"Lüül und Band" in Steinhagen: Vier Hippies stürmen den Ratssaal

"Lüül und Band" liefern Songwriter-Musik aus der Hauptstadt. Mal kantig, mal hymnisch und ab und zu auch mit einer Prise Pathos singen sie sich in die Ohren und Herzen der Gäste.

Jonas Damme

Bei »Party People« kocht die Stimmung: Auch wenn Lüül alias Lutz Graf-Ulbrich sich in den Anmoderationen eher zurückhaltend gibt, entstehen einige euphorische Mitsingmomente. Akkordeonspieler Kruisko und Kontrabassist Daniel Cordes machen die Stichwortgeber. - © xxx
Bei »Party People« kocht die Stimmung: Auch wenn Lüül alias Lutz Graf-Ulbrich sich in den Anmoderationen eher zurückhaltend gibt, entstehen einige euphorische Mitsingmomente. Akkordeonspieler Kruisko und Kontrabassist Daniel Cordes machen die Stichwortgeber. (© xxx)

Steinhagen. Lüül – schon der Künstlername lässt erahnen, dass der Musiker mit einer gewissen Exzentrik zu spielen weiß. So dann auch am Dienstagabend auf der Bühne. Lutz Graf-Ulbrich, wie der Berliner Songwriter mit bürgerlichem Namen heißt, hat drei Begleiter und insgesamt 13 Instrumente im Gepäck. Auf der kleinen improvisierten Bühne des Ratssaals stehen Barhocker bereit. Rund 60 Neugierige haben sich eingefunden, um dem bereits zweiten Gastspiel des 65-Jährigen in Steinhagen beizuwohnen.

Ebenfalls im Gepäck hat Lüül sein neues Album – sein mittlerweile elftes. Es hört auf den schönen Titel »Fremdenzimmer« und so klingt es auch. Obwohl es kein reines Konzeptalbum ist, klingen einige Themen doch immer wieder durch. Lüül erzählt wiederholt von seinen Reisen: Mehrmals wanderte er auf Hawaii, lag am Strand von Mexiko oder starrte voller Erleuchtung in den afrikanischen Himmel.

Berührungslose Musik: Kerstin Kaernbach erzeugte am Theremin sphärische Klänge. - © xxx
Berührungslose Musik: Kerstin Kaernbach erzeugte am Theremin sphärische Klänge. (© xxx)

Die Strophen darüber sind oft einfach gehalten, da wird auch schonmal »Sonne« auf »Wonne« gereimt. Manchmal klingt das trivial, hier und da etwas pathetisch, in den besten Momenten aber nach guter, authentischer Songwritermusik, der man auch mal eine vordere Chartplatzierung gönnen würde.

Hängematten am Strand, sternklare Nächte

Ins wirklich Kitschige hingegen rutschen diese Berichte von der Hängematte am Strand oder sternklaren Nächten trotzdem nie ab. Das ist auch der vorsichtig anklingenden Selbstironie zu verdanken, mit der die Berliner Truppe ihr Publikum einzunehmen weiß. So sind sich Kontrabassist Daniel Cordes und Akkordeonspieler Kruisko (seinen Nachnamen hält der Mann mit Hut geheim) nicht zu schade, zum Urlaub die Möwen und den Wind zu vertonen.

Ein weiteres Thema, dass Graf-Ulbrich in den Liedern und den Anmoderationen immer wieder aufgreift, ist seine nicht zu überhörende West-Berliner Herkunft. Gerne spielt er mit Großstadtklischees, singt alte Gassenhauer, wie die »Hochzeit Bei Zickenschulze« oder beschwert sich über die Berliner Verkehrsbetriebe. Das ganze wird natürlich garniert, mit dem, was von einem altgedienten Songwriter wohl erwartet wird: kleineren Alkohol- und Drogenerlebnissen, ein bisschen Kritik an der allgemeinen Lage der Welt und am Rande erwähnten Liebesgeschichten.

Instrumentell, dass muss man sagen, bringt die Band großes Kino. Da hört man auch die Erfahrung, die die drei Musiker aus ihrer gemeinsamen Arbeit bei den legendären »17 Hippies« haben. Jeder der Musiker wechselt sich durch eine ganze Auswahl von Instrumenten. Lüül tauscht die Akustikgitarre auch schonmal gegen eine elektrische, wenn nötig kommt aber auch ein Banjo oder eine Ukulele zum Einsatz. Bass und Akkordeon kümmern sich nebenbei um das Xylofon und bedienen den Minipops-Drumcomputer, der das Schlagzeug ersetzt.

Schon vor der Zugabe gibt es stehende Ovationen

Die wohl interessanteste Multiinstrumentalistin des Abends ist aber Geigerin Kerstin Kaernbach. Ansatzlos wechselt sie zwischen ihrem Hauptinstrument, einer Singenden Säge und einem sogenannten »Theremin«. Dieser schwarze Kasten gilt als das einzige Instrument überhaupt, das berührungslos gespielt wird. Beim Theremin beeinflusst die Bewegung der Hände ein elektromagnetische Feld, steuert so Tonhöhe und Lautstärke und schafft sphärische Töne. Spätestens dieser Sound macht Lüüls Band einzigartig.

Das findet auch das Steinhagener Publikum. Schon vor der Zugabe gibt es stehende Ovationen. Lüül aber, jahrzehnte erfahrener Profi, der er ist, hat sich für den Schluss noch drei seiner mitreißensten Stücke aufgespart. So endet das abendfüllende Konzert, wie es sein soll: als es am schönsten ist. Und dass die Künstler sich dann trotz des fortgeschrittenen Abends noch Zeit für Gespräche nehmen, macht sie endgültig sympathisch.

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