Cybermobbing, ein Spiegel der Gesellschaft

Immer früher nutzen Kinder Smartphones – und damit auch Nachrichtendienste. Doch mit der schnellen Kommunikation kommt auch die schnelle Möglichkeit zu beleidigen, zu verletzen und auszugrenzen. Wie ist die Situation an den hiesigen Schulen?

Sonja Faulhaber

Cybermobbing: Eine Beleidigung ist schnell ins Netz gestellt. - © Karolina Grabowska auf Pixabay
Cybermobbing: Eine Beleidigung ist schnell ins Netz gestellt. (© Karolina Grabowska auf Pixabay)

Steinhagen. Ein Leben ohne moderne Medien ist für die meisten Kinder heutzutage unvorstellbar. Das Tablet ist schnell bei der Hand, um sich zu informieren oder zu spielen und über das Smartphone wird der Kontakt zu Freunden gehalten. Schnell, praktisch, ohne großen Aufwand – die Technik hat viele Vorteile. Aber auch Schattenseiten, die man nicht ignorieren darf. Eine der schlimmsten Folgen von Nachrichtendiensten wie WhatsApp und Co. ist die Leichtigkeit, mit der man andere verletzen kann, ohne die Reaktion des Gegenüber sehen zu müssen. Daher nimmt seit Jahren die Zahl von Cybermobbing und Hatespeech (Hassbotschaften im Netz) zu. Ein Problem, das auch an den Steinhagener Schulen nicht unbekannt ist. Doch wie verbreitet ist das Problem hier auf dem – vermeintlich – beschaulichen Land? Und wie gehen die Schulen damit um? Das Haller Kreisblatt hat nachgefragt.

Grundschulen

Eine Nachfrage an den vier gemeindlichen Grundschulen hat gezeigt, dass Handys und Nachrichtendienste hier zwar nicht unbekannt sind, aber Probleme gibt es nur selten. Je älter die Kinder, desto eher findet sich ein Smartphone in ihrem Besitz (siehe Info-Kasten). Die Erfahrungen der Schulen sind breit gestreut. So berichten zum Beispiel Sybille Hageresch (Grundschule Laukshof) und Barbara Kolz (Grundschule Steinhagen), dass es bei ihnen noch keine gravierenden Probleme gebe. Die Handys bleiben in der Tasche. Der richtige Umgang mit Cybermobbing wird trotzdem im Rahmen von Aktionen, wie zum Beispiel dem Computerpass an der Grundschule Laukshof thematisiert.

Info

Jeder dritte Jugendliche hat Erfahrung mit Cybermobbing

• Laut der JIM-Studie (Jugend, Internet, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest von 2018 hat ein Drittel der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren mindestens einen Fall von Cybermobbing im Bekanntenkreis mitbekommen. Acht Prozent waren selbst betroffen.
• Jeder fünfte Jugendliche gibt an, häufiger mit Hassbotschaften im Netz in Kontakt gekommen zu sein. 17 Prozent begegnen gelegentlich Feindseligkeiten im Netz und 28 Prozent passiert dies selten. Gut jeder Dritte ist bisher noch nie mit Hass im Internet konfrontiert worden.
• Wie jung die Kinder sind, die täglich online gehen, das zeigt unter anderem die KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien) des mpfs. Die aktuelle Fassung ist 2016 erschienen. Zur dieser Zeit besaßen 32 Prozent der 6 bis 13-Jährigen ein eigenes Smartphone.
• Mädchen haben laut der Studie etwas häufiger als Jungen ein eigenes Handy oder Smartphone. Je älter die Kinder werden, umso mehr haben ein Handy. Während bei den Sechs- bis Siebenjährigen nur zwölf Prozent ein eigenes Mobiltelefon besitzen, sind es bei den Zwölf- bis 13-Jährigen schon 80 Prozent.

Susanne Kordes (Grundschule Brockhagen) dagegen hat von Eltern bereits Rückmeldungen gehabt, dass es in der Freizeit zu Problemen gekommen sei. „Seit zwei, drei Jahren wird das immer mehr Thema", so Kordes. „Die Kinder sind oft viel selbstständiger im Internet unterwegs, als ihre Eltern sich das vorstellen können." Ein Problem sieht die Schulleiterin deswegen aber noch nicht.

An der Grundschule Amshausen herrscht ebenfalls Handyverbot. Trotzdem kam es im vergangenen Jahr zu einem Fall, bei dem zwei Kinder sich nachmittags per WhatsApp in einen wahren Hasskrieg hineinsteigerten. Das fiel dann natürlich auch irgendwann in der Schule auf. „Ich habe mich da sofort persönlich eingeschaltet und die beiden zum Gespräch gebeten", erzählt Schulleiterin Annette Hellmann. Ihr Credo: „Nicht weggucken, sondern konsequent reagieren." In ihrem Fall führte das schnell zum »Kriegsende«. „Und seitdem herrscht Ruhe."

Realschule

Für Realschulleiter Frank Kahrau ist Cybermobbing über Nachrichtendienste ein trauriges Spiegelbild unserer Gesellschaft, in der es akzeptabel ist, dass im Fernsehen und in Sozialen Medien über Dritte gelästert wird, ohne dass diese sich wehren können. Eine Entwicklung, der die Realschule möglichst früh entgegenwirken möchte. „Die Kinder müssen wieder lernen, vernünftig miteinander umzugehen", so Kahrau. Daher gibt es zum Beispiel Lurse im Sozialen Lernen. Sollte es doch einmal zum Cybermobbing kommen, was natürlich auch hier, wie an jeder anderen Schule im Land, passiert, sehen die Lehrer nicht weg sondern handeln. Erste Ansprechpartner sind Silvia Liebich und Benjamin Külbel, die sich zu Cybermobbing-Ansprechpartnern haben fortbilden lassen. „Gut ist, dass die Kinder oft vertrauen zu uns haben und mit uns sprechen", betont Kahrau. Denn Cybermobbing geschieht hauptsächlich im privaten Bereich und schwappt dann in die Schule rüber.

Hier versuchen Lehrer gemeinsam mit Eltern und Schülern Probleme zu lösen – „von Angesicht zu Angesicht", so Kahrau. Besonders Mädchen seien viel in Sozialen Medien unterwegs. Da komme es schon mal häufiger zu Fällen von Beleidigungen. Wenn Frank Kahrau sich etwas wünschen könnte, dann, „dass mehr Kontrolle durch die Eltern stattfindet. Keineswegs generelles Misstrauen, aber Kontrolle." Denn oftmals seien diese völlig überrascht, wenn die Schule sie zum Gespräch einlädt und ihnen Screenshots von ausgearteten Konversationen zeigt.

Gymnasium

„Wir erleben zwar Klagen über Beleidigungen, aber kein gezieltes Cybermobbing", fasst Schulleiter Stefan Binder die Situation an seiner Schule zusammen. Außerhalb der Schule sei das Handy ein wichtiges Kommunikationsmedium für die Schüler. In der Schule selbst herrscht absolutes Handyverbot. Besonders wenn jemand filmt oder fotografiert greift die Schule hart durch. Auch das Gymnasium setzt den Schwerpunkt auf die Prävention. Es gibt Aufklärungsabende und das Fach Soziales Lernen. Dabei sei es besonders wichtig, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Der richtige Weg, wie Kahrau betont, denn „viele unserer Schüler suchen Hilfe, wenn sie Probleme wie Cybermobbing in ihrem Umfeld erkennen. Sie können richtig von falsch unterscheiden und setzen sich für andere ein."

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