Darum pfeift Steinhagen auf die Stadtrechte

Außenseiterrolle: Der Altkreis Halle feiert »300 Jahre Stadtrechte«. Der ganze Altkreis? Nein. Eine gar nicht mal so kleine Gemeinde feiert nicht mit. Findet das aber gar nicht schlimm

Frank Jasper

Bürgermeister Klaus Besser - © Frank Jasper
Bürgermeister Klaus Besser (© Frank Jasper)

Steinhagen. Wenn in diesem Jahr Halle, Werther, Versmold und Borgholzhausen 300 Jahre Stadtrechte feiern, bleibt Steinhagen außen vor. Denn Steinhagen ist keine Stadt, sondern eine Gemeinde. Immer noch. Kein Grund, Trübsal zu blasen, da sind sich die Steinhagener einig.

Denn tatsächlich gibt es in Steinhagen keine Bestrebungen, etwas am Gemeindestatus zu ändern. Möglich wäre das durchaus. Steinhagen hat genug Einwohner und erfüllt damit die entscheidende Bedingung, um die Stadtrechte zu beantragen. „Wir haben drei Jahre hintereinander mehr als 20.000 Einwohner gehabt. Aktuell leben 20.673 Menschen hier", erläutert Bürgermeister Klaus Besser. Trotzdem will die Gemeinde eine Gemeinde bleiben.

Der Bürgermeister sieht die Angelegenheit pragmatisch: „Der Status »Stadt« würde uns keinen finanziellen Vorteil bieten. Es gibt dadurch keine Zuschüsse. Nachteile würden mit einer Änderung allerdings auch nicht einhergehen", sagt Klaus Besser, um dann doch darauf hinzuweisen, dass natürlich Ortseingangsschilder und Briefköpfe geändert werden müssten. Ein Festakt wäre wohl ebenfalls angebracht. All das würde dann schon Geld kosten.

Rechtlich betrachtet dürfte Steinhagen als Stadt eine eigene Untere Bauaufsichtsbehörde und ein eigenes Jugendamt einführen. „Wir müssten am Rathaus anbauen und mehr Fachpersonal anstellen. Auch das würde Geld kosten", gibt Bürgermeister Besser zu bedenken. „Nebenbei bemerkt: Die anderen vier Altkreiskommunen haben diese Ämter auch nicht und lassen diese Bereiche von der Kreisverwaltung betreuen." Bleibt das Argument, wonach der Begriff »Stadt« einen vermeintlich stolzeren, selbstbewussteren Klang habe als »Gemeinde« und sich Steinhagen als Stadt mit den anderen Altkreiskommunen auf eine Stufe stellen würde.

Doch momentan sehen die Steinhagener in ihrer Außenseiterrolle eher Vorteile. Etwa im Marketing. „Wir sind die einzige Gemeinde im Altkreis Halle und das größte Dorf im Kreis Gütersloh", stellt Klaus Besser schmunzelnd fest. Beide Begriffe – Gemeinde und Dorf – mögen in manchen Ohren provinziell klingen. Doch Steinhagens Bürgermeister widerspricht: „Sie klingen nach Heimat. An dem Begriff Dorf kann ich nichts nachteiliges finden. Wenn ich zum Einkaufen in den Ortskern fahre, dann sage ich selber: Ich fahr’ ins Dorf."

Steinhagen kam nicht in die engere Wahl

Doch warum wurden vor 300 Jahren Halle, Werther, Versmold und Borgholzhausen zu Städten ernannt, Steinhagen aber nicht? Laut dem Historiker Dr. Rolf Westheider fehlte Steinhagen zu jener Zeit die Infrastruktur, die bereits als Grundlage für eine Stadt hätte dienen können. „Steinhagen besaß damals keine eigene staatliche Prüfanstalt für Leinen (Legge) und hatte zu dieser Zeit trotz Dorfkirche einfach noch nicht das Erscheinungsbild eines urbanen Raums (Weichbild)", erklärt Westheider. Darum sei Steinhagen gar nicht erst in die Auswahl gekommen, eine Stadt zu werden.

Das musste Steinhagen in der Folge nicht zum Nachteil gereichen. Im Gegenteil. Denn König Friedrich Wilhelm I. verfolgte vor 300 Jahren mit der Erhebung einiger Orte zu Städten vor allem ein Ziel: Er wollte die staatlichen Einnahmen erhöhen. In den neuen Städten führte er die Akzise ein, eine Form der Steuer. „Es ging um Geld", bringt es Klaus Besser auf den Punkt. Von einer städtischen Selbstverwaltung konnte trotzdem keine Rede sein. Vielmehr unterstanden die Städte fortan einem städtischen Beamten und einem Magistrat, die direkt der Landesverwaltung zugeordnet waren.

Die Gemeinde Steinhagen entwickelte sich in den Folgejahren auch ohne Stadtrechte überaus schnell. Die ältesten vorliegenden Bevölkerungszahlen für Steinhagen stammen aus dem Jahr 1818, also knapp hundert Jahre nach der Entscheidung von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., Halle, Werther, Versmold und Borgholzhausen zu Städten zu erklärten. Vergleicht man die Zahlen, stellt sich heraus, dass Steinhagen hundert Jahre später sogar der Ort mit den meisten Einwohnern war. 1.589 Menschen lebten 1818 in Steinhagen, ohne die Ortsteile Brockhagen und Amshausen dazuzurechnen. Die Stadt Werther hatte im selben Jahr 1.362, Versmold 1.243, Borgholzhausen nur 1.080, und Halle war mit 1.070 Einwohnern die kleinste Stadt.

„Steinhagen ist dank seines Leinengewerbes und der Möbelindustrie schnell gewachsen", erklärt Bürgermeister Klaus Besser, „später kamen noch die Schnapsbrennereien hinzu, die Steinhagens wirtschaftlichen Aufschwung befeuerten." Steinhagen ist folglich ähnlich wie Spenge und Schildesche ein gutes Beispiel dafür, dass wirtschaftliche Prosperität und Bevölkerungszuwachs auch ohne Stadtrechte erreicht werden konnten.

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