Nach Steinhagen geflüchtet: Erst Hilfeempfänger, jetzt Steuerzahler

Asyl: Seit 2015 kamen hunderttausende Schutz- und Arbeitssuchende in die BRD. Einige wurden anerkannt, andere abgeschoben, viele hängen noch immer in der Luft.

Jonas Damme

So kann es klappen: Asylbewerber Hayder Al-Shammari (vorne) und Rentner Jochen Bäumer (links) sind gute Freunde geworden. Kennengelernt haben sie sich über Wolfgang Groß. - © Jonas Damme
So kann es klappen: Asylbewerber Hayder Al-Shammari (vorne) und Rentner Jochen Bäumer (links) sind gute Freunde geworden. Kennengelernt haben sie sich über Wolfgang Groß. (© Jonas Damme)

Steinhagen. „Er steckte in der Mühle" - Formulierungen wie diese von Jochen Bäumer beschreiben, woran das Ankommen von Flüchtlingen in den vergangenen fünf Jahren oft gescheitert ist. Viele hunderttausend junge Männer kamen vor allem aus dem Nahen Osten oder Afrika nach Deutschland. Viele stecken noch heute in der »Mühle« der Bürokratie und wissen nicht, wie es weiter geht. „Daraus resultiert doch die Unlust", die sich beim manchem ausmachen lasse, sagt der 68-Jährige.

An der Freundschaft zwischen dem Steinhagener Rentner und dem 22-jährigen Hayder Al-Shammari lässt sich zeigen, welches Potenzial in den Asylbewerbern steckt, aber auch, wo die Gesellschaft zu scheitern droht.

Vor drei Jahren kam der junge Iraker nach Deutschland. In seiner Heimatstadt Kut fühlte er sich nicht mehr sicher. Er stellte einen Asylantrag, der zog sich und läuft noch heute – wie bei vielen anderen auch. Sein Bleiberecht ist unsicher.

„Wusste nie, wie lange ich noch bleiben kann"

Obwohl der junge Mann durchaus Glück hatte, in Steinhagen gelandet zu sein, drohte er im Übergangswohnheim in der Perspektivlosigkeit zu versinken. „Am Anfang war er ein ziemlich wilder Vogel", beschreibt Wolfgang Groß, der vielen Geflüchteten hilft, seinen ersten Eindruck. „Damals hatte ich viel Stress", bestätigt der junge Mann. „Weil ich nie wusste, wie lange ich in Deutschland bleiben kann."

Al-Shammaris zweites Glück: Es fand sich jemand, der den jungen Mann unter seine Fittiche nahm. Und so konnte der damals 19-Jährige beginnen, sein Potenzial zu entfalten.

„Ich habe viele Deutschkurse gemacht", erzählt er. Zusätzlich zu den behördlich organisierten Sprachkursen begann er mit Jochen Bäumer mehrfach die Woche zu pauken. Den 68-Jährigen hatte er bei einem der offenen internationalen Stammtische in Dünyas Brasserie am Marktplatz kennengelernt. Mittlerweile spricht Al-Shammari fließend und versteht fast alles, auch deutsch Lesen und Schreiben sind kein großes Problem mehr.

Ebenso wichtig wie die Sprache war allerdings der soziale Kontakt, wie Al-Shammari und Bäumer rückblickend berichten. „Wenn man allein ist, muss man einfach ein Gespann haben", formuliert es der Asylbewerber. Und im Gespann ging es dann drei Jahre lang stetig aufwärts.

Der nächste Schritt: eine berufliche Perspektive

Dazu gehörte ganz klar, dass der junge Mann sich einbringen konnte. „Es gab eine Veranstaltung, bei der die Gemeinde fragte: Was könnt ihr tun?", berichtet Al-Shammari. „Da habe ich gesagt: Mein Hobby ist Schwimmen." Es wurde also ein Treffen mit dem DLRG vereinbart und man wurde sich schnell einig. Hayder Al-Shammari machte den Ersthelfer- und einige andere Kurse. Seit fast einem Jahr gibt er nun im Hallenbad ehrenamtlich Schwimmunterricht für Kinder. Demnächst will er noch einen Kurs für Kinder geflüchteter Eltern organisieren.

Der nächste Schritt steht nun an: eine berufliche Perspektive. Ab August startet seine Ausbildung als Süßwarentechnologe beim Haller Unternehmen Storck. Eine große Leistung, denn für viele Flüchtlinge ist es schwer, Arbeit zu finden, auch weil ihnen das Bundesamt für Migration oft einen Strich durch die Rechnung macht. Al-Shammari überzeugte offenbar mit den Qualitäten, di er bereits als Produktionshelfer zeigte. „Er hat die deutschen Tugenden: Er ist fleißig, pünktlich, korrekt", lobt Jochen Bäumer, der sich freut, dass seine vielen Stunden Nachhilfe und anderer Unterstützung nicht umsonst gewesen sind.

Drei Jahre lang verschafft die Stelle dem Asylbewerber eine Ausbildungsduldung. Endgültig sicher, dass er in Deutschland bleiben darf, kann Al-Shammari aber auch danach nicht sein.

Trotz der nicht ganz einfachen Rahmenbedingungen will das ungleiche Gespann weitermachen. Für beide ist aus der Patenschaft mittlerweile eine „sehr, sehr gute Freundschaft" geworden. Schon oft waren sie gemeinsam in der Region unterwegs und haben sich das Kaiser-Willem-Denkmal, die Externsteine oder einfach den Tierpark Olderdissen angeschaut. Auch mit Bäumers Söhnen ist der 22-Jährige unterwegs, zum Beispiel zum gemeinsamen Hobby Fußball: „Wenn Arminia ein Heimspiel hat, dann sind wir immer dabei."

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.