Luftkrieg in der Aula

Edwin Rekate

Des Teufels General - © Edwin Rekate
Des Teufels General (© Edwin Rekate)
Des Teufels General trink Steinhäger - © Edwin Rekate
Des Teufels General trink Steinhäger (© Edwin Rekate)

Steinhagen. Zack – mit zielsicherem Griff verschwindet eine Weinflasche von der reichlich gedeckten Tafel. Nach nicht einmal 60 Sekunden Spielzeit hagelt es Lacher und ersten Szenenapplaus, als Hauptmann Pfundmayer aus der Fliegerstaffel Eilers (gespielt von Peter Schmidt-Pavloff) die charakteristische Kruke, in der die bekannte, mit Wacholder aromatisierte Spirituose für hochprozentige Partystimmung sorgen soll, aufs Bankett zaubert.

Eingeladen zur fiktiven Feier hat Luftwaffengeneral und Flieger-Ass Harry Harras. Der im Schauspiel regimekritisch auftretende, parteilose Harras (vehement verkörpert von Gerd Silberbauer) hat ein reales Vorbild: den Generalluftzeugmeister Ernst Udet, den der Autor Carl Zuckmayer persönlich kannte.

„Wie gefällt Ihnen meine neue Uniform?" – „Zu braun!"

Anlässlich Udets Suizid am 17. November 1941 verfasste Zuckmayer, der 1938 in die USA emigriert war, das Theaterstück, das seit 1947 in Deutschland öffentliche Diskussionen von lebhafter Heftigkeit auslöst, handelt es doch von moralischen Fragen des aktiven Widerstands und der passiven Duldung. In der aktuellen Landgraf-Produktion prasseln 13 kontroverse Charaktere aufeinander, es kommunizieren Opportunisten, Weltverbesserer, Saboteure und demagogische Ideologen.

Des Teufels General - © Edwin Rekate
Des Teufels General (© Edwin Rekate)

Bei der expressiven Umsetzung des Dramas, das derzeit vom zwölfköpfigen Ensemble bald mehr als 100 Mal im In- und Ausland aufgeführt worden sein wird, übernimmt das multifunktionale Bühnenbild wandelbare Aufgaben.

Die Tragfläche eines Jagdbombers gliedert den bespielten Raum in zwei Handlungsebenen, es gibt ein klar hie-rarchisch gegliedertes Oben und Unten. Schwarze Fallschirme bilden den Hintergrund, ein weißer Schirm dient als Tischdecke, auf der im ersten Akt strahlend allerlei Genussmittel angerichtet werden. Im zweiten Akt rückt die neongrün beleuchtete Propeller-Bar, eine umfunktionierte Windmaschine, in der Privatwohnung des Generals Harras in den Vordergrund, die im dritten Akt zur stark qualmenden Triebwerksgondel mutiert, und, von Luftkampfgeräuschen begleitet, einen Bombenangriff simuliert und beim Publikum durchaus Beklemmung schürt.

Des Teufels General - © Edwin Rekate
Des Teufels General (© Edwin Rekate)

Aber nicht das abstrakte Ambiente steht im Vordergrund, sondern die Protagonisten. Corpsgeist, Gehorsamkeitsideal, Regimekritik und Widerstand stehen im Mittelpunkt des Dramas, in dem ausgelassen getrunken und wild getanzt wird. So wie die vier Frauen, die vom System so auf Kurs gebracht wurden, dass sie in Sonderschulungen Fächer wie Weltanschauung, Rassenpolitik, Zuchtwahl und Geschlechtshygiene studieren.

„Zum Abgewöhnen", kontert Harras, der auf ihre neugierige Frage „Wie gefällt Ihnen meine neue Uniform?" schlicht mit „Zu braun!" antwortet. „Die Komödie ist vo-rüber, abschminken kann ich mich allein. Wer auf Erden des Teufels General wurde und ihm die Bahn gebombt hat – der muss ihm auch Quartier in der Hölle machen", kommentiert Harras. Er, in dessen Ressort die Zuständigkeit und Verantwortung für die beim Flugzeugbau verwendeten Materialien fällt, muss nach physischem und psychischem Druck durch die Gestapo erkennen, dass sein Chefingenieur Oderbruch als Widerstandskämpfer die neuen Flugzeugkomponenten sabotiert. Der Karrierist endet tragisch: Er klettert in ein sabotiertes Flugzeug, stürzt ab und stirbt.

Mehr als 300 ergriffene Zuschauer spendeten den Schauspielern, die sich in ihrer Rollenambivalenz bis zur Erschöpfung vorgekämpft hatten, donnernden Applaus.

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