Der Mann hinter dem Mikro: Steinhagener coacht bekannte Stimmen

Jonas Damme

Auf Stimmenfang: Matthias Kratzenstein ist ständig auf der Suche nach guten Sprechern. Einer davon ist Schauspieler Bernd Moss, mit dem er das Solostück »Der Weg zum Glück« herausgebracht hat. Fotos: Jonas Damme - © Jonas Damme
Auf Stimmenfang: Matthias Kratzenstein ist ständig auf der Suche nach guten Sprechern. Einer davon ist Schauspieler Bernd Moss, mit dem er das Solostück »Der Weg zum Glück« herausgebracht hat. Fotos: Jonas Damme (© Jonas Damme)

Steinhagen. Haben Sie Game of Thrones geguckt? Die Serie mit der Drachenlady Daenerys, die die Männer das Fürchten lehrt? Dafür, dass Schauspielerin Emilia Clarke auf Deutsch gleichermaßen sexy wie auch gefährlich klingt, ist Synchronsprecherin Gabrielle Pietermann, verantwortlich – eine der Stimmen, mit der Matthias Kratzenstein arbeitet.

Der Steinhagener rekrutiert neue Sprecher für Werbung, Hörbuch und Film, ist Sprechertrainer und Wortregisseur. Am Theater, beim Film oder gelegentlich per Casting findet er Menschen, in der Regel gelernte Schauspieler, deren Stimmen wir dann hören, ohne zu wissen, wer dahinter steckt.

Mit Gabrielle Pietermann hat er allerdings nicht an der Fantasyserie gearbeitet, sondern am neuen TV-Streaming-Portal von Sat.1 und ProSieben. „Dieses gehauchte »Joyn«, das ist von uns", erläutert er im HK-Gespräch. Diese Stimmen aus dem Hintergrund sind es, mit denen der 59-Jährige sein Geld verdient. Als Berater der Düsseldorfer Agentur Marina Schramm arbeitet er indirekt für unzählige große Unternehmen: Neben L’Oreal, Dr. Oetker, Persil oder der Telekom gehören auch asiatische Firmen wie Huawei zu den Auftraggebern.

„Sehr schweres Handwerk"

Stellt sich die Frage: Ist es wirklich so schwierig, einen kleinen (Werbe-)Text einzusprechen? „Vor dem Mikrofon ist man nackt", sagt Kratzenstein. „Jede kleinste Unsicherheit zeigt sich in der Stimme." Vor allem deshalb seien Synchronisieren und Einsprechen ein „sehr schweres Handwerk". Gleichzeitig sei es ein harte Branche, in der man viel Kritik aushalten können muss. „Das ist nichts für Zartbesaitete."

Oft sei es auch seine Aufgabe, den Sprechern ihre lokalen Eigenarten abzugewöhnen. So lange, bis man zum Beispiel der Sprecherin des neuen Auto-Werbespots nicht mehr anhört, dass sie ursprünglich aus Thüringen stammt.

Vor Jahrzehnten ist der Sprechcoach über Umwege in diesem besonderen Metier gelandet. Vater Dieter Kratzenstein war Gemeindepfarrer in Brackwede. „Schon am Anfang war das gesprochene Wort ...", sagt der Steinhagener lächelnd. Darüber entwickelte der Sohn sein Interesse für Sprache und vor allem zur Musik. Nach einem Hörsturz kam er über diverse Jobs in der Medienbranche als Filmkomponist, Tonmeister oder Set-Aufnahmeleiter schließlich zum Stimmen-Casting.

„Netflix hat die Branche verändert"

Und der Arbeitsbereich ist nicht zu unterschätzen. „Ich glaube, dass viele Sprecher finanziell besser dastehen, als Schauspieler", so Kratzenstein. Ein Grund dafür, dass viele deutsche Schauspieler nebenbei auch ihre Stimme verleihen. Und seit wenigen Jahren gibt es noch mal deutlich mehr zu tun. „Netflix hat die Branche verändert. Heute muss unglaublich viel synchronisiert werden. Es gibt gar nicht genug Nachwuchs." Neben dem Brotberuf »Werbung« hat Kratzenstein schon an vielen Hörspielen und -büchern mitgearbeitet. Außerdem hat er mit Schweizer Kollegen eine Monologreihe für das Schauspielhaus Zürich als Hörstücke realisiert und verlegt, 2004 und 2007 gab es dafür den Deutschen Hörbuchpreis. Nimmt man Coachings und alle anderen Aufgaben dazu, schätzt er, schon 300 Hörspiele mitbetreut zu haben.

Die besonderen Arbeiten machen ihm auch noch nach Jahren viel Freude, so die Vertonung des Bühnenmonologs »Der Weg zum Glück« mit Schauspieler Bernd Moss. „Damals hat man mir gesagt, dass könnte man überhaupt nicht aufnehmen, heute wird es immer noch von Zeit zu Zeit im Radio gebracht." Ingrid Lausund, die Autorin des Monologs, kennt man heute übrigens vor allem unter dem Pseudonym Mizzi Meyer als Schöpferin des „Tatortreiniger".

Und wie geht es weiter? „Ich möchte mich mehr dem Live-Bereich widmen", so Kratzenstein. So plane er unter anderem ein musikalisch-literarisches Projekt mit dem vielfach ausgezeichneten Lyriker Jürgen Nendza, dessen Texte die Grundlage für Klangperformances mit Düsseldorfer Schauspielern darstellen werden. „Ich möchte Literatur zu den Menschen bringen."

Kinder-Projekte statt bekannter Marken

Fast noch wichtiger seien ihm aber die unterstützenden Coachings für Menschen in Sprechberufen oder solchen, die ihre Stimme oder - wie er sagt - "ihre stimmliche Identität" erst entdecken oder auch verfeinern möchten. Aus persönlichem Interesse bildet er sich daher kontinuierlich weiter und ist inzwischen auch zertifizierter Voice-Coach und AAP-Trainer.

Besonders gern arbeite er mit Kindern an performativen Texten. "Nachdem ich seit über 20 Jahren die jährlichen Sprechercastings der Hamburger Kinderagentur Hoeppel durchführe und den Branchenstandard durchaus kenne, freue ich mich immer wieder über die tollen Talente, die es auch an den Steinhagener Schulen gibt. Besonders gespannt bin ich zum Beispiel auf den kommenden Vorlesewettbewerb der sechsten Klassen am Gymnasium." Und auf weitere Projekte mit den „Vier Redezeichen": das sind vier Steinhagener Mädchen zwischen 9 und 13 Jahren, mit denen er seit 2019 - sofern es die Zeit erlaubt - kleine Live-Hörspiele einstudiert.

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