NS-Fotoausstellung in Steinhagen sorgt für Kontroverse

Haupt- und Finanzausschuss: Die CDU versucht eine Fotoausstellung über das Dritte Reich in Steinhagen zu verhindern. Die Grünen macht die Argumentation „sprachlos“. Dr. Jürgen Büschenfeld kann die Ausstellung nicht federführend koordinieren

Jonas Damme

Manchmal täuscht der erste Eindruck: Auf diesem Bild von der Einweihung des Sportplatzes an der Gaststätte »Drei Linden« im Jahr 1934 ist Bürgermeister Gustav Cronsholl am Rednerpult mit Hakenkreuzfahne zu sehen. Doch anders als dieses Bild vielleicht auf den ersten Blick andeutet, war Gustav Cronsholl ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. Er wollte nicht der NSDAP beitreten. Da er in 20 Jahren als Gemeindevorsteher jedoch viel Vertrauen aufgebaut hatte, konnten ihn die Nazis politisch zunächst nicht übergehen, er führte seine Amtsgeschäfte dementsprechend fort. Erst 1936 legte er wegen weiter zunehmenden Unstimmigkeiten mit den Vertretern der NSDAP und erhöhtem Druck durch diese sein Amt als Gemeindevorsteher nieder. Foto: Gemeindearchiv Steinhagen - © Privat
Manchmal täuscht der erste Eindruck: Auf diesem Bild von der Einweihung des Sportplatzes an der Gaststätte »Drei Linden« im Jahr 1934 ist Bürgermeister Gustav Cronsholl am Rednerpult mit Hakenkreuzfahne zu sehen. Doch anders als dieses Bild vielleicht auf den ersten Blick andeutet, war Gustav Cronsholl ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. Er wollte nicht der NSDAP beitreten. Da er in 20 Jahren als Gemeindevorsteher jedoch viel Vertrauen aufgebaut hatte, konnten ihn die Nazis politisch zunächst nicht übergehen, er führte seine Amtsgeschäfte dementsprechend fort. Erst 1936 legte er wegen weiter zunehmenden Unstimmigkeiten mit den Vertretern der NSDAP und erhöhtem Druck durch diese sein Amt als Gemeindevorsteher nieder. Foto: Gemeindearchiv Steinhagen (© Privat)

Steinhagen. Dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Steinhagen und Brockhagen auch nach mehr als 70 Jahren noch kein einfaches Thema ist, zeigte die Debatte am Mittwochabend im Ratssaal. Die SPD hatte zuvor beantragt, ergänzend zu dem Buch des Bielefelder Historikers Dr. Jürgen Büschenfeld »Steinhagen im Nationalsozialismus« eine Ausstellung zu organisieren. Darin sollen vor allem historische Fotos gezeigt werden, die Büschenfeld im Rahmen seiner Forschung aus Archiven zusammen getragen hat.

Wie Herbert Mikoteit (CDU) erläuterte, hatte der Antrag innerhalb seiner Fraktion eine „lange und intensive" Diskussion ausgelöst. Im Ausschuss beschrieb er nun das Ergebnis dieser Debatte: Man sei der Meinung, „dass die Aufarbeitung der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 sehr wichtig" sei, um daraus zu lernen. Man habe sich trotzdem erneut (bereits als es 2014 erstmals darum ging, die NS-Zeit aufzurollen, stimmte die CDU dagegen) dagegen entschieden, weil man nach wie vor befürchte, dass „durch Namensnennungen bestehende Nachbarschaften auseinanderbrechen" könnten und das „Nachfahren in Sippenhaft genommen" würden.

Herbert Mikoteit stellte auch die offene Frage in den Raum, was denn die Anwesenden gemacht hätten, wenn ihr Familienname im Buch oder der geplanten Ausstellung auftauchen würde. Außerdem befürchte er, dass die Ausstellung zu wenig Raum für eine konstruktive, ausgewogene Debatte lasse. In der Summe habe sich die CDU deshalb entschieden, abermals gegen das Aufarbeitungsprojekt zu stimmen.

SPD-Antrag setzt sich mit neun zu vier Stimmen durch

Sabine Godejohann (SPD) widersprach der CDU-Darstellung mit deutlichen Worten. „Es geht niemals darum, Schuld aufzurechnen, aber ihre Argumentation verbietet jede Form von Aufarbeitung. Man kann nicht nur die, die es gut gemacht haben, bejubeln und die anderen verschweigen." Die Ausstellung wäre der bestmögliche Raum für Gespräche, Historiker Büschenfeld sollte auf jeden Fall beteiligt werden. Detlef Gohr (Grüne) wurde noch deutlicher. „Ich bin über ihre Argumentation sprachlos. Das verbietet geradezu jede Form von Aufarbeitung." Einzig Silke Wehmeier (FDP) konnte beide Positionen nachvollziehen. Auch sie habe kontrovers diskutieren müssen. Gerade in der heutigen Zeit würden die Dinge oft wieder in „schwarz und weiß, gut und böse" geteilt. Es sei wichtig, sensibel an das Thema heranzugehen, trotzdem werde sie dem Antrag zur Ausstellung zustimmen.

Wie die Ausschussdebatte ausgehen würde, ließ sich trotz aller Kontroverse schon zu Beginn absehen. Und so kam es dann auch: Mit neun zu vier Stimmen setzte sich der SPD-Antrag entsprechend der Mehrheiten im Gemeinderat durch. Die Ausstellung soll im kommenden Jahr organisiert werden. Allerdings warf Kulturamtsleiterin Gabriele Schneegaß bereits ein, dass es möglicherweise nötig sein wird, Archive erneut aufzusuchen, um Fotos in besserer Qualität anzufertigen. Außerdem sei der Zeitplan von Jürgen Büschenfeld sehr eng. Wie Gemeindearchivarin Petra Holländer gestern mitteilte, habe ein Gespräch mit Jürgen Büschenfeld ergeben, dass dieser bei der Ausstellung zwar gerne beratend dabei sein würde, aber nicht federführend die Organisation übernehmen kann. Daher muss nun erst einmal ein Team gebildet werden, dass die Ausstellung koordiniert.

Das Buch »Steinhagen im Nationalsozialismus – Ländliche Gesellschaft im Gleichschritt« ist im Verlag für Regionalgeschichte erschienen und ab sofort für 19 Euro im Rathaus und im Buchhandel erhältlich.

Jonas Damme - © Nicole Donath, HK
Jonas Damme (© Nicole Donath, HK)


Kommentar: Keine falsche Rücksichtnahme

von Jonas Damme

Ich würde nicht lesen wollen, dass meine Großeltern sich im Nationalsozialismus etwas zu Schulden kommen lassen haben. Aber ich weiß, dass mein Großvater gedient hat und ich habe mit ihm seinerzeit auch darüber gesprochen. Das war nicht immer einfach. Aufarbeitung ist unangenehm und kann zu Streit führen. Sie aber unter dem Deckmantel der Rücksichtnahme zu unterlassen, bedeutet, das Geschehene einschließlich aller Gräueltaten zu vergessen. Auch wenn wir nicht dabei waren und nicht ermessen können, wie es damals war, haben wir doch das Recht und ich glaube sogar die Pflicht, darüber zu sprechen.

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