„Großversuch an Menschen und Umwelt“: Experte warnt vor Strahlenbelastung durch 5G

Auf Einladung des Vereins zur Förderung der Umwelt- und Lebensqualität kommt Jörg Gutbier in den Ratssaal. Er erklärt das neue mobile Internet 5 G, das auch im Altkreis Einzug halten soll. Der Technikexperte befürchtet Gesundheitsrisiken.

Jonas Damme

Sendemasten senden Strahlen aus. Mancher Bürger hat Angst vor deren Folgen. - © CCO Pixabay
Sendemasten senden Strahlen aus. Mancher Bürger hat Angst vor deren Folgen. (© CCO Pixabay)

In einfachen Worten: Was ist 5G?

Jörg Gutbier: Ein weiterentwickelter Mobilfunkstandard. Industrie und Politik machen daraus aber ein sozio-technisches System der Überallverfügbarkeit und der Funkvernetzung von fast allem und allen. Und ein Versprechen auf Wirtschaftswachstum und eine rosarote Welt. 5G soll vor allem für das autonome Fahren und die total vernetzte Stadt installiert werden. Leider führt das zu mehr Elektrosmog, zunehmender Ressourcenvernichtung und Energieverschwendung, sowie durch BigData zu neuen Möglichkeiten der Kontrolle aller Bürger. Ob das jemand will, wird leider gar nicht erst gefragt.

Was unterscheidet es von der bisherigen Mobilfunktechnik?

Gutbier: 5G wird schneller und leistungsfähiger sein. Es werden und sollen höhere Frequenzen, größer Signalbandbreiten und neue Modulationen zur Anwendung kommen. Zur 5G-Technik wie sie jetzt nach der Frequenzversteigerung zur Anwendung kommen soll, gibt keine spezifische Forschung.

Und die fordern sie?

Gutbier: Das wäre absolut notwendig, weil wir wissen, dass unterschiedliche Techniken bei gleicher Leistung viel stärkere biologische Schäden zu Folge haben, beziehungsweise gleiche Effekte bei einem Bruchteil der Leistung auftreten können. Der Ausbau und die Anwendung von 5G ist damit ein echter Großversuch an Menschen und Umwelt, wie es auch Professor Grunwald vom Ausschuss für Technikfolgenabschätzung des Bundestages im Interview mit der Schwäbischen Zeitung formulierte.

Jörn Gutbier vom Verein "Diagnose:Funk" - © Gabriel Holom
Jörn Gutbier vom Verein "Diagnose:Funk" (© Gabriel Holom)

Derzeit wird darüber debattiert, dass 5G gefährlich sein könnte. Warum?

Gutbier: 5G wird nach den Plänen der Industrie und Politik zu einer weiteren Zunahme der Strahlenbelastung mit technischen Mikrowellen führen. Letzte Funklöcher und strahlungsarme Gebiete sollen verschwinden. Die Infrastruktur der dauerstrahlenden Sendeanlagen, auf die der einzelne keinen Zugriff hat, wird sich massiv verdichten. In den Städten sollen Laternenmasten und Verteilerkästen vor den Häusern mit Mobilfunksendern ausgestattet werden, die direkt in den Wohnungen strahlen. Dort wird sich die Strahlenbelastung massiv erhöhen.

Werden wir auch auf dem Land neue Masten bekommen?

Gutbier: Es ist von 800.000 neuen kommerziellen Anlagen die Rede. Kein Ausweichen mehr. Nirgendwo.

Sie sprechen über gefährliche Strahlen. Was ist denn wissenschaftlich belegbar und was ist Esoterik? Gibt es Studien?

Gutbier: Lustige Frage! Über die Hälfte der international verfügbaren Mobilfunkforschung zeigt, dass die Verwendung von Mikrowellenstrahlung ein hohes Schadenspotenzial besitzt. Das dokumentiert die Bundesregierung für die WHO im sogenannten EMF-Portal – das ist jedem Interessierten zugänglich. Künstliche elektromagnetische Felder können krank machen – Menschen, Pflanzen und Tiere sind betroffen.

Und solche Strahlen nutzen nur Handys?

Gutbier: Das gilt für alle bereits verwendeten Techniken, auch UMTS, WLAN und DECT. Die Mobilfunk-Strahlung ist von der WHO bereits 2011 als »möglicherweise Krebs erregend« eingestuft worden. Aktuelle Forschung bestätigt dies: Mobilfunkstrahlung ist in der Lage Krebs auszulösen und Krebs wächst schneller unter Mobilfunkeinfluss.

Gibt es überhaupt Alternativen?

Gutbier: Mit der gerade abgeschlossenen Frequenzversteigerung bestand eine Riesenchance, endlich das zu tun, was wir von diagnose:funk seit zehn Jahren an Alternativen und zur Vorsorge vorschlagen. Ein Mobilfunknetz für alle Anbieter und Nutzer anstelle von bis zu zwölf parallel betriebenen Mobilfunknetzen. Die Trennung der Indoor- und Outdoor-Versorgung zum Schutz der Wohnung vor ungewollter Einstrahlung. Mit jeder leistungsfähigeren Technik wären wir der Lage, die Strahlenbelastung zu senken anstelle sie durch ständigen, unkontrollierten Zubau zu erhöhen. Ab sofort ist zudem die Kommunikation mit Infrarot- und Lichttechnik für die Indoor-Anwendung verfügbar. Eine echte Alternative für das toxische WLAN – das zu wissen, halten wir vor allem im Schulkontext für wichtig.

Haben Sie ein Handy?

Gutbier:Jepp. Aber versuchen Sie erst gar nicht mich darauf zu erreichen, es ist meistens ausgeschaltet.

Was fordern Sie von den Mobilfunkanbietern?

Gutbier: Nachdenken. Sie sollten den tausendfachen Bürgerprotest endlich ernst nehmen und den Menschen keine Sendeanlagen mehr ungefragt und kompromisslos vor ihre Häuser setzen, während sie – wie die Telekom – gleichzeitig vor der Nutzung ihrer eigenen Router in den Wohnungen aus Gründen der fehlenden Haftpflichtversicherung warnt. Deren nicht selten skrupelloses Vorgehen in der Umsetzung ihrer Geschäftsinteressen sollte ein Ende haben.

Was macht die Bundesregierung, die dem Schutz der Bevölkerung verpflichtet ist, in Ihren Augen falsch?

GUTBIER: Würde die Politik die Industrie endlich zwingen, die genannten Punkte durch Verträge, Verordnungen und Gesetze umzusetzen, könnte sie eine eigenständige und positive Rolle einnehmen. Die Umsetzung der wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse unter Nutzung der besten Techniken könnte bei der Konzeption von leistungsfähigen Mobilfunknetzen nicht nur die Netzqualität für alle Nutzer dramatisch verbessern, sondern würde damit echte strahlenminimierende Konzepte quasi zu einem Abfallprodukt dieser Politik machen.

 

Steht Ihre Gruppe mit der Kritik allein oder fordern andere Ähnliches?

Gutbier: Der Protest ist weltweit. Hunderte unabhängige Wissenschaftler verfassen Aufrufe zum Schutz der Bevölkerung durch die Anwendung des Vorsorgeprinzips an die UN und die WHO.

Haben sie Beispiele?

Gutbier: Wissenschaftler der Abteilung Krebsforschung an der Medizinischen Universität Wien oder die AUVA Krankenversicherung in Österreich streiten für Vorsorge und Minimierung. Die Wissenschaftlervereinigung BioInitiative in den USA liefert umfangreiche, beunruhigende Meta-Analysen zum Thema und verlangt eine sofortige Umkehr in der Mobilfunkpolitik weltweit. Der BUND hat ein hervorragendes Positionspapier und deutliche Beschlüsse dazu gefasst.

Sie sind Architekt. Warum beschäftigen Sie sich eigentlich mit dem Thema und woher beziehen Sie Ihre Qualifikation?

Gutbier: Der Soziologe Ulrich Beck hat geschrieben, dass meist nur noch betroffene Bürger ein Interesse an der Wahrheit haben, weil sie keine Geschäftsinteressen bedienen müssen. In das Thema rutscht man häufig durch Betroffenheit – eigene oder die von Familienangehörigen und Freunden. Ich befasse mich seit 2005 mit Mobilfunk, habe viele Bücher, Fachliteratur und Studien gelesen, technische und medizinische Fortbildungen besucht und Diskurse mit Elektro- und Hochfrequenztechnikern sowie Rechtswissenschaftlern gesucht, mit Biologen, Neurowissenschaftlern, Krebsforscher gesprochen und natürlich sehr intensive Auseinandersetzungen um die richtigen Argumente und Interpretationen der vorliegenden wissenschaftlichen Fakten mit Behördenvertretern und natürlich auch Mobilfunkbetreibern geführt.

Info

Vortrag in Steinhagen

• Der Steinhagener Verein zur Förderung der Umwelt- und Lebensqualität, der ursprünglich aus dem A33-Rechtshilfefonds entstanden ist, will die Risiken der neuen Technologie künftig zu einem ihrer Kernthemen machen.
• Aus diesem Grund haben die Ehrenamtlichen Jörg Gutbier eingeladen. Er sitzt im Vorstand der Stuttgarter Bürgergruppe »diagnose:funk«, die sich auf die negativen Auswirkungen von Strahlung spezialisiert hat.
• Der Vortrag findet am kommenden Montag, 2. September, ab 19 Uhr im Ratssaal im Rathaus statt. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Anmeldung nicht erforderlich.

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