Diskussion um Organspende: Anja Warnke lebt mit einem Spenderorgan

Frank Jasper

Lebt seit zehn Jahren mit einer gespendeten Leber: Anja Warnke empfindet tiefe Dankbarkeit und hofft, dass durch die aktuelle Diskussion Organspenden nicht mehr die Ausnahme bleiben, sondern zum Normalfall werden. - © Frank Jasper
Lebt seit zehn Jahren mit einer gespendeten Leber: Anja Warnke empfindet tiefe Dankbarkeit und hofft, dass durch die aktuelle Diskussion Organspenden nicht mehr die Ausnahme bleiben, sondern zum Normalfall werden. (© Frank Jasper)

Steinhagen. Die Zahl der Organspenden hat nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation im vergangenen Jahr mit 797 Spenden einen Tiefpunkt erreicht. Alle Versuche der Politik, das zu ändern, bleiben bislang ohne Erfolg. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schlägt jetzt vor, dass jeder Bürger automatisch als Organspender gilt – außer er selbst oder Angehörige widersprechen. Richtig, findet das Anja Warnke.

Die 46-jährige Steinhagenerin lebt seit zehn Jahren mit einer gespendeten Leber. „Hätte es damals nicht diese eine Person gegeben, von der ich die Leber bekommen habe – dann stände ich jetzt nicht hier", sagt Anja Warnke. Für sie ist der Tag der Lebertransplantation so etwas wie ein zweiter Geburtstags. Das mag kitschig klingen, ist aber mehr als eine leicht dahingeworfene Floskel. „Tatsächlich besuchen mich dann meine beiden Söhne, ich backe einen Kuchen und Freunde gratulieren mir", erzählt Anja Warnke.

Geht mit gutem Beispiel voran: Anja Warnke zu Besuch bei Bürgermeister Klaus Besser, der einen Organspendeausweis besitzt. - © Frank Jasper
Geht mit gutem Beispiel voran: Anja Warnke zu Besuch bei Bürgermeister Klaus Besser, der einen Organspendeausweis besitzt. (© Frank Jasper)

Es passiert im September 2008. Mit erhöhten Leberwerten wird die damals 36-Jährige ins Haller Krankenhaus eingeliefert. Sie fällt ins Koma, wacht erst nach fast vier Wochen im Oktober wieder auf. In der Zwischenzeit hat sie in der Medizinischen Hochschule in Hannover eine neue Leber erhalten. Bis heute wissen die Ärzte nicht, warum ihre Leber vergiftet war. Anja Warnke muss sich mit der Diagnose „Unklare Genese" zufrieden geben. Die Organspende hat ihr das Leben gerettet. „Ich habe damals großes Glück gehabt", sagt sie.

Sie ist "unendlich dankbar"

Jetzt, wo überall wieder über Organspende diskutiert wird, möchte sie dem Thema ein Gesicht geben. Ja, es habe in den vergangenen Jahren schlimme Skandale über Organhandel gegeben. Das stehe dann überall in der Zeitung und habe viele Menschen verständlicherweise verunsichert. „Aber die Menschen, die ohne ein neues Herz, eine neue Niere oder eine neue Leber nicht mehr am leben wären – von denen liest und hört man kaum etwas", bedauert Anja Warnke. Sie ist eine von ihnen – und sie ist „unendlich dankbar".

Die meisten Menschen würden sich erst mit dem Thema beschäftigen, wenn Angehörige oder sie selbst betroffen seien. Darum fordert die Steinhagenerin mehr Aufklärung. „Da muss man auch die Ärzte in die Pflicht nehmen. Warum liegen in den Wartezimmern Modezeitschriften aus, aber keine Informationen über Organspende?", fragt sie sich. Jeder Mensch sollte sich zu Lebzeiten die Frage stellen, ob er Organe nach seinem Tod spenden möchte oder nicht.

„Diese Entscheidung kann ich meinen Angehörigen abnehmen"

Das nehme im Fall der Fälle viel Last von den Schultern der trauernden Angehörigen, die sich in einer Ausnahmesituation befänden, wenn sie von Ärzten um eine Entscheidung gebeten werden. „Diese Entscheidung kann ich meinen Angehörigen abnehmen", sagt Anja Warnke . Als Betroffene, die dank einer Spenderleber noch lebt, ist ihr Appell eindeutig: „Schenkt das Leben weiter!" Eine Widerspruchslösung – so ihre Hoffnung – würde die Organspende zum Normalfall machen.

Zehn Jahre nach der Transplantation muss Anja Warnke noch immer Medikamente nehmen, die dafür sorgen, dass ihr Körper das gespendete Organ nicht abstößt. Die Frührentnerin ist nicht mehr so belastbar wie vor der Krankheit. „An manchen Tagen zwingt mich mein Körper zur Ruhe. Aber ich kann einem Job als Betreuerin in einer WG für Pflegebedürftige nachgehen", erzählt Anja Warnke , „dort kann ich anderen Menschen etwas zurückgeben." Auch das ein Weg, Danke zu sagen für ein neues Leben.

Info
Mehr Spender

Bürgermeister Klaus Besser und die Gemeinde haben Anja Warnke vor zehn Jahren durch die schwere Zeit begleitet und unterstützt. Jetzt trafen sie sich wieder.

Seit 1999 ist Klaus Besser in Besitz eines Organspendeausweises. Er ist ein Befürworter der Widerspruchslösung: „Dann hätten wir sicher mehr Spender."

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