Referentin Ramona Lenz. (© Ramona Lenz)

Hat sich Ihre persönliche Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Lenz: Meine Arbeit verändert sich permanent. Für uns relativ neu sind allerdings zunehmende Handlungsnotwendigkeiten innerhalb Europas und zwar in einem Ausmaß, das wir sonst nur aus so genannten Entwicklungsländern kennen. So haben wir vor einiger Zeit damit begonnen, Rechtsanwältinnen und Sozialarbeiterinnen zu unterstützen, die Flüchtlingen in Griechenland beistehen, die dort unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. Und phasenweise haben wir Menschen entlang der Balkanroute geholfen, die dort nach wie vor festsitzen und immer wieder brutal zurückgedrängt werden.

Die hauptsächlichen Fluchtgründe sind weitestgehend bekannt: Kriege, Repression, Katastrophen, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit. In der Diskussion wird oft unterschieden zwischen den »akzeptablen«, den Kriegsflüchtlingen, und den »inakzeptablen«, den Wirtschaftsflüchtlingen. Treffen Sie diese Unterscheidung ebenfalls?

Lenz: Unser langjähriger Partner Ousmane Diarra aus Mali, der selbst nach vielen Jahren aus Frankreich abgeschoben wurde, meinte einmal ebenso einfach wie treffend: „Ja, klar, gibt es in Afrika viele Wirtschaftsflüchtlinge. Sie fliehen vor einem ausbeuterischen Wirtschaftssystem."

Also nicht ...

Lenz: Genau wie er halte ich gerade angesichts eines Wirtschaftssystems, dass auf Ausbeutung beruht, nicht nur die Flucht vor Krieg und Terror für legitim, sondern auch die vor Hunger, Elend, Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Wir sollten aufhören, die Verzweifelten an unseren Grenzen zu sortieren, und uns lieber um Weltverhältnisse kümmern, die allen ein gutes Leben ermöglichen.

Was glauben Sie: Wird die Zahl der Flüchtlinge in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter steigen?

Lenz: Möglich. Davon am meisten betroffen sein werden aber vermutlich auch weiterhin Länder weit weg von Europa. Die größten Flüchtlingslager der Welt gibt es in Bangladesch, Kenia und Uganda.

Was können die Menschen in Steinhagen tun?

Lenz: Wir bei medico sind in globale Netzwerke eingebunden und arbeiten gemeinsam mit Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika an Veränderungen. Aber wenn man immer die ganz großen Räder drehen will, ist das oft eher lähmend. Ich bin sicher, es gibt auch in Steinhagen eine Menge zu tun. Es geht ja auch nicht nur um Flüchtlinge, sondern um alle in unserer Umgebung, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht teilhaben können am Reichtum dieser Gesellschaft. Wege finden, um Teilhabe zu ermöglichen, das geht auch in Steinhagen.

Info

Vortrag im Heimathaus

• Am Montag. 16. September, um 19.30 Uhr kommt Dr. Ramona Lenz auf Einladung der Begegnungsstätte Intercultur des Arbeitskreises Asyl ins Heimathaus. Der Titel ihres öffentlichen, kostenlosen Vortrages lautet »Fluchtursachen: Warum Menschen fliehen«. Derzeit sind nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR erstmals mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht.

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