Jeder Zehnte ist überschuldet: Hier bekommen Steinhagener Hilfe

Weil die Hilfe gebraucht wird: Andrea Nawrocki und Wolfgang Langner unterstützen künftig die Schuldner-, Insolvenz- und die Flüchtlingsberatung. Bedarf gibt es reichlich

Jonas Damme

Verstärken die Teams: Wolfgang Langner berät künftig Menschen, die von ihren Schulden erdrückt werden. Andrea Nawrocki rückt bei der Flüchtlingsberatung nach. - © Jonas Damme
Verstärken die Teams: Wolfgang Langner berät künftig Menschen, die von ihren Schulden erdrückt werden. Andrea Nawrocki rückt bei der Flüchtlingsberatung nach. (© Jonas Damme)

Steinhagen. Armut ist keine Voraussetzung dafür, in die »Schuldenfalle« zu geraten, erklärt Wolfgang Langner nun beim kleinen Pressetermin. Der Steinhagener Flüchtlingsberater hat ein neues Betätigungsfeld gefunden und unterstützt künftig das Team der Schuldnerberatung der Diakonie. Andrea Nawrocki wird neue Flüchtlingsberaterin.

Was es braucht, um Schulden anzuhäufen, das lernte Langer bereits in mehreren Fortbildungen zum Thema. „Im Prinzip gibt es nur drei Hauptgründe", beschreibt seine erfahrene Kollegin Karin Kleinert. „Der Verlust der Arbeit, eine Trennung oder eine Krankheit." Wie es vor dem Lebenseinschnitt aussah, ist fast egal. „Wir haben schon Leute mit mehr als 6.000 Euro netto im Monat gehabt, andere kommen mit ALG II sehr gut klar."

Auch Menschen, die eigentlich finanziell gut aufgestellt sind, rutschten immer wieder ins Minus. Zum Beispiel wenn der Kredit vom Hausbau oder vom teuren Neuwagen nicht mehr regelmäßig bedient werden könne.

Rund 300 Neufälle im Jahr

Wenn das Leben dann erst außer Kontrolle geraten sei, käme es regelmäßig vor, dass Menschen die Kontrolle über ihre Bankkonten verlören. „Oft braucht es erst einen großen Leidensdruck, damit die Menschen bei uns anrufen", sagt Langner. In anderen Fällen rufe gar nicht der Verschuldete selbst an, sondern ein enger Freund oder Verwandter.

Wenn es dann soweit ist, besteht die Aufgabe der Berater darin, Wege aus der Krise aufzuzeigen. „Sich zu stellen ist bereits der erste Schritt", so der Berater. „Dann wird erstmal alles geordnet. Als nächstes kontaktieren wir diejenigen, die die Forderungen haben."

Oft sei es auch sinnvoll ein pfändungssicheres Konto einzurichten. Da käme es der Schuldner- und Insolvenzberatung zu Gute, dass sie eine offiziell anerkannte Stelle ist. Wenn die Situation erst einmal in kontrollierten Bahnen verlaufe, könne man langfristig arbeiten. „Dann kann man einen Plan machen. Aber mit Schulden ist es wie mit einer Diät, runter dauert genauso lange wie rauf", weiß Karin Kleinert aus langjähriger Erfahrung. „Manche müssen auch lernen, mit ihren Schulden zu leben, dann aber sicher." Sicherheit sei ein zentrales Thema, bestätigt auch Wolfgang Langner. „Inkassofirmen drohen gerne", sagt der Berater. „Dann müssen wir den Menschen die Angst nehmen."

Rund 300 Neufälle im Jahr müssen die Schuldnerberater, die für den Altkreis Halle und Harsewinkel zuständig sein, bearbeiten. Dazu kommen viele Langzeitschuldner.

Unter 25-Jährige haben oft Handyschulden

Die Zahl der Haushalte, die offene Rechnungen nicht mehr begleichen können, nimmt seit vielen Jahren zu. Eine Trendumkehr ist nach Experteneinschätzung nicht zu erwarten. Rund jeder zehnte Erwachsene in NRW war 2018 »überschuldet«, konnte also seine Verbindlichkeiten nicht mehr decken (Quelle: Schuldneratlas), das entspricht dem Bundesdurchschnitt. Die durchschnittliche Schuldenhöhe je Einwohner liegt in NRW bei rund 8.000 Euro, sie steigt aber mit dem Alter. Bei der Altersgruppe über 65 liegt der Durchschnitt bereits bei knapp 44.000 Euro.

Mit fast 60 Prozent ist die öffentliche Hand (inklusive Finanzamt) der häufigste Gläubiger. Rund 50 Prozent der Schuldner haben außerdem Verpflichtungen gegenüber Kreditinstituten, mehr als ein Viertel sind auch bei dem Versandhandel, etwa genauso viele bei Inkassobüros in der Pflicht. Bei den unter 25-Jährigen sind Schulden beim Handyanbieter sehr häufig.

Zwar würden sich bei ihnen in den vergangenen Jahren nicht sehr viel mehr Überschuldete melden, „aber die Fälle werden komplizierter", erklärt Katrin Kleinert. „Wir müssen heute deutlich mehr recherchieren." Zum Teil sei es echte „Detektivarbeit" zusammen mit den Klienten herauszufinden, wo diese überall Schulden hätten. Eine Garantie auf Erfolg bieten die Schuldnerberater allerdings nicht. „Es gibt viele Abbrecher", so Kleinert. Allerdings sei aus Sicht der Berater schon der erste Anruf ein Erfolg für sich.

Die Schuldnerberatung ist erreichbar unter ` (0 52 01) 1 84 88. Sprechstunden nach Anmeldung finden immer montagnachmittags statt.

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