Musizieren unter Extrembedingungen: Turmblasen auf dem Steinhagener Weihnachtsmarkt

Das Turmblasen gehört zu den lieb gewonnenen Traditionen des Steinhagener Weihnachtsmarktes. Für die acht Musiker vom Posaunenchor ist es ein Musizieren unter Extrembedingungen

Frank Jasper

Ungewöhnlicher Auftrittsort: Einmal im Jahr zum Weihnachtsmarkt steigt Kantorin Annette Petrick mit sieben weiteren Posaunenchormitgliedern in den Glockenturm der Dorfkirche. Dort spielen sie weit hörbar zum Abschluss der Veranstaltung einige feierliche Choräle. Rechts im Bild: eine der großen Glocken.  - © Frank Jasper
Ungewöhnlicher Auftrittsort: Einmal im Jahr zum Weihnachtsmarkt steigt Kantorin Annette Petrick mit sieben weiteren Posaunenchormitgliedern in den Glockenturm der Dorfkirche. Dort spielen sie weit hörbar zum Abschluss der Veranstaltung einige feierliche Choräle. Rechts im Bild: eine der großen Glocken.  (© Frank Jasper)

Steinhagen. „Und um Viertel nach bitte nicht erschrecken", sagt Annette Petrick, „dann schlägt nämlich die Glocke einmal". Oben im Turm der Steinhagener Dorfkirche erklärt die Kantorin der evangelischen Kirchengemeinde den Brauch des Turmblasens, mit dem alljährlich der Weihnachtsmarkt sein offizielles Ende findet. „Seit Beginn der Veranstaltung, also seit 44 Jahren, gehört das Turmblasen zum Weihnachtsmarkt wie Glühwein und Nikolaus", holt Annette Petrick aus. Dann ist es Viertel nach – und wir erschrecken uns.

Wenn kommenden Sonntag die letzten Akkorde beim Weihnachtskonzert der Steinhagener Chöre in der Dorfkirche verklungen sind, geht es eine Etage höher weiter. Dann, gegen 19 Uhr, werden acht Turmbläser vom Posaunenchor oben im Kirchturm stehen und zum feierlichen Abschluss der dreitägigen Veranstaltung einige Choräle intonieren. „Es sind acht Musiker, damit wir die vierstimmigen Sätze spielen können", erklärt Annette Petrick. Mehr Personen hätten auf der höchsten Bühne der Gemeinde ohnehin keinen Platz. Denn wie vernommen, hängen hier zwischen hölzernen Querbalken die Kirchenglocken.

Einigermaßen schwindelfrei sollten die acht Turmbläser schon sein. Bevor sie ihre Notenblätter aufschlagen können, müssen sie ihre Instrumente und Notenständer 60 schmale Stufen den Turm hochbalancieren. Bereits der Aufstieg ist eng. „Oben postieren sich dann jeweils vier Bläser vor ein Fenster, um in zwei verschiedene Richtungen zu spielen. „Man soll uns ja auch gut hören. Und das klappt tatsächlich sehr gut", weiß Kantorin Annette Petrick.

Kuhlo wird gespielt

Gespielt werden Kompositionen aus einem uralten Choralbuch von Johannes Kuhlo, der Eingeweihten als »Posaunmengeneral aus Jöllenbeck« ein Begriff sein dürfte. Kuhlo gilt als Gründer der evangelischen Posaunenchorbewegung Deutschlands. „Er gehörte zur Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert", erzählt Annette Petrick. „Damals brauchte man mobile Begleiter für den Gesang bei Missionsveranstaltungen. Eine Orgel war denkbar unpraktisch. Gleichzeitig wollte man den vielen Arbeitslosen, die damals während der Industrialisierung ihre Jobs verloren, eine sinnvolle Aufgabe geben. Also drückte man ihnen Posaunen in die Hand. Die Posaunenchöre, die sich damals gründeten, brachten das Evangelium auf klingende Weise zu den Leuten."

Bis heute fühlen sich die Posaunenchöre diesem Ansinnen verpflichtet. Auch und gerade zur Weihnachtszeit. „Im Choralbuch von Johannes Kuhlo befinden sich besonders viele Weihnachtslieder", sagt Annette Petrick. Daraus trifft sie eine Auswahl. Etwa zehn Minuten dauert das Turmblasen. Das Lied, das in keinem Jahr fehlen darf und immer als letztes gespielt wird: »O du fröhliche«.

Punsch, damit die Musikerhände wieder auftauen

Extrem ist nicht nur die Enge im Glockenturm, auch die Kälte macht den Turmbläsern in manchen Jahren zu schaffen. „Das Posaunenspiel wird bei Temperaturen unter Null Grad problematisch, weil die Instrumente Schaden nehmen können", erläutert die Kantorin. Trotzdem musste das Turmblasen ihres Wissens nach in den 44 Jahren noch nie abgesagt werden.

Damit die Musikerhände nach dem Turmblasen wieder auftauen, treffen sich die acht beteiligten Chormitglieder nach ihrem Auftritt immer am Stand der St.-Hedwiggemeinde auf einen Punsch, verrät Annette Petrick noch. Denn der habe immer noch ein Weilchen länger auf. Danach ist der Steinhagener Weihnachtsmarkt aber wirklich zu Ende.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.