Unterwegs auf dem Jakobsweg: "Ich habe viel Ballast abgeworfen"

Frank Jasper

Geschafft: Michael Jürgen hat die 800 Kilometer lange Strecke trotz seiner Krankheit bewältigt. - © Michael Jürgen
Geschafft: Michael Jürgen hat die 800 Kilometer lange Strecke trotz seiner Krankheit bewältigt. (© Michael Jürgen)

Steinhagen/Muxia. Trotz oder gerade wegen seiner seltenen, unheilbaren Krankheit hat sich Michael Jürgen vor einem Monat auf den Jakobsweg begeben. Für den 29-jährigen Amshausener war es mehr als ein Selbstfindungstrip.

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Herr Jürgen, wo erreiche ich Sie gerade telefonisch?

Michael Jürgen: Nachdem ich mein eigentliches Ziel Santiago de Compostela erreicht habe, bin jetzt auf dem Weg zum Küstenort Muxia, um dort die Pilgerreise Revue passieren zu lassen. Ich sehe schon das Meer.

Die Erholung sei Ihnen gegönnt. Wie anstrengend war denn nun der Jakobsweg?

Das Ziel der Pilger: In der Kathedrale von Santiago de Compostela soll der Apostel Jakobus begraben sein. FOTO: dpa/Turespana - © dpa-tmn
Das Ziel der Pilger: In der Kathedrale von Santiago de Compostela soll der Apostel Jakobus begraben sein. FOTO: dpa/Turespana (© dpa-tmn)

Jürgen: Die 800 Kilometer zu Fuß durch Spanien habe ich innerhalb von 30 Tagen wirklich gut geschafft. Im Durchschnitt waren es 25 Kilometer pro Tag. Während viele Mitpilger die Fußsohlen voll Blasen haben, bin ich wohlauf. Ich könnte immer weiter laufen.

Hat sich Ihre Krankheit auf dem Jakobsweg bemerkbar gemacht?

Jürgen: Die Krankheit merke ich bei jedem Schritt. Aber die Ärzte sagen, dass Bewegung wichtig ist. Das lockert die Muskulatur und macht sie geschmeidig. Aber vor allem, wenn’s Berg runter ging, habe ich gemerkt, dass ich weniger Kraft in den Beinen habe.

Sie wollten mit ihrer Pilgerreise auch auf die seltene Hereditäre Spastische Paraplegie (HSP) aufmerksam machen. Ist das gelungen?

Jürgen: Der Jakobsweg ist auf der einen Seite eine sehr persönliche Angelegenheit gewesen, andererseits wollte ich aber auch Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Balance, beides unter einen Hut zu bekommen, ist mir ganz gut gelungen. Viele haben auf meinem Internetblog die einzelnen Etappen verfolgt und mir Mut gemacht. Außerdem haben meine Unterstützer rund 2.000 Euro für die Tom-Wahlig-Stiftung gespendet, die sich für HSP-Betroffene einsetzt. Darüber freue ich mich sehr.

Vielleicht haben Sie dem ein oder anderen auch Mut gemacht.

Jürgen: Das wäre schön. Ich habe versucht, ein Beispiel dafür zu sein, sich in schwierigen Situation nicht aufzugeben und sich für die Dinge, die einen persönlich bewegen, einzusetzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Umwelt, Politik, Kirche oder Sonstiges geht.

Was hat der Jakobsweg Ihnen ganz persönlich gebracht?

Jürgen: Pilgern verändert die Perspektive in vielerlei Hinsicht. Ich habe gelernt, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind, die man im Alltag als selbstverständlich ansieht. Pilgern ist auch eine Lektion in Bescheidenheit. Vier Wochen lang habe ich jeden Tag ein und dasselbe Paar Socken getragen, zuhause habe ich davon 20. Der Jakobsweg hat mir einen Blick über den Tellerrand ermöglicht, indem ich Unterhaltungen mit Menschen aus aller Welt haben konnte. Pilgern wirft Ballast ab. Der Jakobsweg zwingt einen dazu, mindestens einmal an einen emotionalen Tiefpunkt zu kommen und er lässt einen hinterher umso unbeschwerter weiterziehen.

Klingt nach einem ganzheitlichen Selbstfindungsprogramm.

Jürgen: So ist es. Man sagt ja auch: Das erste Drittel des Weges ist für den Körper, das zweite für den Kopf und das dritte für das Herz. Das kann ich so unterschreiben.

Wie war der Moment, als Sie endlich am Ziel, in Santiago de Compostela, angekommen sind?

Jürgen: Ganz ehrlich? Das war eher eine nüchterne Angelegenheit. Am vorletzten Tag waren es nur noch fünf Kilometer bis zum Ziel. Ich wollte aber unbedingt morgens ankommen, wenn noch nicht so viel Trubel herrscht, damit ich den Moment genießen kann. Also hab ich mich morgens um halb acht auf den Weg gemacht. Trotzdem war es dann gar nicht besonders spannend. Viel bewegender waren die Begegnungen mit den Menschen aus aller Welt und die wunderschönen Landschaften. Für den Jakobsweg gilt tatsächlich: Der Weg ist das Ziel.

Wann geht’s zurück nach Steinhagen?

Jürge n: Am Montag. Dann habe ich noch vier Tage frei, bevor Job und Studium losgehen. Jedem, der überlegt, sich auf so eine oder eine ähnliche Reise zu begen, kann ich nur empfehlen, sofort den Rucksack zu packen und durchzustarten.

Info
Den Reiseblog von Michael Jürgen finden Sie bei Facebook unter »Ich lauf’ dann mal weiter«.

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